Viele Schulen sind an der Kapazitätsgrenze. Korntal-Münchingen ist da keine Ausnahme. Foto: dpa/Marcus Brandt

Korntal-Münchingen beschäftigt sich mit der Frage, in welchem Maß die Stadt noch wachsen will, wachsen kann. Eine neue Analyse kommt mit vielen roten Zahlen daher.

Schon jetzt platzt so manche Schule in der Stadt aus allen Nähten. Die Lage wird sich verschärfen, denn in allen öffentlichen Schulen wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler deutlich steigen. Zu diesem Ergebnis kommt Stefanie Geßmann-Reichert von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung in Ludwigsburg, kurz GMA. Korntal-Münchingen hat das Institut beauftragt, für die Erstellung ihres Stadtentwicklungskonzepts unter anderem eine Schulbedarfsanalyse vorzulegen. Sie will wissen, in welchem Maß die Infrastruktur – wie die Schulen – ausgebaut werden muss, um den Bedarf der zusätzlichen Einwohner ausreichend zu decken – etwa den Zuwachs durch das Neubaugebiet Korntal-West, rund 1000 Menschen. Auf dieser Grundlage entscheidet Korntal-Münchingen, wie stark die Stadt grundsätzlich noch wachsen will, wachsen kann – und damit auch darüber, welche Baugebiete in naher oder ferner Zukunft noch umgesetzt werden.

 

Laut Geßmann-Reichert müssen sowohl die Grundschulen als auch weiterführenden Schulen über kurz oder lang zusätzliche Klassen bilden. Was einfacher klingt, als es ist: Nur die Teichwiesenschule (Grundschule) habe genug Platz, um zusätzliche Klassen unterzubringen. „Hier kann der Bedarf in allen Szenarien gedeckt werden“, sagt Stefanie Geßmann-Reichert. Damit meint sie: Sowohl dann, wenn die Stadt alle möglichen Bauvorhaben bis zum Jahr 2035 umsetzt, als auch, wenn sie lediglich die bereits geplanten Projekte bis zum Jahr 2024 für etwa 1700 Menschen („Status quo“) realisiert. In der Flattichschule (Grundschule) könne es schon beim Erhalt des Status quo in den Prognosejahren 2025 und 2030 zu einem „leichten Engpass“ kommen. Der lasse sich aber temporär über bestehende Räume auffangen.

Realschule mit hoher Nachfrage aus dem Umland

Die zwei Grundschulen zuzüglich der im Jahr 2019 in Korntal eröffneten Freien Evangelischen Schule Strohgäu zählen derzeit 793 Kinder – vor zehn Jahren waren es noch rund 700. Die FES nimmt auch Grundschulkinder von auswärts auf. Allein beim Status-quo-Szenario könnte in der Teichwiesenschule die Zahl der Schüler bis zum Jahr 2035 um gut 60 steigen, in der Flattichschule um rund 40, so Geßmann-Reichert.

„Stark wachsen“ wird ihr zufolge auch die Zahl der Schüler in den weiterführenden Schulen. Gab es im Jahr 2022 1213 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 16 Jahren, könnten es im Jahr 2035 bereits 1401 sein. Bei den 16- bis 18-Jährigen steigt die Zahl auf 465 – im Jahr 2022 waren es 399. Auch diese Zahlen beziehen sich auf das Szenario „Status quo“. Stefanie Geßmann-Reichert stellt fest, dass die Realschule mit fast 600 Schülern – ausgelegt ist sie für 560 – „eine hohe Nachfrage“ aus dem Umland hat, aber schon jetzt nur noch wenige Kinder von außerhalb aufnehmen könne. „Es fehlen Gruppenarbeitsräume, Aufenthaltsräume; eine Vorbereitungsklasse wurde ins Feuerwehrhaus ausgelagert“, berichtet die Frau von der GMA. Außerdem müsse die Schule modernisiert werden.

Expertenvorschlag: Anzahl auswärtiger Schüler reduzieren

Dramatischer beschreibt Stefanie Geßmann-Reichert die Lage im Gymnasium, konzipiert als vierzügige Schule. Da die Klassen fünf bis sieben momentan aber fünfzügig seien, würden die Fachräume knapp – und Stunden würden ausfallen. Allerdings können weder die Realschule noch das Gymnasium groß erweitern. Die Stadt müsse Konsequenzen ziehen. „Der Anteil der auswärtigen Schüler muss in den nächsten Jahren reduziert werden, um sicherzustellen, dass alle Schüler aus Korntal-Münchingen an der Realschule und am Gymnasium einen Platz bekommen“, sagt Stefanie Geßmann-Reichert. Nehmen die beiden Schulen nur noch junge Leute aus der Stadt auf, kommen sie im Szenario „Status quo“ auf jeden Fall ohne zusätzliche Räume aus.

Der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) steht dem Vorschlag offen gegenüber. Man müsse darüber nachdenken, die Zahl der auswärtigen Schüler zu senken, und dies prüfen lassen. Weil laut dem Schulgesetz im Land ein Wahlrecht für die weiterführende Schule besteht – Eltern beziehungsweise volljährige Schüler entscheiden nach der Grundschule selbst über die weitere Schulart – , lässt sich das aber womöglich nicht oder nur schwierig umsetzen. Die Aufnahme eines Schülers darf nicht wegen des Wohnorts abgelehnt werden. Fehlen Kapazitäten, kümmert sich die Schulaufsichtsbehörde um die Verteilung der Schüler.

Hoffnung ruht auch auf der Freien Evangelischen Schule

Ebenfalls bringt der Rathauschef einen Ganztagsbetrieb in beiden Grundschulen ins Spiel. „Die größte Herausforderung ist es, den Betreuungsanspruch ab dem Jahr 2026 zu erfüllen“, sagt er. Vom Schuljahr 2026/2027 an hat bundesweit jedes Grundschulkind ein Recht auf Ganztagsbetreuung. Unklar ist vielen Kommunen, woher die nötigen Räume sowie angesichts des schon jetzt akuten Fachkräftemangels vor allem das nötige Personal kommen sollen. Im Stadtteil Korntal braucht es laut der GMA beim Szenario „Status quo“ im Jahr 2030 wohl 30 bis 40 Kernzeitplätze mehr und 130 zusätzliche Hortplätze. In Münchingen könnte sich der Zusatzbedarf auf etwa 40 Kernzeitplätze und 117 Hortplätze belaufen.

Vielleicht entlastet die Freie Evangelische Schule die Stadt künftig nicht mehr nur, indem sie Grundschüler aufnimmt, aktuell sind es rund 100. Laut dem Bürgermeister Noak kann sich die Einrichtung vorstellen, eine weiterführende Schule zu etablieren. Offen sind demnach bisher aber die Schulart ebenso wie der Starttermin. Würde es nach dem Rathauschef gehen, gäbe es eine Gemeinschaftsschule. Die Chefin der Freien Wähler im Gemeinderat, Marianne Neuffer, merkte an, dass auch eine Werkrealschule fehlt – die Schüler aus Korntal-Münchingen deshalb andernorts besuchen. Aus diesem Grund ist es Neuffers Ansicht nach nicht so einfach, auswärtige Schüler abzulehnen.