In das Neubaugebiet Korntal-West werden am Ende rund 1000 Menschen eingezogen sein. Foto: Jürgen Bach

Korntal-Münchingen beschäftigt sich mit der Frage, wie viele weitere Einwohner die Stadt noch verträgt. In den vergangenen Jahren ist die Kommune überdurchschnittlich gewachsen. Bauprojekte jedenfalls hätte sie genug im Angebot – doch fraglich ist, welche noch kommen.

Wie viele Einwohner verträgt die Stadt (noch?) Und welche Infrastruktur ist dafür nötig? Antworten auf Fragen wie diese gibt das Stadtentwicklungskonzept, das bald fertig ist. Es ist ein Blick in die Zukunft Korntal-Münchingens, ein Leitbild mit dem Ziel, die mittel- bis langfristige räumliche Entwicklung perspektivisch aufzuzeigen. Das Wachstum der Bevölkerung steht dabei ebenso im Fokus wie die Wohnraumversorgung und soziale Infrastruktur. Zur Pflege und zum Wohnen hat Fabian Heumann von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) in Ludwigsburg jetzt Prognosen geliefert.

 

Fabian Heumann sagt, die Bevölkerung nehme entsprechend des allgemeinen demografischen Trends stark bei Senioren und gerade den Hochbetagten zu. „Der Pflegebedarf wird dadurch stark ansteigen, sodass professionelle Angebote im stationären und verstärkt im ambulanten Bereich weiter ausgebaut werden müssen.“ Dabei steige die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt mehr als erwartet. Auch die Nachfrage nach betreutem Wohnen werde wachsen – wegen zunehmender Akzeptanz der Wohnform und politischer Förderung. Mehr Pflegebedürftige bedeuten zudem mehr Personalbedarf. „Ein deutlicherer Anstieg ist vor allem bis zum Jahr 2035 zu erwarten“, so Heumann.

Gute Zahlen für die Pflege

Noch steht die Stadt gut da. Sie hat drei Pflegeheime mit 194 Plätzen – ergibt einen Versorgungsgrad von 107 Prozent. Es hat also in etwa so viele Plätze wie Bedarf. Hier liegt die Stadt über dem Durchschnitt des Landkreises: Je 1000 Einwohner von 65 Jahren an hat sie 47,2 Plätze in Pflegeheimen, der Kreis hat bloß 37,1. Auch beim betreuten Wohnen weist Korntal-Münchingen eine im Vergleich „überdurchschnittliche Ausstattung“ auf: fünf Wohnanlagen, 139 Wohneinheiten. Macht einen Versorgungsgrad von 97 Prozent. Je 1000 Einwohner von 65 Jahren an gibt es 33,8 Wohneinheiten in betreuten Anlagen. Über den Kreis hinweg sind es 25,5.

Auf den guten Zahlen ausruhen kann sich die Stadt aber nicht. Bei den Pflegeheimplätzen sowie beim betreuten Wohnen kann „der Bedarf künftig ohne Ausbau nicht gedeckt werden“, sagt Fabian Heumann. Er betrachtet die Variante „stationär“ und die zugunsten der ambulanten Pflege. Bei einer Verschiebung zu mehr ambulanter Versorgung braucht die Stadt bis zum Jahr 2030 insgesamt 199 Heimplätze, bis zum Jahr 2045 sind es 213. Andernfalls sind es schon 213 Plätze bereits im Jahr 2030 und 229 fünf Jahre später. Diese Prognosen gelten jedoch nur beim Bevölkerungsszenario „Status quo“ – wenn die Stadt bloß die Bauprojekte umsetzt, die bereits realisiert werden, wie Korntal-West und in Münchingen Südlich Werre.

Wohnungsbestand langsamer gewachsen als Bevölkerung

Die Bevölkerung ist in Korntal-Münchingen in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen. Das zeigt die Wohnraumbedarfsanalyse. Demnach ist in der vorigen Dekade die Einwohnerzahl um rund sieben Prozent gestiegen, wohingegen es beim Wohnungsbestand nur gut vier Prozent sind. Das hat Folgen: „Gemessen an der Haushaltszahl gibt es rechnerisch aktuell nicht genügend Wohnungen“, so Heumann. Die „Bezahlbarkeit“ sei aber noch gewährleistet. Aktuell leben in der Stadt 20 250 Menschen. Beim Szenario „Status quo“ sind es im Jahr 2045 rund 21 200 Einwohner. Realisiert die Stadt alle möglichen Bauvorhaben, wären es etwas mehr als 25 900 Einwohner. „Grundsätzlich steigt der Bedarf an Dauerpflegeplätzen mit der Realisierung von Wohnbauprojekten“, sagt Fabian Heumann. Die Lücke betrage anno 2045 bis zu 75 Plätze – bei einer Realisierung aller Bauprojekte. Das entspräche einem kleinen Pflegeheim.

Dagegen liegt beim betreuten Wohnen der Bedarf bei allen Bevölkerungsszenarien über dem Bestand. „Die Lücke ist höher als bei Dauerpflegeplätzen“, sagt Fabian Heumann. Hält die Stadt bei der Einwohnerzahl am Szenario „Status quo“ fest, benötigt sie 170 Wohneinheiten bis zum Jahr 2030, 182 bis zum Jahr 2045. Auch hier gilt: Mit zunehmenden Wohnbauprojekten steigt der Bedarf an Einheiten des betreuten Wohnens. Bei einer Lücke von 31 bis 41 Einheiten schon im Jahr 2030 entspräche dies einer kleineren Wohnanlage.

Anfang 2024 reden die Bürger mit

Ob je, wie einst angedacht, in Korntal im Greutter-Aichelin-Gebiet mal mehr als 1000 Menschen wohnen oder in Münchingen das Baugebiet „Pflugfelder Weg“ kommt, bleibt offen. Erst will der Gemeinderat in einer Klausur alle Analysen diskutieren. Anfang nächsten Jahres findet dann eine Bürgerwerkstatt statt. Wobei: Viele Stadträte äußern sich schon jetzt skeptisch. „Wir sind zu schnell gewachsen“, findet Renate Haffner (SPD). Und spricht sich dafür aus, „die Bremse reinzuhauen und bedarfsorientiert zu bauen“. Albrecht Gaiser (Grüne) verweist darauf, dass die Einwohnerzahl um rund ein Drittel zunimmt, wenn die Stadt sämtliche Bauvorhaben umsetzt. Landesweit indes wächst bis zum Jahr 2040 die Einwohnerzahl um gerade mal 2,8 Prozent. Hinzu kommt, dass laut der Analyse der GMA die Stadt gut 90 Prozent des rechnerischen Bedarfs an Wohnraum deckt, wenn sie lediglich die Projekte umsetzt, die gerade realisiert werden.