Miss Baden-Württemberg: Im Alltag ist Nadine Berneis Polizistin im Revier auf der Partymeile Theodor-Heuss-Straße in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nadine Berneis ist 28 Jahre alt, Polizistin und Miss Baden-Württemberg. Im Gespräch verrät sie, warum sie nicht immer so selbstbewusst war und was ihre Chefs zur Kandidatur zur Miss Germany sagen.

Stuttgart - Termin mit Miss Baden-Württemberg auf dem Polizeirevier. Wo bitte? Hat alles seine Richtigkeit: Nadine Berneis ist Hauptmeisterin und im Revier Stuttgart I Theodor-Heuss-Straße Internetkriminellen auf der Spur.

Die 28-Jährige begrüßt den Besucher am Empfang zurückhaltend, ohne zu lächeln, fast, als würde sie ihn nur zu jemandem bringen wollen. So ist Nadine Berneis: ruhig, bedächtig, fast unauffällig. Bis sie lächelt. Dann bekommt sie markante Lachfalten um den Mund, und die Augen strahlen. Das Kühle im Ausdruck wird von Wärme verdrängt, und auf einen Schlag wird eine Ausstrahlung deutlich, mit der man eine Misswahl gewinnen kann.

„Früher war ich gar nicht selbstbewusst“, sagt Nadine Berneis und bestätigt den ersten Eindruck. Früher, das war in Dresden, wo sie aufgewachsen ist. Damals kämpfte sie mit ihrer markanten Zahnlücke, die sie „furchtbar“ fand: „Ich hab nie gelächelt“, sagt ­Berneis, „und als ich dann eine feste Zahnspange bekam, gleich dreimal nicht.“ Immerhin: Nach drei Jahren war die Lücke geschlossen. Und öffnete sich doch wieder, weil die 18-Jährige die Folgespange zum Herausnehmen nachts nicht trug. „Ich war einfach nicht konsequent“, sagt Nadine Berneis.

Langer Kampf mit dem eigenen Aussehen

Es dauerte Jahre, bis sie ihr Aussehen akzeptierte. Eine lange Zeit der Ausbildung, des Berufslebens. „Erst mit 24, 25 habe ich gesagt: Ich finde mich schön“, erinnert sich Berneis. Heute hat sie Mut zur Lücke. „Die Zahnlücke ist fast mein Markenzeichen geworden“, urteilt sie. Sexistisch beleidigt wurde sie in ihrem Berufsleben nie.

Trotz ihrer großen Neugier ist sie in ihrer Jugend in Dresden irgendwie auf keinen grünen Zweig gekommen. Passend dazu spricht sie kein Sächsisch. „Ich wäre, glaube ich, ein graues Mäuschen geblieben“, sagt Berneis, „wenn ich nicht mit 18 weggegangen wäre.“ Vom konservativen Elternhaus, von der katholischen Privatschule. Die Polizei hatte es ihr angetan, der vielfältigen Tätigkeiten von der Spurensicherung bis zur Reiterstaffel wegen. In Bayern schaffte sie die Aufnahmeprüfung nicht; doch Baden-Württemberg hatte 800 Stellen frei, und Bern­eis wurde genommen. Dumm nur, dass sie durchs Abitur fiel. Doch für den mittleren Dienst brauchte sie die Hochschulreife nicht. Berneis ging zunächst nach Biberach.

Die Vorgängerin als Vorbild

Die Jahre ließen sie reifen. Ein Freund schlug ihr vor, sich bei einer Model-Agentur zu bewerben. „Warum nicht?“, dachte sich Berneis und fügte ihrem Selbstbewusstsein ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu. Sie wurde aufgenommen, und nach einer ersten Durststrecke kamen seit 2016 auch zwei, drei Aufträge jährlich. Werbefotos für Baumärkte oder Versicherungen. Im vergangenen Jahr sah sie immer wieder die aktuelle Miss Germany Anahita Rehbein, die in einem Fitnessstudio am Killesberg arbeitet, in dem auch sie selbst trainiert.

Sie schaute immer wieder auf der Internetseite der Miss-Germany-Organisation, was Rehbein so macht und folgte ihr auf dem Fotoportal Instagram. Fazit: „Anahita erlebt viel, was man sonst nicht so erleben würde“, sagt ­Berneis, „die war sogar in den USA.“ Also registrierte sie sich für eine Miss-Germany-Karriere. Das habe sie durchaus Überwindung gekostet, denn: „Ich stehe eigentlich nicht so gerne im Mittelpunkt.“ Ihrem Freund, Vorstandsfahrer eines internationalen Konzerns, erzählte sie es erst hinterher: „Das hat ihm erst nicht so gefallen, aber als ich dann Miss Baden-Württemberg war, war er richtig stolz.“

Miss-Wahl als Geheimsache

Nur ihr Freund und eine Schwester, die in Mannheim lebt, waren im Bilde. Ansonsten hat Nadine Berneis, die im Sommer oft mit dem Rennrad unterwegs ist, alles geheim gehalten. Die Eltern und die anderen drei Geschwister bekamen davon erst Wind, als sie ein Foto eines Artikels über ihren Sieg in die Whatsapp-Gruppe der Familie einstellte. „Meine Eltern haben mir gesagt, das hätten sie mir nicht zugetraut“, erinnert sich die 28-Jährige. Im Kollegium habe sie nur positive Reaktionen mitbekommen, ihre Chefs würden ihr Engagement unterstützen. „Das ist ja auch eine super Werbung für die Polizei“, sagt Nadine Berneis, kurz bevor sie für drei Wochen ins Miss-Germany-Camp verschwindet, erst in Rust, dann auf Fuerteventura, dann wieder im Europa-Park.

Sie darf bei allerlei Workshops mitmachen: Knigge, auf dem Laufsteg gehen, für die Kamera posieren, ihre Talente ergründen. Die Frau, die 1,81 Meter groß und 64 Kilogramm leicht ist, die meist gesund isst, aber eine Schwäche für Erdnussbutter hat, die wenig Alkohol trinkt und viel schläft, die nur einmal im Jahr in einen Club und lieber öfter essen geht, die Urlaub am liebsten im eigenen Wohnmobil macht, freut sich. Auch wenn sie ihr Ziel, bei der Wahl am 23. Februar unter die ersten drei zu kommen, verfehlt, ist sie sich sicher: „Das bringt mich persönlich voran.“ Auf dem Weg zum Studium und zur Kommissarin, bevor sie irgendwann Kinder bekommen möchte.

Bei der ersten Wahl, an der sie teilnahm – der zur Miss Bodensee – wurde Nadine Bern­eis noch Zweite. Soviel sie weiß, auch deshalb, weil einem Schönheitschirurgen in der Jury ihre Zahnlücke nicht besonders gefiel. Ein anderer Chirurg in der Jury der Miss-Baden-Württemberg-Wahl habe diese dagegen „toll“ gefunden. Nun ist die Polizeihauptmeisterin gespannt, ob die Jury für die Miss Germany ebenfalls Mut zur Lücke hat.

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