Manuel Neuer will mit dem FC Bayern an die europäische Spitze – mit dem aktuellen Kader erscheint ihm das offenbar nicht möglich Foto: Getty

Der Kader des FC Bayern München ist vor dem Trainingsstart noch arg löchrig – der Berater des Kapitäns Manuel Neuer befeuert die Debatten. Wie geht es jetzt weiter?

Stuttgart/München - Immerhin, Sandro Wagner ist noch ganz ruhig. Auf den gebürtigen Münchner ist ja immer Verlass, wenn es jemanden braucht, der gegen den Strom schwimmt, das ist spätestens seit seiner These, dass Fußballprofis zu wenig Geld verdienen, sonnenklar. Jetzt verbreitet der Angreifer von Tianjin Teda (China) in der allgemeinen Panik rund um seinen Ex-Club also: Gelassenheit. „Der FC Bayern wird mit diesem Kader weiter über Jahre hinweg Meister werden – selbst wenn kein weiterer Neuzugang kommen sollte, was ich nicht glaube“, sagte Wagner der „Bild am Sonntag“.

Und weiter: „Nur weil Dortmund jetzt vier, fünf Spieler geholt hat, heißt das nicht, dass sie automatisch als Team besser sind“, ergänzte Wagner und schloss seine Ausführungen mit der ultimativen Verteidigungsrede für die Münchner Führungsspitze: „Man sollte Kalle, Uli und Brazzo (also Rummenigge, Hoeneß und Salihamidzic) einfach vertrauen und in Ruhe weiterarbeiten lassen. So schlecht waren die letzten 30 Jahre FC Bayern nicht, denke ich.“ Dem ist kaum zu widersprechen – zumindest dem letzten Satz nicht. Ansonsten, nun ja, gehen die Meinungen auseinander.

Um es vorsichtig auszudrücken.

Wagners ehemaliger Mitspieler Manuel Neuer sieht die Dinge rund um seinen Verein etwas anders. Das Fußballwochenende wurde bestimmt von den Äußerungen seines Beraters, der via „Süddeutsche Zeitung“ im Namen seines Klienten Tacheles sprach. Warum Neuer nicht selbst in die Bütt ging und wie einst Philipp Lahm oder später auch Robert Lewandowski die allgemeinen Zustände bei seinem Club kritisierte, bleibt das Geheimnis des Nationaltorhüters. Aber wie auch immer: Was der Berater Thomas Kroth nun im Interview sagte, war an Deutlichkeit kaum zu überbieten.

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Manuel Neuer wolle „noch mal die Champions League gewinnen“, ist sich aber nicht sicher, ob das mit den Münchnern möglich sein wird. Der Eindruck von Kroth (und seinem Mandanten) ist vielmehr, dass „der Abstand zu den vier englischen Top-Teams schon gravierend ist“ und der Bayern- Kader aktuell noch nicht konkurrenzfähig sei, „um die Ziele von Manuel ernsthaft anzugehen“.

Rodrigo geht lieber zu ManCity

Rumms, das saß. Und trifft die allgemeine Stimmungslage rund um den FC Bayern München wohl ganz gut. Denn was Neuer – übrigens noch immer der Kapitän und damit das Sprachrohr der Mannschaft – und die anderen Bayern-Kritiker vor dem offiziellen Trainingsstart an diesem Montag (17 Uhr) eint, ist die große Sorge darüber, dass seit der berühmten Aussage von Präsident Uli Hoeneß („Wenn Sie wüssten, was wir alles schon sicher haben für die neue Saison . . .“) eben kaum etwas passiert ist auf dem Transfermarkt bei den Bayern. Zumindest nicht auf der Seite der Neuverpflichtungen.

Schon länger klar waren ja die Transfers der beiden französischen Abwehr-Weltmeister Lucas Hernandez (70 Millionen Euro/Atlético Madrid) und Benjamin Pavard (35 Millionen Euro/VfB Stuttgart) sowie des Offensivtalents Jann-Fiete Arp vom HSV: Und sonst? Nada und niente. Dabei gibt es vor allem in der Offensive dringenden Bedarf nach den Abgängen der beiden Flügel-Altstars Arjen Robben und Franck Ribéry – doch bei ihrem Werben um Leroy Sané, Callum Hudson-Odoi oder Ousmane Dembélé stießen die Bayern bisher auf Granit. Zudem wechselte Rodrigo, der Wunschspieler fürs zentrale defensive Mittelfeld, vor ein paar Tagen von Atlético Madrid nicht nach München, sondern lieber Manchester City.

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Erschwerend kommt zur allgemeinen Unruhe rund um die Bayern und ihren zurzeit noch verdammt löchrigen Kader hinzu, dass der große Konkurrent Borussia Dortmund in den vergangenen Wochen einen namhaften Neuzugang nach dem anderen präsentiert hat – mit dem Münchner Mats Hummels zum krönenden Abschluss. Der Transfer des Innenverteidigers zum BVB ist rund um den FC Bayern noch immer eng verbunden mit der Frage, ob die Abwehr ohne ihn künftig nicht ein bisschen dünn aufgestellt ist. Es gibt den Fixpunkt Niklas Süle und den zum Bankdrücker degradierten Jérome Boateng für die Zentrale. Und es gibt eben die jungen Neuen Pavard und Hernandez, von denen allerdings noch niemand weiß, ob und wie sie beim großen Rekordmeister zurechtkommen werden. Der Trainer Niko Kovac sagte kürzlich, dass „wir noch vier neue Spieler brauchen“.

Robben kommt im Sommer 2009 auch erst später

Die Bayern also begleitet ein lautes Grummeln zum Vorbereitungsstart – und diese großen Fragen: Kommen da jetzt endlich bald noch ein paar Neue, wenn ja wie viele, und vor allem: wer genau?

Zur Beruhigung könnte aber zumindest indirekt die Geschichte eines Mannes beitragen, der vor zehn Jahren einflog und eine ähnlich kurze Anlaufzeit brauchte wie ein nervöses Rennpferd, das endlich aus der Box gelassen wird. Ein gewisser Arjen Robben kam erst Ende August 2009, als die Saison längst lief, nach München, und keiner redete nach seinen famosen ersten Auftritten noch von irgendeiner bayerischen Transferdefensive. Es könnte theoretisch auch in diesem Jahr wieder so kommen, das Transferfenster ist bis Anfang September geöffnet, der Markt ist derzeit noch arg überhitzt und die Bayern könnten – auch notgedrungen – abwarten und dann erst zuschlagen, wenn die Saison läuft. Bis dahin aber, das ist klar, würde Unruhe herrschen. Ob die Bayern sie im Zweifel durchstehen: es ist eine der spannendsten Fragen dieses Fußballsommers.

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