Der russische Autor Vladimir Sorokin hat im Literaturhaus Stuttgart die Gewaltgeschichte Russlands ins Licht gesetzt und gezeigt, was passiert, wenn Halluzinationen regieren.
Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin zählt nicht nur zu den bedeutendsten literarischen Stimmen seines Landes. Er ist auch einer der berufensten, ja seherischsten Deuter dessen, was sich hinter dem manifesten Gewaltausbruch verbirgt, mit dem Russland das Buch eines fortschreitenden Zivilisationsprozesses mit einem lauten Knall zugeschlagen hat, um es in den dunkelsten, früheren Kapiteln wieder aufzublättern.
Die seherische Qualität beweist sich darin, dass man auch im Werk des seit vielen Jahren in Berlin lebenden Autors zurückblättern kann und dabei dennoch mitten in der Gegenwart landet. Sein Roman „Der Tag des Opritschniks“ aus dem Jahr 2006 bringt in einer wilden, ausufernden Satire Putins Reich mit dem Iwans des Schrecklichen zur Deckung. Die Wirklichkeit prägt sich seinem Schreiben mit dem ganzen Überschuss des Unausgesprochenen und Unsichtbaren ein, was den Gestaltenwandel bedingt, in dem das Groteske als organischer Bestandteil des russischen Lebens sichtbar wird.
Atomwaffen zu Zuckerhüten
In seinem jüngsten Erzählband stellt eine scheinbar gesittete Tischgesellschaft auf vulgärste Weise ihre Ausscheidungsorgane zur Schau, um deren Reinlichkeit zu beweisen, was in eine slapstickartig eskalierende Gewaltspirale mündet.
In der Titelgeschichte wird jenes Rauschen vernehmlich, das von einer unsichtbaren „Roten Pyramide“ vor dem Kreml ausgeht, um die innere Ordnung des Menschen zu stören. Ein alter Mann erzählt einem jüngeren auf einem einsamen Provinzbahnhof davon, bevor dieser die typischen Stationen einer Sowjetkarriere durchläuft. In einer weiteren Erzählung schließlich haben sich die Atomsprengköpfe Russlands in Zuckerhüte verwandelt, weshalb ein Abgesandter der Regierung bei einem Starzen, einem wundertätigen Alten, um Rat und Hilfe bittet.
Geistiger und materieller Mangel
Und ein wenig gleicht diese Konstellation der Situation im Stuttgarter Literaturhaus, nicht nur wegen der eindrucksvollen Erscheinung des 67-jährigen Schriftstellers und erbitterten Regimekritikers, in dem die Züge eines byzantinischen Heiligen mit denen eines Literatur-Popstars verschmelzen. Leise und nachdenklich beantwortet er auf Russisch die Fragen der Übersetzerin und Moderatorin Claudia Dathe zu der gestörten inneren Ordnung eines Staates, der in dem Buch nur noch im Modus des Als-ob existiert. Und als Sorokin über die Autorität der Starzen im Volksglauben spricht, ist man geneigt, diesen Typus sich genau so vorzustellen wie den Mann auf dem Podium. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass dessen Deutungen das Gespinst aus Wahn, Aberglauben und Einschüchterung mutig zerreißen, unter dem die russische Gesellschaft dunkle Träume halluziniert.
Sorokin beschreibt Russland als ein Land, in dem seit der Sowjetzeit ein geistiger und materieller Mangel gärt. Die Gewalt, die sich in der erwähnten Tischszene entlade, könne man überall erleben: in der Familie, im Café, in der Metro – „nichts ist passiert, und plötzlich baut sich eine ungeheure Aggression auf“. Um zu verstehen, warum Gewalt hier wie ein Exportartikel vertrieben wird, müsse man auf das blicken, was der Gesellschaft mit der Revolution alles abhandenkam: Eigentum und Religion. „Zu Sowjetzeiten wurde die Kirche vernichtet, den Platz Gottes hat der Staat eingenommen.“
Von Propaganda verstrahlt
„Die Rote Pyramide“ spielt in den 60er Jahren, einer Zeit des Aufbruchs, der neuen Ideen, eines Sozialismus mit menschlichem Gesicht. Und trotzdem war die Luft gewaltdurchtränkt. Als sich Sorokin intensiv mit der totalitären Kultur befasst hat, mit den Zeitungen der Stalin-Ära, empfand er die Propaganda wie Vibrationen, etwas, das die Menschen verstrahlt. Man versteht sofort, was gemeint ist. Im Bild der Pyramide kristallisieren die absolutistischen Gewalttraditionen von Regierenden, die wie Besatzer im eigenen Land geherrscht haben. Wer an der Spitze steht, musste unberechenbar und undurchschaubar sein. „Seit dem 16. Jahrhundert besteht das fort, die Farbe hat sich geändert, die Mechanismen sind die gleichen geblieben.“
In dem Krieg sieht Sorokin Putins Vergangenheitswahn im Kampf gegen die Zukunft der Ukraine, mit den gleichen Methoden und der gleichen mittelalterlichen Grausamkeit, wie man sie aus der Sowjetunion kannte: „Das passiert, wenn Halluzinationen an die Macht kommen.“
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„Wer bringt die Pyramide zum Einsturz?“, will Claudia Dathe wissen. Sorokin ist zuversichtlich, dass die Ukrainer es schaffen werden: „Die ganze zivilisierte Welt steht hinter ihnen, das wird das Ende des Putin’schen Regimes sein.“ Etwas beruhigter würde man dieses vielleicht aufnehmen, wenn man darauf bauen dürfte, dass sich die russischen Atomsprengköpfe von einem Tag auf den anderen in Zuckerhüte verwandeln könnten.
Doch die Lust am Aberglauben und Obskurantismus wurde an diesem Abend gründlich ausgetrieben. Umso eindrücklicher dagegen der Glaube an die diagnostische Kraft der Literatur befestigt, der es mit den Mitteln der Sprache gelingt, das Unausgesprochene zu zeigen, hinter dem sich die Herrschaft versucht ungreifbar zu machen. Und Teil dieser Kraft ist auch die bewundernswerte Vortragskunst, mit der der Sprecher Johannes Wördemann die deutsche Fassung von Sorokins Erzählungen zum Leben erweckt hat.
Vladimir Sorokin: Die rote Pyramide. Übersetzt von Andreas Tretner und Dorothea Trottenberg. Kiwi, 192, Seiten, 22 Euro.