Masha Gessen bei der Vorstellung ihres neuen Buches auf der Frankfurter Buchmesse Foto: Getty Images

Der Literat und Künstler Vladimir Sorokin und die Journalistin Masha Gessen haben im Literaturhaus ihre neuen Bücher vorgestellt. Dabei gab es Streit um Gessens bitteres Russland-Bild.

Stuttgart - Am fünften und letzten Abend der Osteuropa-Reihe, die das Stuttgarter Literaturhaus im Frühjahr begonnen hat, stand am Freitag Russland auf dem Programm. Gekommen waren der in Moskau und Berlin lebende Schriftsteller und Maler Vladimir Sorokin mit seinem Roman „Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs“ und die New Yorker Journalistin Masha Gessen mit ihrem Buch „Die Zukunft ist Geschichte – Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“.

Sorokins Roman (die deutsche Übersetzung erschien 2018 bei Kiepenheuer und Witsch), aus dem der Schauspieler Sebastian Röhrle einige Passagen auf Deutsch vortrug, ist eine Groteske in der Tradition von Nikolai Gogol, die im Jahr 2037 spielt. Das Personal und die Schauplätze darin sind keineswegs russisch, sondern nach einem großen Krieg in einer multinational durchmischten europäischen Gesellschaft angesiedelt, die sich durch das Nebeneinander von modernster Technik, Brutalität und dekadenter Verfeinerung auszeichnet. In einer Zeit, in der keine Bücher mehr gedruckt werden, haben die Reichen sie für ein perverses Vergnügen entdeckt: Sie lassen sich erlesene Speisen über einem Feuer grillen, in dem Seite für Seite die Erstausgaben berühmter Romane verbrannt werden.

Mental im Mittelalter

Sorokins Ich-Erzähler hat es in diesem Metier zum Starkoch gebracht und serviert seiner vermögenden Klientel „Stör auf Dostojewskis Idiot“. Beim Versuch, dem Autor einige Kommentare zu seinem Buch zu entlocken, hatte der Moderator Alexey Khairetdinov wenig Erfolg. Sorokin bekräftigte lediglich seine Auffassung, dass technische Geräte die Menschheit nicht besser, sondern nur fauler und gröber machten. Das könne man im heutigen Moskau sehen, wo die Fahrer der modernen Luxusautos mental in einem mittelalterlichen Bewusstsein verharrten.

Während so der erste Teil des Abends mit einem eher schweigsamen Autor über die Bühne gegangen war, drohte der zweite an den Missverständnissen zwischen der Autorin, dem Moderator und dem Dolmetscher beinahe zu scheitern. Masha Gessen, Volker Weichsel von der Redaktion der Zeitschrift „Osteuropa“ und der Übersetzer Jürgen Stähle fanden einfach keinen Draht zueinander.

Kurze Phase des Aufbruchs

Masha Gessen, 1967 in Moskau in einer jüdischen Familie geboren und 1981 mit ihren Eltern in die USA ausgewandert, kehrte 1991 als Journalistin nach Russland zurück und blieb dort über zwanzig Jahre, bis sie mit ihrer Familie das Land 2013 wieder verlassen musste. Ihr auf Deutsch im Suhrkamp Verlag erschienenes Buch, das auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse mit dem Preis zur europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde, porträtiert vier russische Angehörige der Generation der um 1985 Geborenen, die das Ende der Sowjetunion und den Neuanfang in den 1990er Jahren als Kinder und Jugendliche erlebt haben.

Gessen zeichnet ein düsteres und verbittertes Bild der russischen Gesellschaft in der Ära Putin. Nach einer kurzen Phase des liberalen Aufbruchs nach dem Zerfall der Sowjetunion, so lautet ihre These, habe sich in der Mentalität der meisten Russen der „homo sovieticus“ wieder durchgesetzt, also jener Sozialcharakter, der den Terror der sowjetischen Ära verinnerlicht habe und deshalb mit der neuen Freiheit nichts anfangen könne.

Streit um das Russland-Bild

Das Buch ist bei den Rezensenten keineswegs auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ etwa war zu lesen: „Es hilft europäischer Verständigung kaum, wenn Menschen, die anders leben oder über einen anderen Erfahrungshorizont verfügen, stigmatisiert und pathologisiert werden“.

Auch der Moderator Volker Weichsel versuchte Gessens Schwarz-Weiß-Gemälde von den wenigen mutigen Freiheitskämpfern und den vielen konformistischen Putin-Wählern etwas zurechtzurücken und empfahl den Zuhörern: „Trauen Sie nie dem einen Russland-Bild!“, stieß damit bei der Autorin aber auf Widerspruch. Wo er von „Unterdrückung“ sprach, da beharrte sie auf dem Begriff „Terror“, nannte Russland einen „Mafiastaat“, in dem es heute mehr politische Gefangene gebe als in der späten Sowjetära, und riet davon ab, nach Russland zu reisen.

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