Für den VfB Stuttgart wird es immer enger. Foto: Pressefoto Rudel

Vor neun Jahren feierten 250 000 Menschen in und um Stuttgart den Meistertitel mit der Mannschaft in Weiß und Rot. Jetzt ist der Absturz in die Zweitklassigkeit nur noch durch ein Wunder zu vermeiden. Was um Himmels willen ist passiert?

Stuttgart - Erst neulich lebte sie noch einmal auf, die wunderbare Zeit, als sich Fußball-Deutschland vor dem VfB Stuttgart verneigte. „Es ist der Tag, den ich nie vergessen werde“, sagte Timo Hildebrand mit brüchiger Stimme und feuchten Augen, als er das Ende seiner Laufbahn als Berufsfußballer verkündete. Es war am 19. Mai 2007, als der Torhüter die silberne Schale des deutschen Meisters in den wolkenlosen Himmel über dem Stuttgarter Schlossplatz stemmte.

Selbst die Sonne schien vor Vergnügen zu strahlen und wärmte die Herzen von 250 000 Glückseligen, die eine Mannschaft umjubelten, die für die Zukunft Großes versprach. Wenn es aber stimmt, dass in jeder Hochkultur bereits der Keim ihres Untergangs steckt, dann lieferte der VfB Stuttgart schon in diesen Tagen erste Signale eines Niedergangs, dessen Tempo sich über die Jahre unmerklich erhöhte. Das Problem war nur, dass es niemand richtig wahrhaben wollte.

Ein oft irrationales Geschäft

Armin Veh, der Meistertrainer, tönte kurz nach dem Titel-Coup mit breiter Brust, dass er sich von nun an nichts mehr zu beweisen habe. Was beim FC Bayern vermutlich ein Entlassungsgrund gewesen wäre, quittierten die VfB-Bosse demütig mit einem Schulterzucken und einem verständnisvollen Lächeln.

Aus tief empfundener Dankbarkeit und mit dem Ziel, in Zukunft noch filigraner aufzutreten, finanzierten sie dem Coach sogar noch seinen Wunschspieler, den der Rest der Liga längst unter dem Dossier mit den Sportinvaliden abgelegt hatte: Dauerpatient Yildiray Bastürk kostete den VfB Stuttgart viel Reputation unter Fachleuten. Und zehn Millionen Euro. „Hätten wir ihn nicht geholt, wäre das Tischtuch zwischen Veh und uns zerschnitten gewesen“, verriet Manager Horst Heldt Jahre später und lieferte unfreiwillig Einblick in die Prämissen eines oft irrationalen Geschäfts, auf dessen tabellarische Ausschläge der VfB Stuttgart, getrieben von den Wünschen der anspruchsvollen Kundschaft, zunehmend aktionistisch reagierte.

Überwacht zudem von einem Aufsichtsrat unter Führung von Dieter Hundt, der mit seinen wirtschaftlichen Schwergewichten zwar stets die Bilanz im strengen Blick behielt, der inneren Vereinsstruktur und den Erfordernissen des im Wandel begriffenen Geschäfts aber gefährlich wenig Wert beimaß. Wohl nicht ohne Grund erlaubte sich der damalige Chef der Uhinger Allgaier-Werke und Arbeitgeberpräsident eine ziemlich exklusive Sichtweise auf den Job des Sportmanagers: „Das kann bei mir auch der Pförtner.“

Erst Heldt, dann Bobic und jetzt Dutt

Bis heute liefern jene Jahre die Symbolik für eine Entwicklung, die den Verein über einige Höhen und Tiefen hinweg ins Siechtum stürzte. Die hervorstechendsten Symptome: Trainerwechsel nach Muster des Ratzeburger Achterschlags, das Kommen und Gehen im Präsidentenamt und was mutmaßlich am schwersten wiegt: die damit einhergehende Hilflosigkeit bei der Suche nach qualifiziertem Personal in der sportlichen Leitung.

Hintereinander versuchten sich Horst Heldt, Fredi Bobic und jetzt Robin Dutt als Sportvorstände – flankiert von Problemlagen, die sich von Mal zu Mal verschärften. Dass man es trotzdem noch zu etwas bringen kann, könnte in den nächsten Tagen Fredi Bobic beweisen. Der beim VfB in Ungnade Gefallene ist heißer Favorit für die Nachfolge des ausscheidenden Vorstandschefs Heribert Bruchhagen. Ausgerechnet beim Mitkonkurrenten im Kampf gegen den Abstieg: Eintracht Frankfurt.

Keiner von ihnen erreichte je die Höhen der kurzen Zeit unter Manager Rolf Rüssmann, der – in höchster Not verpflichtet – mit Fortüne, fußballerischem Instinkt, sportlicher Erfahrung und fachlichem Können den VfB um die Jahrtausendwende aus seiner ersten tiefen Krise führte, schließlich aber an einer Wand aus Eitelkeit und Ignoranz zerschellte, als er sich im Transferstreit um Fernando Meira mit Achim Egner, dem einflussreichen Vertreter des Hauptsponsors Debitel, anlegte.

Müßig alle aufzuzählen, die in den Jahren zwischen Himmel und Hölle die Verantwortung dafür tragen, dass der Verein vor den dunkelsten Tagen seiner Geschichte steht. So oder so schlägt nun die Stunde des Aufsichtsrats aus Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth, Kärcher-Chef Hartmut Jenner und Würth-Vertriebsboss Martin Schäfer. Sie werden in den kommenden Tagen und Wochen den Daumen heben oder senken – und womöglich darüber entscheiden, ob der Verein für Bewegungsspiele 1893 im Chaos versinkt. Heute schon stecken nach Informationen unserer Zeitung Aufsichtsratschef Schäfer und der VfB-Präsident die Köpfe zusammen.

Es könnte eng werden für Bernd Wahler

Es könnte jedenfalls eng werden für Bernd Wahler, dem seine Kritiker vorwerfen, dass er es am Samstag nach Spielschluss offenbar vorzog, sich in der Präsidenten-Loge über den Mob zu empören, anstatt sich an der Seite von Kapitän Christian Gentner und Sportvorstand Robin Dutt der Menschenmenge zu stellen. Die Scheu des Vereinschefs vor öffentlichen Aufritten und internen Konflikten sorgt im Kontrollgremium schon seit Längerem immer wieder für Diskussionen. Mehr aber auch nicht. Denn brauchbare Alternativen sind derzeit nicht in Sicht.

Wolfgang Kuhn, sportlich fachkundiger Vorstandschef der Südwestbank, gilt dem einen oder anderen als Wunschkandidat. Er ließ dem Vernehmen nach aber durchblicken, dass er seine Bank (noch) nicht mit der beim VfB tauschen will. In zwei, drei Jahren vielleicht. Auch Wolfgang Dietrich, Unternehmer, Finanzinvestor und ehemaliger Sprecher von Stuttgart 21, sieht sich außer Stande.

Oder doch Franz Reiner?

Bliebe noch Franz Reiner, Vorstandschef des VfB-Trikotsponsors Mercedes-Bank. Aber warum sollte er, noch jung an Jahren, einen top dotierten Job an den Nagel hängen, um sich auf einen Schleudersitz zu begeben, der im schlimmsten Fall keine Abfindung verspricht, sondern die Verbalinjurien der VfB-Kundschaft?

Darüber weiß Robin Dutt seit Samstagabend bestens Bescheid. Der VfB-Sportvorstand war mittendrin statt nur dabei, als einige wenige Holzköpfe den Rasen stürmten und den guten Ruf des Stuttgarter Publikums ruinierten. Obwohl die Bilanz seiner sportlichen Großtaten in dieser Saison eher dürftig ausfällt, muss wohl noch viel passieren, ehe sich der Aufsichtsrat den Skalp des Sportvorstands an den Gürtel heftet. Denn so verständlich Schäfer und Konsorten der Wunsch nach einem Neuanfang erscheinen mag, so schwer werden sie sich tun, eine personelle Alternative zu präsentieren, die weiß-rote Kritikaster zufriedenstellt.

Dutt überzeugt das Trio im Aufsichtsrat zwar unverändert mit seinen Konzepten, weniger aber mit den Taten, die den Worten folgen. Vor allem sein Umgang mit den sich vor der Saison abzeichnenden Abwehrproblemen könnte ihm zum Verhängnis werden. Muss er gehen, so melden bereits die Propheten der Liga, könnte der frühere Bundesliga-Profi Sebastian Kehl (Borussia Dortmund, SC Freiburg) an seine Stelle treten. Außerdem im Gespräch: die Ex-VfB-Größen Maurizio Gaudino, Gerhard Poschner, Thomas Hitzlsperger, Guido Buchwald und Jens Lehmann. Karl Allgöwer, seit Januar sportlicher Berater des Vorstands, zeigt offenbar wenig Ehrgeiz, sein Engagement auszuweiten.

Für Kramny müsste ein Wunder geschehen

Dazu wird es auch bei Jürgen Kramny kaum mehr kommen. Um seinen Trainerjob zu retten, müsste am Samstag wohl noch das Wunder von Wolfsburg geschehen. Der Abstieg wäre gleichbedeutend mit dem Ende seines Engagements. Offenbar gab es nach der ersten Enttäuschung am Samstagabend sogar Überlegungen, schon am letzten Spieltag in der VW-Stadt einen neuen Coach die letzte Patrone verschießen zu lassen.

Inzwischen gelten Markus Gisdol, Krassimir Balakov und Tayfun Korkut aber als mögliche Impulsgeber für den Neuanfang in Liga zwei. Gedankenspiele soll es überdies mit dem im vergangenen Sommer vom VfB zu 1899 Hoffenheim abgewanderten Junioren-Erfolgscoach Domenico Tedesco geben.

Noch bleibt ein Funke Hoffnung auf eine wundersame Rettung. Sollte sie aber nicht gelingen, ist Aktionismus der schlechteste Ratgeber – wie die Erfahrungen aus der VfB-Vergangenheit lehren. „Für diesen Fall muss es uns gelingen, den Abstieg auch als Chance zu begreifen“, heißt es seit Samstagabend in der VfB-Führungsetage.

Ein historischer Kraftakt wäre vonnöten, die Ausgliederung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft notwendiger denn je. Schon deshalb wäre es töricht, wenn sich die Verantwortlichen jetzt auf der Suche nach den Schuldigen zerfleischen oder Bauernopfer bringen. Negativbeispiele aus der Liga gibt es genug. Die Münchner Löwen zum Beispiel oder den 1. FC Kaiserslautern.

Wer Probleme lösen will, muss Widerstände überwinden. Sonst bleibt der 19. Mai 2007 für sehr lange Zeit nicht mehr als eine schöne Erinnerung.

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