Er war deutscher Meister und Pokalfinalist mit dem VfB Stuttgart, spanischer Pokalsieger mit dem FC Valencia – aber auch zwei- mal arbeitslos. Höhen und Tiefen haben Timo Hildebrand (36) geprägt. „Ich kann zufrieden aufhören“, sagt der Torhüter.

Stuttgart – Timo Hildebrand, Sie standen bis Januar 2015 bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Sind Sie überhaupt noch Fußballprofi?
Im April 2015 wurde ich an der Hüfte operiert. Die Reha hat deutlich länger gedauert als erwartet. Mir wurde von Monat zu Monat klarer, dass eine Rückkehr ins Tor schwierig würde. Deshalb verkünde ich hiermit offiziell mein Karriereende.
Mit welchen Gefühlen?
Ich bin im Frieden mit mir und der Welt. Mein Weg durch den Fußball verlief ja nicht unbedingt geradlinig, deshalb war es eine eher ungewöhnliche Karriere. Ich habe viele Menschen kennen- und schätzen gelernt, viele Erfahrungen gemacht und manche Selbsterkenntnis gewonnen.
Zum Beispiel?
Im Profifußball geht es nicht nur nach oben. Aber die Enttäuschungen bringen einen voran, wenn man die richtigen Schlüsse zieht.
War es ein Fehler, den VfB 2007 als deutscher Meister zu verlassen?
Heute ist es einfach zu sagen: Wärst du doch geblieben. Dann wäre für mich manches anders, aber nicht zwingend besser gelaufen.
Keine späte Reue?
Ich hätte es eher bereut, wenn ich geblieben wäre, weil ich mich im Nachhinein gefragt hätte, was ich wohl alles verpasst hätte. Der VfB war für mich ein Stück Komfortzone, ich kannte alles, alle Abläufe, alle Bundesligastadien. Vielleicht wäre das der einfachere Weg gewesen. So aber habe ich bei anderen Vereinen im In- und Ausland andere Blickwinkel kennengelernt, auf den Fußball und aufs Leben. Das hat mich als Mensch weitergebracht, und das erfüllt mich mit Dankbarkeit – wie auch die Tatsache, dass die VfB-Fans mir meinen Weggang nicht nachtragen.
Wie begegnen die Fans Ihnen heute?
Offen und freundlich. Ich wohne seit drei Jahren wieder in Stuttgart. In der Stadt werde ich häufig angesprochen, das freut mich.
Nach dem Motto: Timo, der Meistertorwart?
Ja, genau so. Der VfB ist „mein“ Verein, und das spüren die Leute.
Sie waren 17 Jahre lang Profi. Was bleibt?
Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich bei so vielen Vereinen spielen würde – eigentlich bin ich ein sesshafter Typ. Jede Station hat ihre eigene Geschichte. Der VfB überstrahlt natürlich alles. 2007, die Meisterfeier auf dem Schlossplatz – wenn ich daran denke, kriege ich noch heute Gänsehaut.
Dabei wollten Sie den VfB schon zwei Jahre zuvor verlassen. Damals haben Sie die Vereinsführung bei den Verhandlungen verärgert.
Zu dem Zeitpunkt war ich mir selbst nicht sicher, was ich wollte. Mein damaliger Berater hat einen harten Kurs gefahren, vielleicht zu hart. Aber ich wollte mich auch nicht unter Wert verkaufen. Wer aus der eigenen Jugend kommt, muss immer etwas mehr um Wertschätzung ringen.
Beim FC Valencia, Ihrer ersten Auslandsstation, haben Sie Triumph und Tragik erlebt.
Das kann man wohl sagen. Im ersten Jahr war ich Stammtorwart, wir haben den spanischen Pokal gewonnen, alles war prima. Dann kam ein neuer Trainer, der einen neuen Torwart mitbrachte. Plötzlich war ich nur noch Ersatz. Im Winter bin ich gegangen.
Zum Aufsteiger Hoffenheim, dem damaligen Bundesliga-Spitzenreiter, wo Sie eineinhalb Jahre blieben. Dann kam Sporting Lissabon.
Dort wurde mir relativ schnell bewusst, dass ich keine reelle Chance bekommen werde.
Danach waren Sie erst mal arbeitslos.
Eine harte Zeit. Ich hatte Angebote, aber ich habe alle abgelehnt, weil mir für die jeweiligen Clubs das Bauchgefühl fehlte. Zuweilen war ich total deprimiert, habe ständig gedacht: Geht es weiter, wann geht es weiter, wie und wo?
Vielleicht in China. Oder Katar.
Das war für mich nie eine Option. In Amerika hätte ich gern meine Karriere beendet, mit Seattle war ich schon im Gespräch und habe mir sogar die Gegebenheiten live vor Ort angeschaut. Aufgrund der komplizierten Wechselregularien der MLS kam der Transfer dann leider nicht zustande.
So war Eintracht Frankfurt Ihre letzte Station, nach drei Jahren bei Schalke 04.
Schalke ist ein positiv verrückter Verein mit einem positiv verrückten Umfeld. Ich bin für Ralf Fährmann eingesprungen, der sich ­verletzt hatte, wurde Stammtorhüter, habe mich sogar wieder für die Champions League qualifiziert und dort auch gespielt. Das ist nicht üblich für jemanden, der aus der Arbeitslosigkeit kommt. Ich war dort auch mal die Nummer drei oder die Nummer zwei im Tor. Das verändert den Blick.
Inwiefern?
Man wird zufriedener und dankbarer für die Möglichkeiten, die sich einem bieten.
Trotzdem wollten Sie in Frankfurt unbedingt auf 300 Bundesligaspiele kommen?
Unbedingt nicht, das hat sich so ergeben. Ich stand bei 298 Einsätzen und durfte die letzten drei Hinrundenspiele bestreiten.
Ein gelungener Abschluss?
Ich kann zufrieden aufhören. Einige Tiefschläge hätte ich mir aber gerne erspart.
Die Arbeitslosigkeit?
Nicht nur. Ganz schlimm war die Absage für die EM 2008. Andreas Köpke (Bundes-Torwarttrainer, Anm. d. Red.) hat mir mitgeteilt, dass ich nicht dabei bin.
Da standen Sie in Valencia unter Vertrag. Wie haben Sie reagiert?
Ich bin zum Clubgelände gefahren und habe gesagt: Heute kann ich nicht trainieren. Das hat mir einen brutalen Schlag versetzt, an dem ich lange zu knabbern hatte. Ich stand dann auch in den letzten beiden Saison­spielen beim FC Valencia nicht im Tor.
Und in der neuen Saison dann auch nicht.
Wahrscheinlich nicht nur wegen des neuen Torwarts, der kam. Meine Nichtnominierung hat da sicher mit reingespielt. Die ­Leute beim FC Valencia haben bestimmt ­gespürt, dass ich nicht der Alte war.
Ihre Zeit in der Nationalelf stand ohnehin unter einem ungünstigen Stern.
Es war die Zeit von Oliver Kahn und Jens Lehmann. An ihnen kam ich nicht vorbei.
Trotzdem: Sie waren deutscher Meister und Pokalfinalist, spanischer Pokalsieger und haben Champions League gespielt und halten mit 884 Minuten am Stück ohne Gegentor immer noch den Bundesligarekord. Wiegt das die Enttäuschungen in Ihrer Karriere auf?
Auf jeden Fall. Und die Tiefschläge habe ich alle gut verkraftet.
Was machen Sie künftig beruflich?
Da bin ich flexibel. Ich will nicht gleich ins nächste Hamsterrad einsteigen. Mir schwebt etwas im Bereich Organisation, Marketing oder Sportmanagement vor, da schnuppere ich gerade bei der Tailormade GmbH, einer Stuttgarter Kommunikationsagentur, rein, die mit der Mercedes-Benz-Bank unter anderem den Hauptsponsor des VfB Stuttgart betreut. Ich denke auch an eigene Projekte, vielleicht in Richtung gesunder Ernährung, das ist mir wichtig. Ich will mich sozial engagieren. Und für den Trainerschein habe ich mich auch angemeldet.
Den Fußballer Timo Hildebrand gibt es künftig überhaupt nicht mehr?
Wir sind dabei, etwas anzustoßen. Mitte 2017 – lassen Sie sich überraschen.
 
 
Danke und Auf Wiedersehen!

Jeder Abschied fällt schwer. Mit eurer Unterstützung wird er für mich leichter! Mein Dank gilt jedem einzelnen Fan, Verein und Weggefährten aus den letzten 17 Jahren Profifußball. Der Abschieds-Clip an euch soll das zum Ausdruck bringen. Ich hoffe, euch bewegen die Bilder genauso wie mich. Würde mich sehr freuen, wenn wir weiterhin via Facebook oder Instagram (@TIMO050479) in Verbindung bleiben...Euer Timo.Zur Pressemitteilung...http://bit.ly/1RDpspC

Posted by Timo Hildebrand on Monday, March 28, 2016
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