Alles gut? Nein, aber vieles besser. Markus Weinzierl freut sich mit Erik Thommy über seinen ersten Sieg als VfB-Trainer. Foto: Getty

Beim VfB Stuttgart kehren in Nürnberg die Lebensgeister zurück. War das 2:0 die Wende zum Guten? Zumindest macht so manches Hoffnung für die kommenden schweren Aufgaben.

Stuttgart - Die Tabelle lügt bekanntlich nicht. Deshalb steht der VfB Stuttgart auch nach dem elften Spieltag zu Recht ganz hinten im Feld der Fußball-Bundesliga . Daran ändert auch der Erfolg beim 1. FC Nürnberg zunächst nichts. Acht Punkte aus elf Spielen – hochgerechnet wären das am Saisonende 25 – sind die Bilanz eines Absteigers.

Dass der VfB trotz eines 2:0-Sieges vom 17. auf den 18. Platz zurückfiel, ist ein ­weiteres Kuriosum in dieser bislang so merkwürdigen Stuttgarter Spielzeit. Nach Wochen im tabellarischen Gleichschritt zog Fortuna Düsseldorf am Wochenende vorbei – weil der Aufsteiger seinerseits mit 4:1 gegen Hertha BSC gewann. Zuvor hatten die Fortunen die Weiß-Roten mit zum Teil noch höheren Pleiten in der Tabelle aufgrund der Tordifferenz nach oben klettern lassen.

Wäre die Lage im Keller nicht so ernst, könnte man fast darüber lachen.

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Die Lage ist nach wie vor ernst. Aber wenigstens nicht mehr ganz so bedrohlich. Die Mannschaft von Trainer Markus Weinzierl hat den Graben zum Bundesliga-Mittelfeld nicht noch größer werden lassen. Weshalb Torhüter Ron-Robert Zieler feststellte: „Der Sieg kam zum richtigen Zeitpunkt.“ Angesichts der Erfolge der Konkurrenz aus Düsseldorf und Hannover, und auch angesichts der anstehenden Länderspielpause. Und natürlich mit Blick auf die möglichen atmosphärischen Folgen einer weiteren Niederlage, die man sich gar nicht ausdenken mag. Insofern war das 2:0 ein erster Schritt aus der Krise. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Befreiungsschlägle. Aber war es auch die Wende?

Davon mochte im Lager der glücklichen, aber nicht siegestrunkenen Stuttgarter niemand reden. Aus gutem Grund. Zu viel liegt fußballerisch noch im Argen. Von einem geordneten und gefährlichen Angriffsspiel war der VfB auch im Fränkischen noch ein Stück weit entfernt. Und das, obwohl sich der Club als bislang schwächster Kontrahent in dieser Saison erwies.

Schweres Restprogramm bis zur Winterpause

„Zunächst einmal der Gegner“, antwortete Torschütze Erik Thommy denn auch auf die Frage nach den Gründen für den zarten Aufschwung. In den restlichen Spielen bis zur Winterpause, beginnend mit der Auswärtspartie bei Bayer Leverkusen am 23. November, werden die Cannstatter gewiss wieder mit größerer Gegenwehr rechnen müssen.

So viel lässt sich aber auf jeden Fall sagen: Weinzierl und sein Team haben die Wende eingeleitet. Angesichts der desolaten Lage, in der sich die Mannschaft nach zuvor drei Niederlagen und 0:11 Toren befand, war der Auftritt von Nürnberg alles andere als selbstverständlich. Nach 20 Minuten hatten die Gäste den Gegner im Griff (wann hatte es das zuletzt gegeben?!) und fuhren am Ende einen völlig verdienten Sieg ein.

So kommentieren die VfB-Fans den Sieg im Internet

Weil sich die Umstellungen in der Abwehr endlich als gewinnbringend erwiesen. Die Rückkehr zur Viererkette mit einem starken Andreas Beck als Rechtsverteidiger. Und mit Marc Oliver Kempf als Pendant hinten links, der nach Startschwierigkeiten eine ordentliche Premiere im Trikot mit dem Brustring hinlegte. Und weil Timo Baumgartl als rechter sowie Benjamin Pavard als linker Innenverteidiger zarte Erinnerungen an das Bollwerk der vergangenen Rückrunde weckten. „Wir sind endlich mal wieder kompakt gestanden. Das war die Basis“, sagte Christian Gentner. Die bevorstehende Rückkehr der verletzten Anastasios Donis und Daniel Didavi (in Nürnberg erstmals wieder im Kader) könnte auch der Offensive neues Leben einhauchen.

Die Routiniers gehen voran

Der Kapitän pflügte derart den Platz um, dass Zeugwart Michael Meusch hinterher eine Extraportion Waschmittel benötigt haben dürfte, um das Trikot wieder in reines Weiß zu verwandeln. Auch andere, zuletzt gescholtene Routiniers wie Andreas Beck oder Dennis Aogo scheinen den Ernst der Lage begriffen zu haben. „Wir sind uns unserer Verantwortung schon immer bewusst gewesen“, sagte Gentner. In Nürnberg wurden sie ihr auch gerecht.

Auch die Bank, allen voran das Trainerteam um Weinzierl, lebte den Kampf gegen den Abstieg an der Seitenlinie vor. Selten hat man den VfB-Tross so emotional und so ausgiebig jubeln sehen. Die bereits totgesagte Mannschaft ist nicht tot. Und war es auch nicht. Auch die 10 000 mitgereisten Fans knüpften spätestens nach dem Schlusspfiff wieder enge Bande zu ihren Lieblingen.

Die Pressestimmen zum Spiel

Und dann wäre da noch der Altintop-Effekt: Kaum dass der Neue im Trainerstab agiert, zuständig für das spezielle Trainieren von Eckbällen und Freistößen, die Arbeit aufgenommen hat, schon erzielen die Stuttgart ihre ersten Saisontore nach Standards. Auch wenn es jeweils nur der zweite Ball nach einer Ecke war. „Das kann für uns eine Waffe sein, weil wir die Spieler dazu haben“, meinte Ron-Robert Zieler. Die Arbeit von Halil Altintop sei ein „Puzzleteil von vielen“.

Um im Bild zu bleiben: Nach elf Spieltagen ist beim VfB Stuttgart noch immer vieles ein Fragment. Umrisse eines Teams auf dem Weg zurück zu alter Stärker lassen sich aber zumindest erkennen.