Minister Winfried Hermann und Abellio-Geschäftsführer Stephan Krenz im Jahr 2017. Foto: dpa

Der Zughersteller Bombardier hat Lieferschwierigkeiten. Die Züge für die private Bahn Abellio werden zum Betriebsstart nicht pünktlich fertig. Noch ist unklar, wie groß die Auswirkungen auf die Pendler sein werden.

Stuttgart - Es ist ein hochgelobtes Pilotprojekt. In diesem Sommer  werden erstmals die privaten Bahnen Abellio und Go-Ahead die drei zentralen Stuttgarter Netze vom Ex-Monopolisten Deutsche Bahn übernehmen. Die Voraussetzung hatte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) geschaffen, als er die Strecken erstmals ausschreiben ließ. Doch nun gibt es nach Informationen unserer Redaktion Ärger bei einem Teil des Vorhabens. Verursacher ist der seit Jahren in Schwierigkeiten steckende Zuglieferant Bombardier Transportation (BT). Denn BT kann nur einen Teil der Züge pünktlich liefern, die Abellio im Auftrag der landeseigenen Nahverkehrsgesellschaft NVBW von Baden-Württemberg bestellt hat.

Auch der neue Betreiber, der die DB im Juni ablösen soll und besseren Zugverkehr verspricht, hat nun ein Problem. BT-Sprecher Andreas Flórez bestätigte unserer Redaktion, dass zum Betriebsstart am 9. Juni ein Teil der ersten 16 vertraglich zugesagten Regionalzüge des Modells Talent 2 fehlen wird. Grund seien Probleme mit der neuen, hoch komplexen Software. Es sei aber geplant, zum Fahrplanwechsel „mindestens zehn Züge betriebsbereit zu übergeben“. Im dritten Quartal wolle man die Verspätungen aufholen und bis Juni 2020 alle 43 Züge übergeben. Ob das gelingt, ist offen.

Verkehrsminister Hermann fühlt sich getäuscht

Das späte Eingeständnis der massiven Lieferprobleme hat die Vertragspartner mächtig verärgert. Der Verzug sei erst vergangenen Donnerstag von Bombardier-Vorstand Michael Fohrer bei einem gemeinsamen Treffen im Verkehrsministerium eingeräumt worden, erklärte Hermanns Sprecher Edgar Neumann. Zuvor habe der Konzern stets versichert, rechtzeitig liefern zu können, betont auch Abellio-Sprecher Rainer Thumann. Auch Fohrer hatte das persönlich zugesagt.

Minister Hermann fühlt sich nun getäuscht: „Es ist sehr ärgerlich, dass der Hersteller Bombardier immer wieder kommuniziert hat, alles laufe wie geplant.“ Bombardier habe den Neuanfang im Südwesten „ziemlich verpatzt“, sagte der Minister. Nun seien der Konzern und Abellio in der Pflicht, dass die Kunden trotz der Lieferverzögerung „von diesem Sommer an ein gutes Angebot vorfinden werden“. Abellio müsse dazu bis Ende der Woche einen Plan B liefern.

Die Tochter der holländischen Staatsbahn hat nach eigener Aussage bereits beim Konkurrenten angefragt, ob DB Regio die Linien von Stuttgart via Mühlacker und Pforzheim nach Bad Wildbad und Wilferdingen sowie über Bretten und Bruchsal nach Heidelberg vorerst weiter betreibt.  Nach Informationen unserer Redaktion hat der kanadische Konzern Bombardier, der in seiner Bahnsparte weltweit fast 40 000 Mitarbeiter beschäftigt, bis dato noch keine Zulassung für den fortentwickelten Talent 2. Mehr als 400 dieser bewährten Züge sind zwar allein in Deutschland bereits unterwegs. Doch die neue Software, die künftig beim Nachfolger Talent 3 zum Einsatz kommen soll und bereits bei den Fahrzeugen  für das Stuttgarter Netz eingebaut wurde, hat offenbar so große Mängel, dass es noch keine Freigabe des Eisenbahnbundesamts gibt.

Imageschaden für Hersteller Bombadier

Für BT ist das ein schwerer Imageschaden. Das Unternehmen zählt weltweit zu den führenden Herstellern von Schienenfahrzeugen und beschäftigt allein in Deutschland 8500 Mitarbeiter in sieben Werken. Wegen Qualitäts- und Lieferproblemen steckt der Konzern aber seit Jahren in Problemen und hat bereits Tausende Stellen abgebaut. In Deutschland sind nach heftigen Arbeitskonflikten noch bis Ende dieses Jahres betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen.

Baden-Württemberg zahlt für die 43 Fahrzeuge im weiß-gelb-schwarzen Landesdesign nach früheren Angaben 215 Millionen Euro. Die Elektrotriebzüge sollen im Stuttgarter Regionalnetz Neckartal zwischen Stuttgart, Pforzheim, Mannheim und Tübingen fahren, die stufenweise Lieferung soll im Juni 2020 abgeschlossen sein. Der bisherige Abellio-Geschäftsführer Stephan Krenz hat mehr Komfort und „neue Qualitätsstandards“ versprochen, darunter modernes WLAN an Bord.

Die neuen Talent-Züge werden noch im bisherigen BT-Stammwerk Hennigsdorf bei Berlin gebaut, das umstrukturiert wird. Künftig soll das neue Werk Bautzen in Sachsen als Modell für die „Industrie 4.0“ stehen. Weniger Probleme als bei BT gibt es offenbar beim Schweizer Konkurrenten Stadler, der dem britischen Bahnunternehmen Go-Ahead die Züge für Stuttgart liefert. Von Lieferverzug ist nichts bekannt.

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