Sigmar Gabriel ist ein hervorragender Redner, allerdings gilt der Politiker als unberechenbar. Foto: dpa/Matthias Hiekel

Der Präsident des Automobilverbands VDA muss die Interessen von gut 600 Unternehmen, meist Mittelständlern, und rund 820 000 Mitarbeitern vertreten. Es gibt Zweifel, ob Sigmar Gabriel der richtige Mann für diesen anspruchsvollen Posten wäre.

Berlin - Der mögliche Wechsel des ehemaligen SPD-Chefs Sigmar Gabriel zum Verband der Automobilindustrie (VDA) hat im politischen Berlin eine breite Debatte über die Ausrichtung der einflussreichen Lobby-Organisation ausgelöst. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob der als sprunghaft geltende Gabriel überhaupt in der Lage wäre, den wichtigsten deutschen Industriezweig mit seinen rund 820 000 inländischen Beschäftigten voranzubringen und glaubwürdig nach außen zu vertreten.

Es gibt Zweifel

Die Umweltexpertin der FDP-Bundestagsfraktion, Judith Skudelny, sagte unserer Zeitung, dass Gabriel ihrer Einschätzung nach das politische Handwerkszeug für den Posten mitbrächte. Die Stuttgarter Abgeordnete schränkte jedoch ein: „Es wäre gut, wenn die Autoindustrie einen Vertreter hätte, der über den Tellerrand hinausschauen und langfristige Strategien umsetzen kann. Bei Letzterem habe ich Zweifel, ob das bei Herrn Gabriel der Fall ist.“ Die Branche stehe vor gewaltigen Umbrüchen, etwa im Hinblick auf neue Antriebsformen und Kraftstoffe. „Sie braucht einen starken Fürsprecher. Sie braucht jemanden, der die Speerspitze des Wandels ist und nicht sprunghaft agiert“, sagte Skudelny.

Ähnlich äußerte sich auch der industriepolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Dieter Janecek. „Die deutsche Automobilindustrie braucht jemanden an der Spitze, der sich entschlossen den Herausforderungen Klima, Emissionsfreiheit und vernetzte Mobilität stellt.“ Der Münchner Parlamentarier ergänzte dazu: „Ob Sigmar Gabriel der Richtige ist, um Daimler, VW & Co. auf Modernisierungskurs zu bringen und konsequent die Versöhnung von Ökologie und Zukunftsmobilität voranzutreiben, daran habe ich meine Zweifel.“

Wandel der Automobilindustrie forcieren

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil meinte hingegen, dass Gabriel in der Lage wäre, den Wandel der Autoindustrie zu forcieren. „Er ist jemand, der als Wirtschaftsminister, als Umweltminister profiliert ist in so einem Bereich.“ Am Wochenende war bekannt geworden, dass der 60-jährige Gabriel in der engeren Auswahl für den Chefposten beim VDA ist. Offenbar sind aber noch nicht alle Vertragsdetails geklärt. Ebenfalls im Rennen ist die langjährige Energiemanagerin und CDU-Politikerin Hildegard Müller (52). Favorit soll aber Gabriel sein.

Der VDA braucht einen neuen Präsidenten, weil Amtsinhaber Bernhard Mattes seinen Posten zum Jahresende niederlegen will. Dies hatte Mattes im September völlig überraschend angekündigt – und zwar ausgerechnet während der Automesse IAA in Frankfurt am Main. Der ehemalige Ford-Manager Mattes führt den VDA erst seit dem Frühjahr 2018, sein Vertrag sollte eigentlich bis Ende 2020 laufen. Mattes gilt als ausgesprochen schwach in der Außendarstellung.

VDA müsste wieder in die Offensive kommen

Dabei müsste der VDA angesichts des Dieselskandals und des technologischen Wandels eigentlich wieder in die Offensive kommen. Das gestaltet sich auch deshalb schwierig, weil die drei großen deutschen Hersteller VW, Daimler und BMW nicht immer an einem Strang ziehen. Unterschiedliche Interessen gibt es zudem zwischen den Herstellern sowie den Zulieferern, die ebenfalls im VDA organisiert sind. Traditionell verfügt der VDA über beste Beziehungen in die Politik. So kennt Mattes’ Vorgänger Matthias Wissmann Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) bestens aus den 1990er Jahren, als beide unter Helmut Kohl Minister waren.

Sigmar Gabriel könnte dem Verband im In- und Ausland wieder besser Gehör verschaffen. Bis März vergangenen Jahres war er Bundesaußenminister und davor Minister für Wirtschaft und Energie, in einer früheren Legislaturperiode hatte er bereits das Umweltressort geleitet. Bei der Neuauflage der großen Koalition drängte die SPD ihren einstigen Parteichef und Vizekanzler jedoch aus der Ministerriege. Gabriel, der ein hervorragender Redner ist, gilt nicht nur als ­unberechenbar, sondern auch als schwierig im Umgang.

Gabriel kennt sich mit den Belangen der Autoindustrie aus

Mit den Belangen der Automobilindustrie kennt er sich gut aus – was auch darauf zurückzuführen ist, dass er vor seinem Wechsel in die Bundespolitik Ministerpräsident des VW-Landes Niedersachsen war. Bislang ist Gabriel noch Abgeordneter für den Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel. Ende September hatte er jedoch angekündigt, zum Beginn des Monats November aus „sehr persönlichen Gründen“ sein Bundestagsmandat aufzugeben.

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