Wenn die Lebensmittelkontrolleure des Landratsamts Rems-Murr klingeln, achten sie selbst auf kleinste Details. Damit Lokale auf dem Hygienepranger landen, braucht es aber schon einige Versäumnisse.
„Guten Morgen, Lebensmittelüberwachung, wir kommen vom Landratsamt.“ Die Überraschung steht der Frau ins Gesicht geschrieben. Die Kontrolleure kommen unangekündigt zu dem Speiseeishersteller in Fellbach – aber sie kennt die Spielregeln: Sie muss die Besucher einlassen. Nachdem sie ihrem Chef Bescheid gegeben hat, bittet sie die beiden Männer herein. Es ist nicht deren erster Besuch hier im Betrieb, erklärt der Lebensmittelkontrolleur Jan Philipp Brauck. Der Betrieb gilt als ordentlich, dennoch steht regelmäßig eine Routinekontrolle an. Brauck sieht sich an, ob die Hygiene bei der Herstellung des Eises stimmt, ob es richtig gelagert wird und ob die Mitarbeiter die nötigen hygienischen Schulungen bekommen haben.
Egal wie sehr die Inhaber von Restaurants, Bäckereien, Imbissen oder eben Eisdielen und -herstellern auf Sauberkeit achten: „Irgendwas findet man eigentlich immer“, sagt Gerd Holzwarth, der Verbraucherschutzdezernent des Landkreises, der Brauck an diesem Tag begleitet. Mal sind es Kleinigkeiten, dann wieder echte Ekelsünden. „Es gibt nichts, was es nicht gibt – etwa Mäusekot in der Bäckereiauslage“, erzählt Holzwarth. Auch Brauck hat schon einiges erlebt: „Einmal war ich in einem Lokal, in dem die Zapfhähne der Schankanlage seit Jahrzehnten nicht gereinigt worden waren. Innendrin war alles komplett verschimmelt. Die Anlage haben wir natürlich gleich stillgelegt.“
Größere Verstöße landen auf dem sogenannten Hygienepranger
Wie oft und wie streng ein Betrieb kontrolliert wird, hängt unter anderem von der Branche ab: „Bei Schlachthöfen und Metzgereien ist die Hygiene besonders kritisch“, sagt Brauck. Auch Betriebe, die schon aufgefallen sind, bekommen häufiger Besuch vom Amt. Die erfahrenen Kontrolleure kennen die Abläufe in der Branche und wissen, wo und wann die Hygiene leiden könnte. Wenn sie etwa Proben vom Speiseeis nehmen, tun sie dies meist aus hellen Eissorten, weil diese in der Verarbeitungskette weiter vorn stehen und eventuelle Rückstände von Reinigungsmitteln dort am ehesten zu finden sind. Die Proben gehen ans Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart mit Sitz in Fellbach, wo das Eis auf seine Inhaltsstoffe überprüft wird.
Größere Ekelfälle landen auch im Netz. Auf der Webseite des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz finden sich Listen mit Namen und Anschrift jener Lokale, bei denen die Mängel besonders auffallend waren. So etwas spricht sich schnell herum. „Vor allem die Betreiber von Betrieben, die einen Ruf zu verlieren haben, sehen das natürlich nicht gerne“, sagt Holzwarth. „Die schalten durchaus Anwälte ein, dann gibt es Eilanträge, über die dann Gerichte entscheiden.“ Aber die Entscheidung, wann welcher Betrieb in der im Volksmund Hygienepranger genannten Liste auftauche, werde nie nur von einem einzelnen Kontrolleur getroffen. Und es seien auch keine Kleinigkeiten, die dort auftauchen würden: „Das passiert erst ab einem Bußgeld von 350 Euro aufwärts.“
Die Kontrolleure achten auf jedes Detail
Bei dem Eishersteller in Fellbach scheint alles in Ordnung zu sein. Fast alles – einige Details fallen Brauck dann doch ins Auge. „Die Dichtung der Tiefkühltruhe ist kaputt, die sollte man auswechseln, weil sie sich so nicht mehr richtig reinigen lässt“, erklärt Brauck der Mitarbeiterin. Den Kontrolleuren fällt auch auf, dass die Papierhandtücher am Waschbecken für die Mitarbeiter aus sind. „Ich sage ihm gleich, er soll welche bestellen“, versichert die Mitarbeiterin.
Ein anderes Detail fällt dem Verbraucherschützer Holzwarth bei der Auflistung der Eissorten auf den Eis-Verkaufswagen auf, die draußen im Hof stehen: „Er schreibt dort zwar, dass er Eis mit Vanillegeschmack verkauft. Aber darüber, ob er eine Vanilleblüte daneben abbilden sollte, kann man sich streiten“, sagt er und notiert sich den Punkt. Verbraucher könnten Vanillin von der echten, teuren Vanille zwar kaum unterscheiden, aber sie könnten durch die Abbildung in die Irre geführt werden. Und was mögliche Täuschungen angeht, sind die Gesetze streng. Holzwarth schaut daher auch genau nach, welche Zutaten der Eishersteller verarbeitet: Sind es Aromen oder tatsächlich Früchte und Gewürze?
Bis zum Jahr 2005 sah der Wirtschaftskontrolldienst noch in Gastronomie und Nahrungsmittelbranche nach dem Rechten. „Das waren im Wesentlichen Polizisten mit einer Zusatzqualifikation“, erklärt Holzwarth. Damals sei man auch schnell mit einem Bußgeld bei der Hand gewesen. Die Lebensmittelkontrolleure hätten dagegen auch beratende Funktionen. „Wenn man beispielsweise ein Vereinsfest plant oder sich selbstständig machen will, können wir im Vorfeld erklären, was man dabei beachten sollte“, erklärt Holzwarth.
Nachdem sie sich alles angesehen haben, verabschieden sich die beiden Behördenmitarbeiter bei dem Eishersteller. Die gefundenen Mängel bekommt der Chef noch zugeschickt – alles Kleinigkeiten, versichert Jan Philipp Brauck. Sorgen, auf dem Hygienepranger zu landen, muss sich der Betrieb jedenfalls keine machen.
Lebensmittel unter der Lupe
Kontrollen
Die Kontrolle von Restaurants und anderen Lebensmittel verarbeitenden Betrieben ist die Aufgabe des Veterinäramts. Beim Landratsamt Waiblingen kümmern sich darum insgesamt neun Kontrolleurinnen und Kontrolleure. Sie gehen täglich rund ein bis zwei Kontrollen an, wovon gut ein Viertel auf Beschwerden aus der Bürgerschaft zurückgeht. Das Amt berät auch Vereine und Gewerbetreibende in Sachen Hygienevorschriften.
Meldungen
Eine lückenlose Kontrolle ist trotz allen Aufwands nicht möglich. Das Veterinäramt nimmt daher auch Hinweise aus der Bevölkerung entgegen. Melden kann sich beispielsweise, wer sich nach einem Restaurantbesuch auffällig unwohl fühlt, oder wem in einem Betrieb Hygienemängel ins Auge springen. Hinweise lassen sich – auch anonym – unter der Telefonnummer 0 71 91/8 95 40 62 oder per Mail an die Adresse veterinaeramt@rems-murr-kreis.de abgeben.