Forschungsministerin Theresia Bauer testet mit der 3-D-Brille das Visualisierungszentrum Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In Stuttgart und Herrenberg wollen Wissenschaftler der Uni Stuttgart neue Technologien zur Stadtentwicklung testen – und setzen dabei vor allem auf die Hilfe der Bürger.

Stuttgart - Die jungen Wissenschaftler halten ihre Tablets über ein einfaches Stadtmodell von Stuttgart. Auf ihren Bildschirmen erscheinen nun verschiedene Visionen, wie die Stadt in Zukunft aussehen könnte. „Dies ist nur eine der Technologien, die wir weiterentwickeln und in die Stadtentwicklung einbringen wollen“, sagte Wilhelm Bauer, Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement an der Universität Stuttgart, bei der Präsentation des neuen Forschungsprojekts am Mittwoch. „Reallabor Stadt: Quartiere 4.0“ hat die Uni ihr Projekt genannt, für das sie vom Land rund 1,2 Millionen Euro erhält.

Forschungsministerin Theresia Bauer zeigte sich vor allem beeindruckt von dem 3D-Visualisierungsraum im Höchstleistungsrechenzentrum, in dem sie mit einer 3D-Brille bewaffnet die detaillierte Simulation eines Stadtquartiers betrachtete. „Die Wissenschaftler begeben sich mit diesem Projekt auf eine spannende Reise, von der wir noch nicht wissen, ob sie funktioniert“, so Bauer. Auch in ihren eigenen Reihen habe es viel Skepsis gegenüber der Zukunftslabore innerhalb einer Stadt gegeben: „Aber den besonderen Charme des Projekts macht die konkrete Einbeziehung der Bürger bei der Stadtentwicklung aus.“

Im Fokus der Stadtentwicklung steht die Bürgerbeteiligung

Aus einzelnen Quartieren der Partnerkommunen Stuttgart und Herrenberg wollen die Forscher sogenannte Reallabore machen; das heißt, sie wollen ihre Forschung direkt in der Praxis testen. Im Fokus steht bei diesen Stadtentwicklungsprojekten die Bürgerbeteiligung. „Mit Stuttgart 21 oder dem Flughafen in Berlin haben wir negative Beispiele der Stadtentwicklung erlebt, bei denen die Bürger die Transparenz und ein Mitspracherecht vermisst haben“, sagte Wilhelm Bauer. Außerdem seien die Dialoge und Diskussionen, die in den Planungsphasen vor 15 Jahren liefen, heute für die Bürger nicht mehr nachverfolgbar. Da die prominenten Beispiele jedoch auch belegen, wie teuer heutzutage ein Irrtum sein kann, will die Universität neue Technologien in der Stadtentwicklung anwenden. Durch Simulationen können verschiedene Optionen getestet werden, um Irrtümer frühzeitig auszuschließen. „Die Bezeichnung 4.0 bedeutet, dass die physische Welt immer digitaler wird“, erklärte Wilhelm Bauer. Es bedeute jedoch nicht, dass künftig nur noch Roboter agieren: „Die Zusammenarbeit von Bürgern mit Wissenschaftlern, verbunden mit den Technologien wird entscheidend sein.“ Außerdem haben die Simulationen den Vorteil, dass die Bürger sich die verschiedenen Optionen anschauen und so auch besser nachvollziehen können.

In Herrenberg und Stuttgart soll dies nun getestet werden. Welche Quartiere dafür in Frage kommen, steht jedoch noch nicht fest. „Das ehemalige Freibad-Areal oder ein Quartier im Herrenberger Süden wären eventuell geeignet“, nannte der Herrenberger Bürgermeister Tobias Meigel zwei Beispiele. „Bei uns ist Bürgerbeteiligung schon längst gelebte Praxis“, betonte er.

Markus Müller vom Stadtmessungsamt Stuttgart konnte noch keine Beispiele dafür nennen, welche Quartiere sich als Forschungslabor in Stuttgart eignen könnten. „Es muss ein Quartier sein, für das es bis jetzt noch keine Planungen gibt“, sagte er. Denn schließlich sollten zufällig ausgewählte Bürger von Anfang an in das Projekt miteinbezogen werden.

Ziel des Reallabors ist es, am Ende einen Leitfaden zu entwickeln, der sich auch auf andere Städte anwenden lässt. „Das könnte zu einem Exportschlager aus Baden-Württemberg werden, den wir auch international platzieren wollen“, sagte Wilhelm Bauer.

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