Mit dem Studium überfordert? Mit einem frühzeitigen Kenntnistest will die Uni Stuttgart helfen, Lücken zu schließen. Foto: dpa-tmn

Die Uni Stuttgart will in Pilotstudiengängen die Studiervoraussetzungen prüfen. Das neue Verfahren soll Studienanfängern frühzeitig Orientierung geben. Es soll im Wintersemester 2020/21 starten. Ob dadurch die Zahl der Studienabbrecher verringert werden kann?

Stuttgart - Wie soll ein junger Mensch realistisch einschätzen können, ob ein Studienfach das richtige für ihn ist? Es gibt zwar vielfältige Angebote zur Studien- und Berufsorientierung, doch die reichen nach den Erfahrungen der Uni Stuttgart oft nicht aus. Es fehlte bisher ein Instrument, um den Studieninteressierten die Eignungsvoraussetzungen der einzelnen Studiengänge deutlich vor Augen zu führen, stellte die Uni fest. Das soll sich ändern.

Gemeinsam mit der Uni Ulm und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelt die Uni Stuttgart ein neues Orientierungsverfahren zur Studienwahl für zulassungsfreie Bachelorstudiengänge in den Mintfächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Dafür erhalten alle drei Hochschulen 840 000 Euro vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium. Konkret sollen Studienbewerber durch Auswahlgespräche, Kenntnis- und Studierfähigkeitstests eine individuelle Rückmeldung erhalten. Dies soll erstmals in ausgewählten Pilotstudiengängen im Wintersemester 2020/21 zum Einsatz kommen. In Stuttgart werde man das neue Verfahren vor allem den ingenieurwissenschaftlichen Fächern anbieten, erklärte der Sprecher der Universität, Hans-Herwig Geyer. Dort liegt die Abbrecherquote bei 30 Prozent.

Bei den ausländischen Studierenden ist die Abbrecherquote besonders hoch

Oft hätten die Studienanfänger nicht die für ihr Studium nötigen fachlichen Grundkenntnisse oder falsche Erwartungen. Die Folge sei häufig ein Studienabbruch. An der Uni Stuttgart ist die Quote der Studienabbrecher seit dem doppelten Abijahrgang im Jahr 2012 leicht gestiegen, in den Geisteswissenschaften sogar deutlich. Besonders hoch ist die Abbrecherquote bei den ausländischen Studierenden. Laut Uni brachen in den Sprach- und Kulturwissenschaften 63,6 Prozent der Studienanfänger von 2014 ihr Studium ab, über alle Studierenden machte der Abbrecheranteil in diesen Fächern 42,4 Prozent aus. Besonders hoch ist die Abbrecherquote dieses Jahrgangs auch in Mathematik und den Naturwissenschaften: hier brachen 56,7 Prozent der ausländischen Studierenden ab, über alle Studierenden waren es in diesen Fächern 40,6 Prozent.

Künftig will die Uni mittels eines frühzeitigen Feedbacks Gegenmaßnahmen einleiten. „Diese sollen ab dem ersten Studien­semester greifen, nicht erst nach dem Versagen in der ersten Klausur“, teilt die Uni mit. ­Anhand von Kenntnistests soll einschlägiges Wissen als Studienvoraussetzung geprüft werden – entweder direkt vor dem Studium, zum Beispiel während der Vorkurse, oder direkt zu Beginn des Studiums. An den Details dazu wird noch getüftelt. Einen ersten ­freiwilligen Mathetest hat die Uni bereits zu Beginn des Wintersemesters 2018/19 durchgeführt, rund 1000 angehende Studierende aus Mintfächern hatten sich im Rahmen des Mathe-Vorkurses dazu bereit erklärt.

Diesen Teilnehmern habe man jedoch nur das Testergebnis mitgeteilt. Künftig soll jeder auch konkrete Infos über seine Lücken erhalten sowie Empfehlungen, wie er sie schließen kann, etwa über den Online-Brückenkurs Mathematik oder die studienvorbereitenden und -begleitenden Angebote des Mint-Kollegs. „Diese Empfehlungen sind anonym, es gibt keine Verpflichtung, sie wahrzunehmen“, so Unisprecher Hans-Herwig Geyer. Allerdings erhielten die Lehrenden der einzelnen Studiengänge einen Überblick über den Kenntnisstand der Anfänger.

In Studierfähigkeitstests und Auswahlgesprächen soll Kompetenz ermittelt werden

Ergänzt werden soll dieses Konzept durch Studierfähigkeitstests, in denen Kompetenzen ermittelt werden, die für den Studiengang wichtig sind. Details dafür erarbeitet die Uni Ulm. Als weiteres Instrument sollen Auswahlgespräche dienen. Das KIT hat ­damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Sowohl die Studienbewerber als auch die Hochschullehrer zeigten dafür eine „durchgängig hohe Akzeptanz“. Nun wird das KIT Richtlinien und Schulungsmaterialien dafür entwickeln.

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