Thomas Berthold und Co. zum VfB Stuttgart „Dem Club fehlt eine Strategie“

Von red 

Der VfB Stuttgart steckt als Tabellen-16. tief im Kampf gegen den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. Auch seine ehemaligen Spieler machen sich Sorgen um den Club – wir haben Timo Hildebrand, Maurizio Gaudino, Thomas Berthold, Andreas Buck und Helmut Dietterle zur Situation befragt.

Stuttgart - Timo Hildebrand, Maurizio Gaudino, Thomas Berthold, Andreas Buck und Helmut Dietterle bringen es auf insgesamt 946 Spiele für den VfB Stuttgart. Das ist ihre Meinung zur aktuellen Situation bei ihrem Ex-Club:

„Der VfB ist ein dankbarer Gegner“

Timo Hildebrand (39) bestritt von 1999 bis 2007 insgesamt 294 Pflichtspiele für den VfB und wurde 2007 Meister: „Es ist ja offensichtlich, dass der VfB zu wenig Tore schießt, das ist jedem bewusst. Das ist der große Haken, wo man ansetzen muss. Wie bekommt man mehr Durchschlagskraft in der Offensive? Ich glaube, dass der VfB dazu im Winter auf dem Transfermarkt tätig sein wird und muss. Die Quote von nur neun Toren in 14 Spielen ist zu dürftig, da wird es schwierig. Man kann das aber nicht an einer einzelnen Person festmachen, da würde man Mario Gomez oder auch jedem anderen Unrecht tun. Jeder performt nicht so, wie er in der vergangenen Saison performt hat, sei es Mario, Holger Badstuber oder Benjamin Pavard. Dazu kommt Verletzungspech, der Trainerwechsel. Wenn eine Mannschaft nicht funktioniert, ist es auch als Neuzugang schwer, das habe ich selbst schon erlebt. Das ist insgesamt eine Abwärtsspirale, aus der der Verein irgendwie nicht rauskommt.

Ich hoffe, der VfB kann bis Weihnachten noch ein paar Punkte holen und dann im Winter Kraft tanken. Hoffnung macht, dass die Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg auch noch nicht viele Punkte gesammelt haben. Aber auf sie zu blicken, hilft nichts, der VfB muss schauen, dass er selbst auf die Beine kommt. Der VfB ist ein zu dankbarer Gegner, gegen den ich gerne spielen würde: Der VfB tut keinem weh, ist nicht unangenehm.“

„Volle Rückendeckung für Weinzierl“

Maurizio Gaudino (52) bestritt von 1987 bis 1993 insgesamt 206 Pflichtspiele für den VfB und wurde 1992 Meister: „Vielleicht hätte man an Tayfun Korkut als Trainer festhalten sollen. Schließlich hatte man ihn gegen starke äußere Widerstände verpflichtet, er hat die Situation trotz großer Vorbehalte in der Rückrunde gemeistert – und dann wurde er jetzt schon so früh entlassen. Den Sturm nach dem missglückten Saisonstart hätte man zusammen mit Korkut womöglich auch noch überstanden. Die missverständlichen Äußerungen von Sportvorstand Michael Reschke rund um die Entlassung hatten sicherlich auch negative Signalwirkung nach außen.

Personeller Engpass: Das ist die Ausfall-Elf des VfB

Jetzt müssen die Verantwortlichen dem Trainer Markus Weinzierl das Vertrauen schenken, und zwar ohne Wenn und Aber. Der VfB braucht Kontinuität. Jedem Spieler muss klar sein, dass der VfB mit diesem Trainer durch die Hölle gehen wird, egal, was passiert. Weinzierl braucht die volle Rückendeckung, nur so kommt der Club wieder in ruhigere Fahrwasser. Der Coach muss in dieser prekären Lage viele Gespräche mit seinen Spielern führen, er muss sich in jeden Profi reinfühlen – und so selbst großes Vertrauen schaffen.“

„Nachvollziehbare Strategie fehlt“

Thomas Berthold (54) bestritt von 1993 bis 2000 insgesamt 191 Pflichtspiele für den VfB und wurde 1997 Pokalsieger: „Eines gleich vorneweg: Ich glaube, dass der VfB da unten rauskommt, er hat ja schon mehrfach bewiesen, dass er das kann – und ich denke in Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg sind mindestens zwei Clubs in der Liga, die vom Potenzial her nicht so stark wie der VfB sind, auch wenn den Spielern derzeit an Fitness, Aggressivität und Laufbereitschaft fehlt.

Das Hauptproblem beim VfB liegt meiner Meinung darin, dass man keine kontinuierliche Philosophie entwickelt hat, weil auch die Trainer kommen und gehen – mir fehlt eine nachvollziehbare Strategie, nach der man sich die dazu passenden Spieler holt. In dieser Saison passt der Kader doch hinten und vorne nicht.

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Der VfB hat keine Mittelfeldspieler, die Torgefahr ausstrahlen, die mal aus der zweiten Reihe ein Tor machen oder im 1:1-Duell einen Gegenspieler wegmachen wie früher Krassimir Balakov. Manche Spieler sind über ihren Zenit hinaus, und bei Daniel Didavi ahnte man doch schon, dass er verletzungsanfällig ist. Dann fehlt natürlich die Effizienz vor dem Tor – wenn du so wenige Torchancen erspielst wie der VfB, musst du die wenigen rein machen. Mario Gomez ist kein Konterstürmer, den musst du in der Spitze bedienen und im Strafraum in Szene setzen. Doch das ist viel zu selten der Fall. Und für ein Umschaltspiel brauchst du schnelle Spieler auf der Außenbahn – wenn du die nicht hast, musst du deine Spielweise ändern. Es sind sehr viele Baustellen, die beackert werden müssen.“

„Es braucht mehr Tempo“

Andreas Buck (50) bestritt von 1990 bis 1997 insgesamt 183 Pflichtspiele für den VfB, wurde 1992 Meister und 1997 Pokalsieger: „Das größte Problem, das der VfB in meinen Augen hat, ist die fehlende Geschwindigkeit in allen Mannschaftsteilen. Wenn ich einen Mario Gomez im Sturm habe, muss ich solch einen Strafraumspieler auch mit Flanken füttern können, sonst ist er wirkungslos. So wie die Mannschaft derzeit spielt, steht er in der Regel 60 bis 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt. Das ist schlichtweg zu weit, um in irgendeiner Weise Torgefahr auszustrahlen.

Obwohl ich normalerweise kein Fan davon bin, die Mannschaft in der Winterpause auf mehreren Positionen umzubauen, sollte sich der VfB dringend mit drei, vier Spielern verstärken. Häufig ist es ja so, dass Mannschaften nur aufgrund eines Negativlaufs in den Tabellenkeller abrutschen, obwohl das Potenzial in der Mannschaft wesentlich höher ist – beim VfB sehe ich das in diesem Jahr aber eindeutig anders. Da gibt es wenige Spieler, die mir Hoffnung machen. Der Mannschaft mangelt es an Tempo, an Dominanz auf dem Spielfeld – und es ist offensichtlich, dass einige vermeintliche Leistungsträger ihren Zenit überschritten haben. Daher sollte der Verein in der Winterpause dringend handeln, um in der Rückrunde Schlimmeres zu verhindern.“

„Ein Stürmertyp wie Ginczek muss her“

Helmut Dietterle (67) bestritt von 1974 bis 1980 insgesamt 72 Pflichtspiele für den VfB: „Das größte grundsätzliche VfB-Problem, ist für mich die Ungeduld im Verein: Es muss immer ganz schnell nach vorne Richtung Europapokal-Plätze gehen. Doch der Weg dahin ist steinig, so eine Entwicklung benötigt Zeit, da wurde die vergangene Rückrunde einfach auch überschätzt. Jetzt geht es nur noch darum, in dieser Saison nicht abzusteigen, und ich bin auch ganz sicher, dass der Klassenverbleib geschafft wird. Trainer Markus Weinzierl ist ein zäher Bursche, seine konsequente Arbeit wird sich mittelfristig auszahlen. Absolut sinnvoll wäre es, wenn er schon zur Winterpause einen Mann wie Rainer Widmayer (Anm. d. Red.: derzeit Co-Trainer bei Hertha BSC) an seine Seite bekommen würde. Er ist ein im positiven Sinne Fußball-Besessener, zudem mit einem sehr guten Auge für Talente ausgestattet.

Das allein wird aber nicht reichen. Der VfB braucht mehr Kreativität im Spiel nach vorne. Daniel Didavi kann diese Impulse aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit nicht geben. Zudem muss Mario Gomez dringend unterstützt werden – von einem Stürmertypen wie es Daniel Ginczek einer war. Benjamin Pavard halte ich momentan für überschätzt. Deshalb wäre ein erfahrener Innenverteidiger sinnvoll, der körperlich topfit ist, vor dem die Gegner Respekt haben und der die vielen guten, jungen Spieler beim VfB führt. Schalke zum Beispiel hat mit der Verpflichtung von Naldo vor zwei Jahren, einen solchen Stabilisator für die Defensive gewinnen können. Aber eines ist wichtig: Trainer und Mannschaft müssen sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren: Es müssen vor Weihnachten noch ein paar Punkte her.“

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