Der Untergang ist nicht aufzuhalten: Klaus Maria Brandauer als Hagen (vorne) und Andreas Leupold als Ute. Foto: David

Wie gut, dass auch ein Altmeister dabei ist: Die Wormser Nibelungen-Festspiele bringen Thomas Melles „Überwältigung“ zur nasskalten Uraufführung.

Stuttgart - Einmal im Jahr kommt Worms groß raus. Dann rollt die kleine Stadt am Rhein den roten Teppich aus und sonnt sich im Glanz der Gäste, die zur Eröffnung der Nibelungen-Festspiele anreisen. Heuer zu sichten: Julia Klöckner und Jens Spahn aus der Politik, Frank Plasberg und Bettina Schausten aus dem Journalismus sowie Elke Heidenreich und Marie-Luise Marjan aus der Unterhaltung – und glaubt man den Blitzlichtgewittern, die zwischen Regenschauern auch noch heftig niedergingen auf witterungsbedingt zerzauste Damen und Herren, müssen außer Mutter Beimer & Co. noch einige Prominente mehr dem Ruf des seit 2015 von Nico Hofmann geleiteten Festivals gefolgt sein. Keine Frage: Es bringt einen Zipfel Welt in die Provinz, weshalb man seine Gründung vor fast zwanzig Jahren als cleveres Stadtmarketing betrachten kann – aber nicht nur: Die Festspiele versorgen Worms auch mit urbaner, sich auf der Höhe der Zeit befindender Kunst.

Der Papierform nach trifft dieser Befund auch auf die jüngste Ausgabe zu. Flankiert von Schauspielern, die überwiegend vom Deutschen Theater in Berlin kommen, ist Klaus Maria Brandauerder Star des Abends. Ein Jungstar ist auch der Autor, der jetzt eigens für Worms das Stück „Überwältigung“ geschrieben hat: Thomas Melle, zuletzt hervorgetreten mit dem Roman „Die Welt im Rücken“, einer „blitzhellen Stroboskop-Prosa über seine bipolare Störung“, wie es in einer Kritik heißt. Von der individuellen Krankheit aber schreitet Melle nun zur überindividuellen. Die splatterhafte Nibelungensage neu erzählend, untersucht er die Pathologie des Untergangs der Hunnen und Burgunden, des Verschwindens ihrer Familien, Sippen, Völker, Reiche. Der Clou dabei: Er fragt vor allem, ob sich die Kata­strophe hätte aufhalten lassen, zu welchem Zeitpunkt mit welchen Maßnahmen, denn es „muss ein guter Schluss da sein, muss, muss, muss“.

Greta Thunberg mischt auch mit

Das Zitat stammt nicht von Melle, sondern von Brecht. Aber Ortlieb, Sohn von Kriemhild und Etzel, handelt bei Melle im Sinne dieses Imperativs. Anders als in der Sage will er nämlich nicht im Alter von fünf Jahren hingemetzelt werden, sondern leben, leben, leben. Deshalb versucht er, korrigierend ins Geschehen einzugreifen, unterstützt von einer Zeitreise zurück zum Sagenursprung, als er noch gar nicht geboren war: Ortliebs Kampf gegen den fatalen Geschichtsverlauf ist der Grundgedanke der „Überwältigung“, an dessen Umsetzung es dann allerdings hapert. Sprachlich, weil Melles hoher Ton – teils in gereimten Versen, teils in rhythmisierter Prosa – oft nur Banalitäten veredeln soll. Und inszenatorisch, weil die Regisseurin Lilja Rupprecht, die unter Petras auch in Stuttgart gearbeitet und Kafkas „Amerika“ herausgebracht hat, für ihre Uraufführung keine starken, schlagenden Bilder findet: Die Schilderung der Nibelungensage bleibt ebenso matt wie das Aufbäumen gegen die ihr innewohnende Katastrophe.

Dass der Regen dem Freilicht-Event vorm Wormser Dom zusetzt, dafür kann niemand etwas. Aber selbst wenn die weißen Leintücher, die flächendeckend die gestufte Nibelungenlandschaft bilden, nicht wie nasse Lappen über den Gerüsten hängen würden, wäre das Bühnenbild armselig. Die Kostüme gar sind albern wie beim Siegfried des Alexander Simon, der als Drachentöter barfuß im silbrigen Schuppenpanzer steckt, oder wie beim Gernot des Boris Aljinovic, vormals Kommissar im Berliner „Tatort“, der als ewiger Thronanwärter ein Flatterkleidchen trägt. Und weil ohnehin viel gegendert wird, spielt Andreas Leupold, vormals Stuttgarter Allzweckwaffe, die leicht demente Großmutter von Ortlieb, der wiederum von Lisa Hrdina als Greta-Thunberg-Variante mit pelzigem Fuchsschwanz gegeben wird – ein unansehnlicher Mischmasch allerorten, dem sich tatsächlich nur der abgeklärte, altersweise Klaus Maria Brandauer zu entziehen weiß.

Realpolitik mit Brandauer

Als Hagen ist er der Mörder von Siegfried und Ortlieb, doch das Böse, das er verkörpert, hüllt der Bühnensouverän – schwarze Schuhe, Hose, Weste – in die Privatheit eines Märchenonkels, der mit sanfter Stimme über seine „Funktion“ in der Geschichte nachdenkt, auch jenseits der Nibelungensage. Ein mit Ironie und Spott getränkter Realpolitiker, der unter seinem Fatalismus, Sarkasmus, Zynismus leidet – Klaus Maria Brandauers Lächeln ist gequält, als sein Hagen mit Ortlieb Greta Thunberg zum Finale der „Überwältigung“ in den Katakomben des Doms verschwindet. Der Altmeister macht das Missvergnügen, das Worms in diesem Jahr bereitet, halbwegs wieder wett.

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