In der Bagdad-Bahn: David Bennent als französischer Waffenhändler und Valerie Koch als nymphomanische Lady Foto: dpa

Die Wormser Nibelungenfestspiele zeigen Albert Ostermaiers „Glut“. Aus einem vergessenen Kapitel des Ersten Weltkriegs hat der Autor ein wildes Kolportagestück gebastelt, das von einem Fernseh-Allstar-Ensemble uraufgeführt wird.

Stuttgart - Auf das Ambiente ist man in Worms stolz wie Bolle: „Wir haben das schönste Theaterfoyer Deutschlands und darüber hinaus“, sagt der Oberbürgermeister zur Eröffnung der diesjährigen Nibelungenfestspiele. Recht hat er. Gespielt wird zwar am Dom, unter freiem Himmel, aber davor und danach flanieren die Gäste durch den angrenzenden Heylshofpark, eine wunderbare Gartenanlage, die sich zur Festspielzeit in ein kulinarisches Heerlager weißer Partyzelte verwandelt. Essen und Trinken vom Feinsten, unter Kastanien und Pappeln, zwischen Blumenbeeten und Wasserspielen, die ihrerseits allerdings aufs Delikateste und Pikanteste illuminiert sind: Das aus den Düsen hüpfende Wasser ist so rot, als sprudle es aus einer Halsschlagader – und das sich derart füllende Steinbecken liegt wie ein leuchtendes, nie versiegendes Blutbad zu Füßen der Premierengäste, die mit Sekt und Schnittchen durchs Theaterfoyer der Superlative wandeln.

Mit vorgetäuschter Harmlosigkeit nehmen die Wasserspiele subtil vorweg, was bei den Theaterspielen seit sechzehn Jahren an Grausamkeiten verhandelt wird. Hier gilt’s den Nibelungen und also Reichtum und Macht, Liebe und Verrat, Rache und Krieg. Seit drei Jahren kümmern sich um all die Helden- und Schurkentaten der Fernsehtycoon Nico Hofmann als Intendant und der Dramatiker Albert Ostermaier als Hausautor – und seit zwei Jahren, als Nachfolger von Thomas Schadt, dem Direktor der Ludwigsburger Filmakademie, auch der Theaterregisseur Nuran David Calis. Wenn sich das Trio jetzt abermals über den mythologischen Splatterstoff beugt, richtet es ein weiteres Wormser Blutbad an, zumindest im Finale der dreistündigen „Glut“: Der Panzerzug einer deutschen Spezialeinheit rollt durch den aufgeschütteten Wüstensand vorm Dom und entfesselt im Palast von Scheich Omar den nibelungischen Weltenbrand.

Brünhild und Kriemhild, Siegfried und Etzel in Tausendundeiner Nacht voller Massaker? Klingt verrückt, ist es auch. Und doch ist es nicht verwegener und abenteuerlicher als die historisch verbürgte Episode, die der von Albert Ostermaier fiktiv ausgemalten Apokalypse zugrunde liegt. Das gab es tatsächlich: eine deutsche Orientexpedition im Ersten Weltkrieg, siebzig Mann stark und mit dem Ziel unterwegs, die im Nahen Osten kolonialistisch engagierten Feinde des Reichs zu schwächen. Sie sollten englische Pipelines im heutigen Irak und Iran sprengen und im Vorbeigehen die muslimischen Völker zum Heiligen Krieg gegen die Besatzer anstacheln.

Tarnkappe für die Theatersoldaten

Um bei ihrer Geheimmission nicht aufzufliegen, verkleidete sich die Sabotage- und Propagandatruppe gelegentlich auch als durch den Orient tingelnden Wanderzirkus – ein unglaublich bizarres, lange unbekanntes Kriegskapitel, an dem sich Ostermaiers Fantasie entzündet. Wormsgemäß promoviert er den falschen Wanderzirkus zur Wanderbühne, die ihrerseits mit mittelalterlichen Maskeraden den Muselmanen das teutonischste aller Kulturgüter nahe bringen will, eben die „Nibelungen“: Siegfrieds Tarnkappe als Tarnhelm für deutsche Theatersoldaten, die zum Dschihad aufrufen – das hat was!

Personell stattet Ostermaier seine Grundidee mit dem Eifer einer Agatha Christie aus. Istanbul 1915, Bahnhof Haydarpasa, der Ruf des Muezzin und die Passagiere der Bagdad-Bahn: Während in der zweiten Klasse das nach Siegfrieds Schwert betitelte Notung-Ensemble unterkommt, richtet sich in der ersten Klasse nach dem Muster von „Mord im Orient-Express“ die Weltgemeinschaft ein. Als da wären: der englische Major Lord Lawrence Hawk, der russische Prinz Igor Bopoha, der französische Waffenhändler Monsieur Vulture, genannt Rimbaud, sowie die deutsche Agentin Lady Adler zu Stahl. „Alle Kriegsparteien in einen Zug gepfercht“, sagt Leutnant Stern, der vorgebliche Theaterdirektor und Siegfried-Mime – und der Autor packt die Gelegenheit beim Schopf und lässt die mit sprechenden Namen geschlagenen Kriegsparteien ausführlich zu Wort kommen.

Vor dem Dom wird dem Zug sodann die Wand wie eine Haut abgestreift. Das diplomatische Corps der Zwielichtgestalten tritt nach außen und verwickelt sich in Dialoge über Geopolitik, als wäre man in einem reisenden Volkshochschul-Seminar. „Es geht um Öl, nicht um Ehre“, sagt Lady Adler zum strammen Hauptmann Klein, dem Chef der deutschen Expedition. Stimmt. Darum ging’s damals im Pulverfass des Nahen Osten, und darum geht’s auch heute noch.

Rimbaud vs. Ostermaier: der Franzose gewinnt

Auf solchen Allgemeinplätzen entfaltet sich das Spiel im Spiel. Während die Notung-Künstler ihre Nibelungen proben, vermischen sich Realität und Fiktion immer weiter – bis zum Flammenwerferfinale, wo die Soldaten und Agenten von Gräfin Falke alias Kriemhild in den Hinterhalt gelockt werden wie einst die Burgunder am Hof von König Etzel. Mechanisch arbeitet Ostermaier seinen Plan ab, mit großem Recherchefleiß, aber doch ohne jene Inspiration, die über das Naheliegende und Vorhersehbare hinausreichen würde. Dschihad und Kalifat, deutsche Schäferhunde und deutsche Großmannsucht, Träume und Alpträume, ein bisschen Schiller und – natürlich – viel Wagner, dazu der schwule Lawrence von Arabien und so weiter: all das rührt er zu einem unbekömmlichen Kolportage- und Phrasenbrei zusammen, den auch die aufwändige, mit Videoschikanen arbeitende Uraufführung von Nuran David Calis nicht retten kann.

Am schönsten spielt vor der imposanten Domkulisse noch die Musikkappelle auf. Orientalisch muten nicht nur die Gewänder von Geiger, Kontrabassist & Co an, sondern auch ihre Bearbeitungen des „Rings der Nibelungen“. Im Kammermusikformat klingt Wagner selbst für Wagner-Verächter nahezu betörend. Den Schauspielern indes, wie immer ein TV-Allstar-Ensemble, bleibt kaum etwas anderes übrig als Planerfüllung. Valerie Koch als Lady Adler: eine nymphomanische Leni Riefenstahl. Alexandra Kamp als Gertrude alias Brünhild: eine eifersüchtige Zicke. Dennenesch Zoudé als Gräfin Falke alias Kriemhild: ein rachsüchtiges Eheweib. Bei den Männern sind unterdes und neben anderen Heio von Stetten, Till Wonka, Mehmet Kurtulus und David Bennent zu sichten, dessen französischer Waffenhändler – logisch – mit Rimbauds vorexpressionistischen Versen auf Reise geht. Schlagartig wird klar, wie dürftig im Kontrast dazu Ostermaier mit den Worten klingelt. Seine „Glut“ lässt sich nicht entfachen.

Das bunte Stück mit den müden Pointen bildet den Abschluss der vom Autor für Worms geschriebenen Nibelungen-Trilogie. Auf das kammerpsychologische „Gemetzel“ und das komödiantische „Gold“ lässt er mit „Glut“ und anhaltender Liebe zum großen G eine historisierende Politfarce folgen, die sich gegen die After-Show-Party allerdings weniger behaupten kann als ihre Vorgänger. Erneut liegt das Heil in Worms nicht auf der Bühne, sondern im Heylshof de luxe. Dort nimmt der Gast ästhetische Blutbäder gerne in Kauf.

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