Die frisch geschlüpften Küken blicken noch etwas verschlafen drein. Das Falkenpaar wird den Nachwuchs nun aufziehen. Foto: privat

Der Nabu in Dettingen meldet einen Bruterfolg. Die Falken im Kirchturm haben Nachwuchs bekommen. Dabei mussten sie ihr Revier gegen Dohlen verteidigen. Im Nistkasten haben sich richtige Kämpfe abgespielt – dokumentiert von einer Webcam.

Dettingen - Die Turmfalkenküken im Kirchturm von Dettingen haben sich nicht ganz an den Geburtstermin gehalten. Drei Tage früher als erwartet sind jetzt drei von ihnen am Mittwoch geschlüpft. Weiterer Nachwuchs unter der Teck ist sehr wahrscheinlich, denn es liegen noch einmal drei Eier im Nest, und jeden Moment können die Geschwisterchen die Schale durchbrechen. Vogelfreunde können das Geschehen live am Computer verfolgen, denn der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat in dem Nistkasten eine Webcam installiert.

Nach circa sechs Wochen sind die Jungvögel flügge

Heinz Schöttner von der Dettinger Nabu-Ortsgruppe freut sich. „Am Mittwoch musste ich auf den Turm, weil das Objektiv der Webcam verschmutzt war. Da sah ich, dass die ersten drei Turmfalkenküken geschlüpft waren. Eines davon machte sich sogleich auf den Weg und entfernte sich vom Gelege“, berichtet Heinz Schöttner. Für das Turmfalkenpaar steht nun die Aufzucht im Vordergrund. Die Alten gehen auf die Jagd, zerlegen Mäuse in mundgerechte Stücke und päppeln so die Jungen auf. Circa sechs Wochen wird es dauern, bis die Jungvögel flügge sind und ihr Nest verlassen können.

Der Dettinger Bruterfolg im Turm der St. Georgskirche ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die Falken haben Konkurrenz, Dohlen sind ebenso an dem hölzernen Nistkasten interessiert, den die Naturschützer in rund 35 Metern Höhe eingesetzt haben. Im vergangenen Jahr, so berichtet Heinz Schöttner, haben die Dohlen die Falken tatsächlich aus dem Turm verdrängt. Da Turmfalken aber generell recht anpassungsfähig sind und auch in passenden Nischen anderer Gebäude wie Feldscheunen, Aussiedlerhöfen, Fabrikgebäuden oder Brücken brüten, fanden die Dettinger Falken vermutlich in einem alten Krähennest auf einem hohen Baum ein Ausweichquartier.

Die Falken behalten die Oberhand

Heinz Schöttner erhielt dann eines Tages einen Anruf von einem Schafbesitzer, der auf ein Falkenjunges gestoßen war. Der Nabu-Mann nimmt an, dass der kleine Vogel bei einem Sturm aus dem Nest gefegt worden ist. Er brachte das Tier nach Mössingen zum Vogelschutzzentrum. In der Pflegestation für verletzte Vögel wurde der kleine Raubvogel erst aufgepäppelt und dann ausgewildert.

In diesem Frühjahr konnten sich die Turmfalken aber gegenüber den Dohlen behaupten. Dem waren allerdings erbitterte Kämpfe vorausgegangen. Davon zeugen Bilder, welche die Webcam geliefert hat. Alle 30 Sekunden aktualisiert sich das Bild automatisch. Über die Homepage der evangelischen Kirche in Dettingen kann die Szene beobachtet werden. Den ganzen April über belagerte ein Dohlenpaar den attraktiven Brutort. Aber die Falken verteidigten ihren Platz beharrlich.

Das Projekt „Lebensraum Kirche“ hilft seltenen Arten

Um den anhaltenden Konflikt zwischen den Vogelarten zu entschärfen, installierte der Nabu mit Unterstützung der Kirchengemeinde erst einen zweiten und danach noch einen dritten Nistkasten. Denn auch die Dohlen sind geschützt. Dennoch kommt es nach wie vor zu einem Verdrängungswettbewerb zwischen Dohlen und Turmfalken. Im vergangenen Jahr übernahmen die Dohlen die Hoheit komplett gleich über alle drei Nistkästen.

Die Kirche in der Ortsmitte von Dettingen ist derweil längst nicht die einzige, in der Turmfalken brüten. Vor zwölf Jahren hob der Naturschutzbund die Aktion „Lebensraum Kirche“ aus der Taufe. Das Ziel ist es, vielen seltenen Tieren wie Fledermäusen, Schleiereulen und eben auch den nicht so ganz seltenen Turmfalken einen Lebensraum zu bieten.

Mehr als 1000 Kirchen sind inzwischen zertifiziert

Kirchen, die ihren Turm öffnen und sich besonders für den Artenschutz einsetzen, erhalten eine Urkunde und eine Plakette. 1080 Kirchen sind derzeit in Deutschland gelistet. Mit 226 Kirchen ist Baden-Württemberg bundesweit spitze. Auch die Region Stuttgart ist zahlreich vertreten. Allein im Kreis Böblingen gibt es 27 Kirchen mit Plakette. Im Kreis Esslingen sind 13 Kirchen zertifiziert, im Rahmen der Aktion „Lebensraum Kirche“ ist etwa auch die Esslinger Stadtkirche St. Dionys ausgezeichnet worden.

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