Weiße Rosen im Gedenken an einen großen Mann: Berthold Leibinger. Foto: dpa

Kretschmann, Teufel und Co.: Beim Gedenkgottesdienst für den Unternehmer und Mäzen Berthold Leibinger treffen sich die Großen des Landes in der Stiftskirche. Und es gibt auch ganz private Einblicke.

Stuttgart - Es ist ein Fest des Lebens gewesen, das 500 Trauergäste dem am 16. Oktober verstorbenen Berthold Leibinger an diesem Montag bereitet haben. Das Datum sei nicht zufällig gewählt, sagte die Tochter des Unternehmers und Mäzens, Nicola Leibinger-Kammüller, in ihrer Ansprache zum Gedenkgottesdienst für ihren Vater: „Am 26. November wäre der 88. Geburtstag von ,Lb’ gewesen, wie jeder ihn bei Trumpf nannte. Und wer ihn kannte, wird mir zustimmen: Er hätte diesen Tag sehr genossen. Ein Bad in der ihm wohlgesonnenen Menge, noch dazu in seiner geliebten Stiftskirche: Das wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen.“

Mit dieser Einschätzung dürfte die Tochter – und im Unternehmen auch die Nachfolgerin – von Berthold Leibinger recht behalten. Im Beisein des früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel, des Stuttgarter Oberbürgermeisters Fritz Kuhn und dessen Vorgängers Wolfgang Schuster, zahlreicher aktiver und gewesener Landespolitiker sowie prominenten Vertretern aus Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft musizierte die Gaechinger Cantorey, Bach natürlich, unter der Leitung des Chefs Hans-Christoph Rademann persönlich. Stiftskirchenkantor Kay Johannsen tat, was er am allerbesten kann: Er ließ die Mühleisen-Orgel beim „Lobet den Herren“ jubilieren, als gälte es nicht eine Trauergemeinde im Herzen der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu begleiten, sondern einen Engelschor, welcher auf der Wolke neben dem Verstorbenen Platz genommen hat.

Leibinger fremdelte mit Ministerpräsident Kretschmann

Unten aber blieben die Irdischen, Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Beispiel, der sich an seine erste Begegnung mit dem Seniorchef von Trumpf erinnerte. Kaum zwei Wochen nach dem Amtsantritt des Grünen anno 2011 sei das gewesen. Kretschmann habe Leibinger gefragt, wie es ihm gehe. „Gesundheitlich gut, wirtschaftlich gut, politisch schlecht“, habe der einstige Berater von Helmut Kohl geantwortet. „Das politische Unheil steht vor ihnen“, habe Kretschmann entgegnet, worauf Leibinger knapp antwortete: „Ja!“

Doch im Laufe der Zeit haben sie sich kennen und schätzen gelernt, der Ur-Grüne und der bekennende Schwarze, der Katholik und der Pietist, der Biologe und der Ingenieur. In der Philosophie, in der Literatur und im Glauben trafen sie sich – und in ihrer Liebe zu Heimat und Familie. „Das Land war ihm wichtig und er war für das Land wichtig“, sagte Kretschmann. Leibinger habe „ein Fabrikle zu einem Weltunternehmen gemacht“ und die Wirtschaft, vor allem die soziale Marktwirtschaft, immer als „Teil unserer Kultur verstanden“.

Patriot und Familienmensch: Leibinger hatte viele Facetten

Ganz ähnlich beschrieb der frühere BASF-Chef Jürgen Strube den Verstorbenen. Immer wenn Leibinger den Mund auftat, habe er sich an die Reden des Theodor Heuss erinnert. Vergleichbar klug und mit nämlichem Dialekt habe Leibinger gesprochen. Ein Patriot sei er gewesen, der wusste, dass ein Unternehmen eine Heimat brauche. In manchen Runden, auch privat bei einer guten Flasche Rotwein, habe man zusammen mit den Frauen darüber sinniert, wo diese Heimat sei: im Schwäbischen, in Deutschland, in Europa?

Doch am wichtigsten blieb stets die Familie. „In seinen letzten Tagen wallten manchmal die Schmerzen quälend in ihm auf“, berichtete Prälat Martin Klumpp in seiner beeindruckenden Predigt von den letzten Tagen im Leben des Berthold Leibinger. In just einem solchen Moment „erkannte er vom Gang des Krankenhauses her die Schritte seiner lieben Frau. Er lächelte mich an und sagte: ,Wenn meine Doris kommt, wird es immer hell.’“

Martin Klumpp begleitete seinen sterbenden Freund Berthold Leibinger und dessen Familie bis zum letzten Tag – und darüber hinaus. Das Opfer der Trauerfeier war für das Stuttgarter Hospiz bestimmt. Dessen Förderverein führt Martin Klumpp seit vielen Jahren. Neben ihm sitzt stets Doris Leibinger.

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