Szene aus Henrik Ibsens Drama „Die Wildente“, inszeniert von Elmar Goerden im Schauspielhaus Stuttgart. Von links: Ralf Dittrich (der alte Ekdal), Klaus Rodewald (Hjalmar Ekdal), Anke Schubert (Gina Ekdal), Reinhard Mahlberg (Gregers Wehrle), Musikerin Helena Daehler, Anne-Marie Lux (Hedwig). Foto: Thomas Aurin

Regisseur Elmar Goerden hat „Die Wildente“ von Henrik Ibsen inszeniert. Bei der zweistündigen Premiere am Samstag im Schauspielhaus Stuttgart zeigt sich: Das Drama taugt auch als harmloser Familien-TV-Film.

Stuttgart - Da steht er, Hjalmar Ekdal, ein früh vergreister Hipster mit Bartstoppeln und langem Zauselhaar. Eine Art Mann in Kinderklamotten: Schlumpfmütze, Ringelshirt, Cargohose, Stiefel und ein überlanger Anorak. Ein Typ, mit dem man gern in einer Craftbier-Bar einen trinken geht. Einer, der irgendwie kreativ unterwegs ist, der es mit dem Karrierestreben nicht so hat, der von den kleinsten Aufgaben schon überfordert ist und dem es egal ist, wie die Miete, das Leben finanziert wird. Alles wird gut.

Solche Typen trifft man nicht nur in Berlin-Kreuzberg, im Fernsehen und im Kino, sondern auch schon 1884 in Henrik Ibsens Drama „Die Wildente“. Mit Lydia Kirchleitners Kostümierung in Elmar Goerdens Inszenierung, die am Samstag im Schauspielhaus Stuttgart Premiere hatte, ist die Figur charakterisiert und ins Hier und Heute geholt. Die Produktion ist ein Mitbringsel aus Mannheim, der früheren Wirkungsstätte des neuen Stuttgarter Intendanten Burkhard C. Kosminski.

Alternde Hipster in zu großer Joppe

Hjalmar (Klaus Rodewald) ist ein sympathischer Loser, der gern davon schwafelt, was er mal etwas Großes erfinden und damit die verlorene Familienehre retten will. Denn sein Vater wanderte wegen Betrugs ins Gefängnis, während Kompagnon Werle (Edgar M. Böhlke) freigesprochen wurde. Hjalmars Erfinderheft allerdings ist so unbeschrieben rein wie die Bühne (Silvia Merlo und Ulf Stengl): blendend weiß, in der Form aufgeschlagener Seiten eines Notizbuches samt Eselsohr.

Als Werles Sohn Gregers (Reinhard Mahlberg) in die Stadt kommt – ebenfalls ein alternder Hipster in zu großer Joppe – erzählt Hjalmar dem Kumpel von einst, er sei verheiratet, habe eine Tochter und er arbeite als Fotograf und Erfinder. Natüüürlich knipse er nicht einfach nur Krethi und Plethi. Das besorgt eine andere: seine Frau, Gina Hansen (Anke Schubert). Die ist das ehemalige Dienstmädchen der Familie Werle. Was Hjalmar nicht weiß: Er hat sich vom alten Werle dessen abgelegte Geliebte aufschwatzen lassen und wird – ohne es zu wissen – von Werle alimentiert.

Muttersöhnchen mit Nazischeitel

Man sieht förmlich, wie Freund Gregers während des Smalltalks dies alles klar wird. Er vermutet, dass womöglich auch das Kind Hedvig nicht von Hjalmar ist, sondern vom alten Werle.

Hier beginnt das Drama. Gregers hat sich zur „Lebensaufgabe“ gemacht, Wahrheit in die Welt zu bringen. Seine Motivation liegt in seiner Biografie: Seine Mutter hat sich umgebracht, der dominante, Schürzenjäger-Vater ist seiner Meinung nach Schuld daran.

Gregers ist bei Regisseur Goerden ein Muttersöhnchen mit fanatischen Zügen und Nazischeitel. Kumpel Hjalmar soll ein Leben in Wahrheit und Klarheit führen können – eine Aufklärungsarbeit mit fatalen Folgen.

So wie Wildenten sich auf der Suche nach Futter auch schon mal in Sumpf und Morast am Wassergrund verheddern und das Tier zum Symbol für das Leben der Figuren wird, können sich die Figuren bei Ibsen nicht aus dem Lügengeflecht befreien.

Der Regisseur schafft klare Verhältnisse

Elmar Goerden allerdings geht mit der Machete durch den Text und zerhaut die klebrigen Fäden. Goerden findet weder die Klassenunterschiede noch das Ambivalente der Figuren theatertauglich: Alle Figuren sind ähnlich wattiert und fein gekleidet. Und anders als bei Ibsen ist das Ex-Dienstmädchen Gina weder devot noch ungebildet. Im Gegenteil, sie hält als patente warmherzige Übermutter den Familienladen am Laufen. Betont wird die mal dramatische, mal heitere, bisweilen klamaukige Atmosphäre von der live spielenden Musikerin Helena Daehler.

Kein leiser Zweifel herrscht hier mehr, dass der alte Werle der Kindsvater ist, während bei Ibsen manches dafür spricht, dass Gina dies nur suggeriert, damit der Geschäftsmann weiterhin heimlich sie und die Familie finanziert.

Elmar Goerden schafft schnell klare Verhältnisse, um in seiner zweistündigen Inszenierung mehr Zeit zu haben, den Alltag bei den Ekdals aufs Niedlichste auszumalen. Er erfindet für sein gut eingespieltes Ensemble Szenen, die zeigen, wie schön doch so ein Familienleben ist, selbst wenn es auf einer (Not)lüge aufgebaut ist. Anne-Marie Lux als Tochter Hedvig etwa amüsiert mit allerlei Improvisationen, Ratespielen, Rollschuhfahrten, sie spielt das altkluge Mädchen mit plapperndem Charme.

Tröstliche Gedanken

Dafür streicht er eine Menge Personal, auch die Figur des Arztes Relling. Dadurch verliert das Stück an Schärfe. Denn Relling hat für Hjalmar nichts übrig, hält ihn für einen faulen Labersack. Und er verhöhnt Gregers naiven Optimismus, dass Menschen in der Lage seien, die Wahrheit zu ertragen, einander zu vergeben und damit charakterlich wachsen würden.

Er konstatiert überdies definitiv Hedvigs Tod am Ende des Stückes, während der Zuschauer im Schauspielhaus Stuttgart auch nach Hause gehen kann mit dem tröstlichen Gedanken, dass sie vielleicht nur die Tote spielt, weil sie das im Verlauf der zwei Spielstunden schon öfter gemacht hat.

Trägheit siegt

Bei Ibsen schreit Hjalmar ein bisschen herum, als er die Wahrheit erfährt, schafft es aber lediglich aus Trägheit nicht, sich von Gina zu trennen. Er jammert und klebt einen großzügigen Scheck des alten Werle wieder zusammen. Bei Goerden hingegen klebt der Kleister dann auch zwischen den Händen von Hjalmar und Gina. Sie schauen zurück auf die schönen vergangenen Jahre, vertragen sich und sitzen einträchtig beieinander.

Ibsens Drama taugt auch als Fernsehfilm

So sind sie halt, die Leute, mittelmäßig und bequem, sagt diese bei aller Familienehrenrettung resignative Regiearbeit: Mag sein, dass Menschen manchmal Lebenslügen brauchen, deshalb können und dürfen sie dennoch glücklich leben. Das ist die Überraschung des braven Abends: Ibsens Stoff, derart vereinfacht, taugt auch als harmloser TV-Familienfilmstoff.

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