Ist das Kunst oder kann das weg? Szene aus „Die Abweichungen“ von Clemens J. Setz im Kammertheater Stuttgart mit den Ensemblemitgliedern des Staatsschauspiels Verena Buss und Sven Prietz. Foto: Björn Klein

Wie Regisseur Elmar Goerden versucht, im Stuttgarter Kammertheater den schwachen Text von Erfolgsautor Clemens J. Setz zu retten und wie es der Schauspielerin Verena Buss gelingt, aus einem kleinen Auftritt in „Die Abweichungen“ ein großes Drama zu machen.

Stuttgart - Kunst ist „Natur minus X“, hat der Dramatiker des Naturalismus, Arno Holz, vor über hundert Jahren errechnet. In Clemens J. Setz’ Drama „Abweichungen“, am Sonntag im Kammertheater Stuttgart uraufgeführt, besteht die Natur aus Miniatur-Modellen realer Wohnungen. X sind die Abweichungen von diesen realen Wohnungs-Vorlagen: ein zusätzliches Kind, ein Krokodil im Flur, ein Dinosaurier im Aktenschrank.

Wie sich an der Reaktion der Bewohner herausstellen wird, hat die Künstlerin, die diese Abweichungen kreiert hat, ins psychologisch Schwarze getroffen: Die „falschen“ Dinge sind Stellvertreter für heimliche Wünsche, dunkle Persönlichkeitsaspekte, Sehnsüchte, Hoffnungen. Der Kuratorin einer Ausstellung sind diese Abgründe schnuppe, sie freut sich über die tolle Außenseiterkunst, bei der sie nichts tun muss als die Nachnamen der Wohnungsbesitzer abzukürzen. Familie K. statt Familie Kaindl, das klingt ja auch viel interessanter, literarischer.

Elmar Goerden inszeniert texttreu

Die Künstlerin ist übrigens Putzfrau in den Wohnungen gewesen. Man findet ihre Modellkunst erst nach ihrem Selbstmord. Die Polizei entdeckt die Putzkraft tot in der – ja, das ist so der Humor von Setz – Besenkammer. Eine Figur am Rande der Gesellschaft, die Untiefen der Menschen aus der Mitte der Gesellschaft auslotet, das hat etwas Sozialromantisches. Auch erschöpft sich die Pointe mit den Abweichungen schnell. Es wirkt, als habe der vielschreibende, vielfach ausgezeichnete 36 Jahre alte österreichische Autor die Geduld mit den neurotischen Figuren verloren. Die Abweichungen verwirren und irritieren die Bewohner, führen aber nicht zu weltbewegenden Konflikten.

Regisseur Elmar Goerden, der in Stuttgart in der Zeit von Burkhard C. Kosminskis Vorvorvorgänger Friedrich Schirmer viel inszeniert hat, besorgte am Sonntag als dritte Intendanz-Auftaktproduktion die Uraufführung. Er macht das Beste aus dem küchenpsychologisch halbgaren Stück, inszeniert texttreu und nimmt die Figuren ernst. Die Bühnenbildner Silvia Merlo und Ulf Stengl haben einen aseptischen und verwinkelten weißen (Labor)Raum kreiert, die Figuren tragen alle Schwarz und Beige, ein schicker skandinavische Hygge-Gemütlichkeitslook (Kostüme: Lydia Kirchleitner) des städtischen Wohlstandsbürgers. Bis auf die Jugendlichen, die von der Aufregung der Alten über die Mini-Wohnungen genervt sind und in Ringelpullis und dezenz karierten Hemden herumlümmeln.

Soziale Kälte der Wohlstandsbürger

Zwar gerät der Regieeinfall kitschig, dass die Jugend der Kunst- und Alltagsbanalität durch ein Sichwegträumen in andere Sphären zu entkommen sucht. Stark sind dafür Szenen, in denen Goerden soziale Kälte ausstellt, mit der die Arbeitgeber der Putzfrau auf deren Tod reagieren. Der Lehrer Franz Kaindl (Sven Prietz) hält fest, dass sie die Putze ja immer gut bezahlt haben, und verrennt sich in die Idee, die Ausstellung verbieten zu lassen. Und seine Frau Lisa (Katharina Hauter) denkt nur an sich und suhlt sich im wohligen Entsetzen: „Ich fühl’ mich so betrogen . . . Und alles berührt! Aah, mir steigt’s richtig kalt auf. So eine Person, so nahe an dir. Dass es sowas gibt. Als würde der Blitz neben dir einschlagen. So fühlt sich das an.“

Großer Auftritt von Verena Buss

Clemens Setz zeichnet skurrile bis unsympathische Charaktere, sie genauer zu konturieren, gelingt bei den älteren Figuren. Der senile Hans (Peter Rühring) hat sonderbar gewalttätige Ausraster und ist der Demenz nahe, seine ihn geduldig umsorgende Ehefrau Ulrike (Anke Schubert) scheint selbst überrascht, wie ihr der Zusammenbruch des Gatten zusetzt. Und Verena Buss als Mutter der Galeristin (Josephine Köhler) zeigt, wie man aus einem kleinen Auftritt großes Drama macht. Ihre skeptischen Blicke, ihr Schweigen, ihr schneidender Ton lassen selbst ein Lob wie eine Ohrfeige wirken und die sonst so überhebliche Tochter schmerzlich zusammenzucken.

Das sind fein herausgespielte Dramen, die so nicht im Buche stehen, aber für theatral aufregende Momente an dem zweistündigen Abend sorgen.

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