Was diese Menschen wohl sehen? Am Stand des Elektronikkonzerns Samsung probieren CES-Messebesucher VR-Brillen aus. Foto: AP, dpa (2)

Auf der Technikmesse CES in Las Vegas konkurriert die virtuelle mit der erweiterten Realität. Wer vorne liegt, ist nicht klar. Denn noch sind die Anbieter beider Technologien auf der Suche nach ihrer Existenzberechtigung.

Las Vegas - Die Consumer Electronics Show (CES) verspricht „game changing innovations“ – Innovationen also, die unser Leben grundlegend verändern werden. In diesem Jahr ist die Augmented Reality, die erweiterte Realität, auf der Technikfachmesse in Las Vegas mit einem eigenen Marketplace ausgestattet – was zeigt, dass große Hoffnungen auf ihr ruhen.

Denn diese Marketplaces sind jeweils eigene thematische Bereiche mit Ständen von Anbietern, deren Produkte von der Messe als „bahnbrechende Innovationen“ angepriesen werden. Das Thema virtuelle Realität (VR) dagegen hat in diesem Jahr keinen eigenen Marketplace bekommen. Firmen, die sich auf Produkte wie VR-Brillen spezialisiert haben, müssen sich mit einem Platz zwischen Computerspiel-Ständen begnügen. Das wirft die Frage auf, ob die erweiterte der virtuellen Realität langsam den Rang abläuft. Die Technologie wird von manchen auch „mixed reality“ genannt, da dabei virtuelle Objekte in die Realität des Nutzers eingeblendet werden. Sie kann sowohl auf Mobilgeräten wie Smartphones und Tablets genutzt werden – das bekannteste Beispiel dafür ist das Spiel „Pokémon Go“ – als auch mittels entsprechender Brillen und Headsets.

Tatsächlich hat sich die virtuelle Realität nicht so entwickelt wie erhofft: Der Absatz der Headsets steigt nur langsam. Das könnte unter anderem auch daher rühren, dass viele Nutzer sie missverstehen: „Sie schauen ein 360-Grad-Video auf einem Bildschirm an und halten das für virtuelle Realität“, sagt Kim Diba von Reverge VR, einem Anbieter für VR-Inhalte für die Hollywood-Industrie. „Wir wollen, dass unsere Inhalte die Menschen umhauen – aber das geht nur, wenn man sie vorher informiert.“ Das wiederum ist für viele Unternehmen schwierig, da sie nur Inhalte anbieten, aber nicht direkt auf den Nutzer treffen.

Noch sind die Headsets teuer und unbequem

Auch Meenakshi Ramasubramanian von der Consumer Technology Association sagt: „Die Menschen nutzen nicht die Geräte, von denen Provider gerne hätten, dass sie sie nutzen.“ Laut einer Untersuchung ihres Verbandes haben 82 Prozent der Bevölkerung noch nie VR-Inhalte angeschaut, während 24 Prozent Augmented Reality ausprobiert haben – dank „Pokémon Go“.

Die erweiterte Realität habe es leichter, sagt Vinay Narayan vom VR-Headset-Hersteller HTC Vive: „Sie ist mobil, während VR immer an einen festen Ort gebunden ist.“ Zugleich dürfe man nicht zu ungeduldig sein, wenn sich die virtuelle Realität langsamer im Massenmarkt verbreite als erhofft: „Es gab nie zuvor etwas Vergleichbares. Etwas Neues einzuführen und zu etablieren braucht stets Zeit.“

Freilich sind sich die VR-Anbieter einig, dass gute Inhalte auf guten Geräten jeden überzeugen – doch noch sind die Headsets teuer und unbequem, zudem müssen sie an einen meist ebenfalls teuren Computer angeschlossen werden. Doch das ändert sich womöglich gerade: So zeigt der Hersteller Pico relativ leichte Headsets in der Preisklasse von 300 bis 750 Dollar, die sämtliche Technik beinhalten und der Funktionalität großer Konkurrenten wie Oculus und HTC Vive nahekommen. Da sie auch kein Kabel brauchen, das sie mit einem Computer verbindet, können sich Nutzer recht frei bewegen. Das Headset verortet sie im Raum mittels Kamera und Ultraschalltechnik.

Wie uns die erweiterte Realität nutzen kann

Die Augmented-Reality-Anbieter hingegen nutzen ihre Chance erstaunlich wenig. Was auf der CES gezeigt wird, ist nicht besonders kreativ. Viele der dargebotenen Headsets, insbesondere jene der chinesischen Hersteller, erinnern stark an die Google-Brille – nur, dass fast alle so schwer sind, dass das meist großgedruckte Versprechen „Hands free“ auf den Tafeln der Stände eher wie eine Parodie wirkt: Die Hände sind nicht frei, sie halten die klobige Brille auf der Nase.

Die drängendste Frage ist freilich die nach der konkreten Anwendung. Schließlich ist zumindest die Google-Brille auf dem Privatkundenmarkt phänomenal gescheitert: Nachdem Google 2012/2013 ein großes Trara um sie gemacht hatte, zeigte sich irgendwann, dass kaum jemand sie haben wollte.

Das Gerät funktioniert mittels Sprachsteuerung

Während Google mit seiner Brille derzeit ein Comebackin der Industrie plant, scheint das auch bei den aktuellen Anbietern der vielversprechendste Nutzungsfall zu sein. Realwear beispielsweise zeigt ein Headset, das entweder als Brille getragen oder auch an einem Baustellenhelm befestigt werden kann. Es sei das weltweit erste „Hands free“-Android-Tablet, scherzt Feroz Mohummed von Realwear. Er sei zuvor in der Öl- und Gas-Industrie tätig gewesen und wisse, dass die Menschen dort die Hände frei haben wollen und auch ein freies Blickfeld brauchen. Der Bildschirm befindet sich vor dem rechten Auge, das Gerät funktioniert mittels Sprachsteuerung.

Der zweite Anwendungsfall, der als vielversprechend für die erweiterte Realität angesehen wird, ist der Bildungssektor: So zeigt der Anbieter Dreamworld eine Brille ähnlich der Microsoft Hololens, deren Gläser zwar über das Blickfeld reichen, aber transparent sind. Mithilfe entsprechender Apps können Nutzer beispielsweise virtuell die verschiedenen Bereiche des menschlichen Gehirns kennenlernen.

„Technologie sollte immer dafür da sein, Probleme zu lösen“, sagt Vinay Narayan von HTC Vive, „doch daran scheitert die Industrie manchmal.“ Seine Vision für Virtual Reality ist ebenfalls Bildung: So üben bereits heute Feuerwehrleute mittels einer virtuellen Nachbildung eines Gebäudes, wie sie dort im Notfall vorgehen müssen. „Das spart Kosten im Vergleich zum klassischen Vorgehen“, sagt Narayan. Ein gutes Argument für den Weg in den Massenmarkt.

Die Technikmesse CES

Messe: Die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas ist eine der größten Fachmessen für Unterhaltungselektronik. Rund 184 000 Fachbesucher tauschen sich noch bis Freitag über die Neuheiten der 4000 Aussteller aus.

Autos: Die Messe hat sich über die Jahre thematisch erweitert. Sie gilt nun auch als fünftgrößte Automesse. Die Mobilität der Zukunft und das vernetzte Zuhause sind in diesem Jahr ebenfalls große Themen auf der CES.

Konferenz: Die CES wird außerdem von einer Konferenz begleitet, bei der Experten in Gesprächsrunden und Vorträgen die Themen der Messe diskutieren. In diesem Jahr stehen etwa 1200 Vortragende auf dem Podium.

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