Byton stellte in Las Vegas ein neues E-Auto mit einem 1,24 Meter breiten Display vor (im Bild Präsident Daniel Kirchert, li., und Geschäftsführer Carsten Breitfeld). Foto: AFP

Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas rüsten Daimler, Bosch und andere Hersteller das Cockpit der Autos technologisch auf. Vorbilder bei Design und Nutzererlebnis sind Handys. Die Fahrerdaten werden derweil zum begehrten Geschäftsmodell.

Las Vegas - Wenn Daimler an diesem Dienstag in Las Vegas das Innere seiner A-Klasse zeigt, geht es auch um die erkaltete Liebe vieler Verbraucher zum Automobil. Die Stuttgarter wollen auf der Elektronikmesse CES wieder jene locken, für die das neueste Smartphone wichtiger ist als der Besitz eines Neuwagens. MBUX hat man bei Mercedes-Benz das neue Infotainment-System genannt, wobei die beiden letzten Buchstaben für User Experience – auf Deutsch: Nutzererfahrung – stehen. Erstmals hat der Konzern Bildschirme verbaut, die auch auf Berührung reagieren.

Angebracht über Lenkrad und Mittelkonsole, können sie auch über Tasten am Lenkrad gesteuert werden. Auf diese Weise lassen sich neben den bekannten Funktionen wie Medien und Navigation viele weitere Apps nutzen. Die Ansicht lässt sich nach persönlicher Vorliebe ändern, so wie man es auch von Computerhandys kennt. „Wir bringen die Smartphone-Erfahrung ins Auto“, sagt ein Sprecher. „Digitales Design ist im Automobilbau extrem wichtig geworden und wird künftig mindestens so relevant sein als das Design der Karosserie und der Inneneinrichtung.“

Die Wettfahrt um das Cockpit der Zukunft ist eröffnet

Wie Daimler arbeiten auch andere Autohersteller und ihre Zulieferer an dem Cockpit der Zukunft. Neben dem berührungsempfindlichen Bildschirm spielen dabei zwei weitere Smartphone-Trends eine zentrale Rolle: Sprachsteuerung und künstliche Intelligenz. Bosch präsentierte am Montagabend (MEZ) unter anderem die intelligente Kommandozentrale HMI – eine Abkürzung für Human Machine Interface, also die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Kern der Zentrale ist die Sprachassistentin Casey, die mit dem Fahrer simple Dialoge führen und seine Gewohnheiten zunehmend genauer berechnen kann. Nach einiger Zeit kennt Casey zum Beispiel die Staus auf dem Weg zur Arbeit oder ob ein Fahrer morgens lieber Nachrichten oder Musik hört.

Casey soll das Fahren vereinfachen. Aber auch die Bedienung der Bildschirme sollen intuitiver werden: Der Fahrer sieht nur noch das, was in einer Situation am wichtigsten ist. „Wir räumen im Cockpit auf“, sagt Steffen Berns, Vorsitzender des Bereichsvorstands von Bosch Car Multimedia. „Anzeigen und Bedienung werden mithilfe unserer Kommandozentrale auf jede Fahrsituation abgestimmt.“ Das System sammelt dabei Informationen wie etwa zu Strecke, Fahrer oder Route und priorisiert sie. So erscheint bei glatten Straßen eine Warnmeldung im Blickfeld, während die Anzeige des Radiosenders auf ein weniger zentrales Display verschoben wird.

Bosch will die Sicherheit erhöhen

Damit will Bosch die Sicherheit im Cockpit erhöhen. Denn die digitale Aufrüstung mit Navigationssystemen und Bildschirmen mit komplexen Menüs führt leichter zu Unfällen – zu oft und zu lange sind die Fahrer bei der Bedienung abgelenkt. Deshalb würden sich einfacher zu bedienende Bildschirme im Auto durchsetzen, heißt es bei Bosch – und ebenso jene, die beim Tastendruck ein besseres Feedback geben. Diese so genannten haptischen Displays fühlen sich wie reale Knöpfe an, mit denen sich intuitiv die Lautstärke regeln oder das Navi bedienen lässt.

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Gefühlvoll soll es auch zwischen Auto und Maschine zugehen. „Wir glauben, dass die Beziehung zum Auto wieder emotionaler wird“, heißt es bei Daimler. Schließlich könne der Fahrer immer mehr Funktionen auf sich abstimmen – von den Sitz-Grundeinstellungen über die Musik bis hin zum Lieblingscafé entlang der Strecke. Kameras könnten künftig den Gemütszustand des Fahrers analysieren, die Sprachassistentin an das Geburtstagsgeschenk für die Ehefrau erinnern. All das verbindet. Das Gefühl wird befeuert durch einen rapide wachsenden Austausch von immer persönlicheren Daten. Mit diesen wiederum lassen sich neue Geschäftsmodelle schaffen: Das Cockpit entwickelt sich von der Fahrer- zur Dienstleistungszentrale.

Bald könnte während der Fahrt Werbung auf dem Bildschirm erscheinen

Bald könnte dabei das Prinzip Google Einzug halten: Service und Werbung für das aktuelle Bedürfnis. Wenn der Bordcomputer zum Beispiel weiß, dass der Fahrer eine Sitzheizung, Kuschelpop und gelegentliche Abstecher ins Grüne goutiert, dann könnte er ein Angebot für den Wohnzimmerkamin oder zumindest für den ökozertifizierten Flauschteppich auf dem Bildschirm aufpoppen lassen. Dabei wird entscheidend sein, wer Zugriff auf die Fahrerdaten und damit auf künftige Geschäftsmodelle hat. „Die Kunden haben volle Kon­trolle darüber, welche Daten wozu erhoben werden und können jederzeit selbst Dienste ein- und ausschalten“, betont ein Daimler-Sprecher. Aber natürlich werde das Bordsystem auch dabei helfen, dass „mit den Daten mehr Dienstleitungen angeboten werden können“.

Eine Frage dabei ist, welche Dienstleister noch Platz im Cockpit finden werden – virtuell gesehen. „Wir betrachten unser Fahrzeug wesentlich mehr als eine Plattform als als ein Auto“, kündigte bereits Carsten Breitfeld, Chef des neuen Autoherstellers Byton, an, als er in der Nacht zum Montag (MEZ) in Las Vegas den Prototypen eines Elektro-SUV präsentierte. Man wolle das Auto für Dienste und Angebote verschiedener Partner öffnen. Als Sprachassistentin hat man bei Byton Amazons Alexa integriert. Nicht nur ein riesiger Touchscreen mit 1,24 Metern Länge erinnert daran, dass auch bei Byton die Dienste und Bedienung aus dem Smartphone-Zeitalter ins Cockpit Einzug halten. Auch der Firmenname ist mit der Anspielung auf die neue Datenwelt Programm: Bytes on Wheels – Bytes auf Rädern.

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