Klinikumsmitarbeiter werben in Bad Cannstatt für den Erhalt einfacher, aber günstiger Personalwohnungen im Prießnitzweg. Foto: Oliver Willikonsky - Lichtgut

Die Stadt hat alle Wohnheime des Klinikums an ihr Tochterunternehmen SWSG verkauft. Die will mehrere Blöcke abreißen und neu bauen. Das ruft jetzt massiven Widerstand hervor.

Stuttgart - „Prießnitzweg bleibt“ steht auf dem Transparent, das mehrere Anwohner an diesem kalten Abend in die Höhe halten. Die Zukunft von drei großen Wohnblöcken ­direkt am Krankenhaus in Bad Cannstatt schmeckt den Versammelten überhaupt nicht. Sie alle sind Mitarbeiter des Stuttgarter Klinikums und leben derzeit in einfachen, aber sehr günstigen Personalwohnungen. Doch die Gebäuderiegel mit Wohnraum für 302 Menschen sollen noch in diesem Jahr abgerissen werden.

Im Herbst 2017 hat die Stadt für rund 25 Millionen Euro alle Personalwohnungen des Klinikums an ihre Tochterfirma, die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), verkauft. Das Paket umfasst fünf Standorte, die Gebäude Prießnitzweg 18 bis 22 in Bad Cannstatt sind mit Abstand der größte. Die SWSG plant nun mit dem ­Segen des Gemeinderats große Sanierungen.

Im Prießnitzweg sollen alle drei Gebäude abgerissen werden, obwohl 2016 noch von der Sanierung von zumindest einem der Riegel ausgegangen worden ist. Bis 2023 sollen Neubauten entstehen, die wieder als Personalwohnungen dienen. Bis dahin verringert sich die Zahl der in Stuttgart vorhandenen Personalwohnplätze für das Klinikum auf 555. Nach Ende der Arbeiten sollen dauerhaft 794 Plätze für die 7000 Mitarbeiter zur Verfügung stehen – deutlich weniger als noch vor einigen Jahren.

Räumungsklagen sind schon angedroht

Viele Bewohner in Bad Cannstatt können das nicht verstehen. Sie haben inzwischen ihre Kündigungen bekommen. Zum Teil wird bereits mit Räumungsklage gedroht. „Die Häuser sind spartanisch, aber nicht schlecht. Sie müssen stehen bleiben“, sagt Robert Belz. Der Pfleger arbeitet seit dreieinhalb Jahren am Klinikum. „Unter den schwierigen Bedingungen hier kann man kaum eine andere Wohnung finden“, klagt er. Besonders gelte das für Auszubildende oder Reinigungskräfte der Krankenhäuser, die sehr wenig verdienten. Die neuen Wohnungen stünden erst in Jahren zur Verfügung und würden zudem deutlich teurer als bisher. Heute kostet ein Wohnheimzimmer zum Teil nur 100 Euro warm im Monat. In Zukunft sollen es rund 350 Euro sein.

Die SWSG helfe kaum bei der Suche nach Ersatz, klagen einige Betroffene. „Andere Kliniken im Umfeld werben mit Wohnungen, damit sie neues Personal finden. Das ist attraktiv, gerade für junge Menschen“, sagt Belz. Andere Bewohner erzählen, erste Kollegen seien bereits aus Stuttgart abgewandert oder überlegten eine Kündigung. Der Fachkräftemangel verschärfe sich dadurch.

Das sieht auch die SWSG-Mieterinitiative so. „Viele Leute wollen hier bleiben, sie finden keine Ersatzwohnungen“, sagt Sprecherin Ursel Beck. Die Initiative bietet sogar einen Architekten auf, der sich die Häuser angeschaut hat. Dessen Urteil fällt eindeutig aus. „Die Grundsubstanz ist gut, der Rest malade“, sagt Kai Lanziner. Er glaubt, dass eine Sanierung möglich wäre – genauso wie eine Aufstockung. „Das wäre viel günstiger als ein Neubau“, glaubt er. Für den sind offenbar rund 45 Millionen Euro veranschlagt.

Stadt: Situation verbessert sich

Bei der Stadtverwaltung kann man die Aufregung nicht nachvollziehen. „Landeshauptstadt, Klinikum und SWSG sind sich einig: Ein Neubau der Klinikumswohnungen im Prießnitzweg stellt die beste Lösung dar“, heißt es aus dem Wirtschaftsreferat. Alle zuständigen Gremien und der Personalrat hätten zugestimmt – auch der Zielgröße von künftig rund 800 Personalwohnungen insgesamt. Man steigere durch neue moderne Wohnungen die Attraktivität als Arbeitgeber. Die Mieten würden auch künftig „stark subventioniert“.

Die Stadt führt an, die veralteten Wohnungen ließen sich durch eine Modernisierung nicht retten. Außerdem müssten auch dann die Mitarbeiter ausziehen. „Ein Neubau schafft zudem mehr Platz“, sagt ein Rathaussprecher. Künftig stünden in Bad Cannstatt 400 statt 302 Plätze zur Verfügung. Mit einer zusätzlichen Tiefgarage mit 189 Plätzen verbessere man die Parksituation im gesamten Viertel. Das „sogenannte Gutachten“ der Initiative lasse wesentliche Fragen aus – etwa die nach dem Zustand der Dächer oder des Brandschutzes. Von den 70 Mietern mit unbefristetem Vertrag in Bad Cannstatt habe über die Hälfte bereits Ersatz. Der Rest sei mit befristetem Mietvertrag und im Wissen des bevorstehenden Abbruchs eingezogen. Eine Abwanderung von Fachkräften fürchtet die Stadt nicht. Im Gegenteil habe man zuletzt „zahlreiche neue Pflegekräfte gewonnen“. Demnächst starte das Klinikum im Intranet eine eigene Wohnraumbörse.

Gleichwohl: Linken-Stadtrat Tom Adler kündigt nach der Begehung an, im SWSG-Aufsichtsrat die Diskussion neu aufrollen zu wollen: „Die Beschlüsse sind zwar gefasst, aber die Häuser stehen ja noch.“

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