Ein Bild des Graffiti-Künstlers Jeroo bei Kirchheim. Foto: Jeroo

Im dritten Teil unserer Street-Art-Serie spricht der Graffiti-Künstler Jeroo über sein künstlerisches Eremitenleben, darüber, was Kunst eigentlich zu wahrer Kunst macht und über den Unterschied zwischen legalem und illegalem Sprayen.

Stuttgart - Der Sprayer Jeroo sitzt auf einem Klappstuhl am Rande seines Balkons und genießt die ersten, zarten Sonnenstrahlen des Tages. Dabei trinkt er selbstgemachte Limonade mit Zitronengeschmack. Sein gelbes T-Shirt passt an diesem Tag farblich gut zum sonnigen Wetter in Stuttgart-Vaihingen. Auch die Farbspritzer an Händen und Kleidung leuchten in der Sonne noch stärker als gewöhnlich.

Wer jetzt aber denkt, der Sprayer Jeroo führt ein verlottertes Vagabundenleben oder ist der Typ verträumter Künstler, der nichts auf die Reihe bekommt, liegt falsch. Der Künstler, der mit bürgerlichem Name Christoph Ganter heißt, steht in Lohn und Brot als Lehrer für Sport und Englisch an einem Stuttgarter Gymnasium. Der 36-Jährige füllt dort eine Halbtagsstelle aus. „Da bleibt mir immer noch genug Zeit, mich meiner Kunst zu widmen“, verrät er im Gespräch mit unserer Zeitung. So erreicht er die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit, schließlich hat er Frau und Kind und seit kurzem auch ein Eigenheim in Vaihingen. Das neuerworbene Haus renoviert und verschönert er eigenhändig, auch mit seinen Kunstwerken. Daher auch die Farbrückstände an Händen und Kleidung.

Ein künstlerisches Eremitenleben

Die Faszination für Graffiti kam durch die Kalligrafie-Kunst seiner Tante. Trotzdem entschied sich Ganter gegen ein Kunststudium: „Kunst ist aber mit das wichtigste in meinem Leben.“ Die Graffiti-Kunst war Ende der 1990er Jahre ein noch unbekanntes Phänomen an den Unis. „Es gab keine Professoren, es gab niemanden, der in diese Richtung gegangen ist. Da hätte mir niemand irgendwas beibringen können.“ So hat er sich alles selbst beigebracht. Einen zentralen Aspekt von Graffiti hat er gleich am Anfang verstanden: Es geht um Buchstaben. Es geht darum, Buchstaben zu verformen und ihnen eine eigene Ästhetik zu verleihen und das hat ihm anfangs als Vorgabe gereicht.

Trotz allem wünschte er sich einen Mentor, der ihm etwas zeigt, etwas beibringt. Doch es gab niemanden. Sechs oder sieben Jahre führte er ein künstlerisches Eremitenleben und malte ausschließlich für sich alleine, unbeeinflusst von anderen. Aus diesem Grund entwickelte er auch seinen unverwechselbaren Stil und seine hochgelobte Individualität, die ihm die Szene und verschiedenste Graffiti-Magazine bescheinigen.

Heutzutage ist es schwerer, einen eigenen Style zu entwickeln, es gibt sehr viel mehr Writer – wie die Graffiti-Künstler in der Szene genannt werden – als früher und das ganze Internet ist voll von Graffiti. Da wird man schnell als Nachahmer abgestempelt. Jeroo hatte Glück, er war ganz am Anfang der Graffiti-Bewegung da, er war jung und unbeeinflusst, konnte ganz unverkrampft an die Sache herangehen. Andererseits hilft die Informationsflut im Netz den Jugendlichen heutzutage auch. Vor allem erspart es ihnen eine Menge Zeit: „Heute kann man, Dank des Internets, schon nach zwei Jahren richtig gute Bilder malen. Früher habe ich sieben bis acht Jahre gebraucht um dieses Level zu erreichen.“

Es gibt aber auch eine dunklere Seite des Graffiti, die krasser und härter ist. Vor allem in Großstädten wie London, Paris und Berlin ist die Szene viel brutaler als in Stuttgart. „Da sind dann zehn Mann vermummt unterwegs, ziehen die Notbremse während der Zugfahrt und sprühen den ganzen Waggon voll.“ Konflikte werden nicht selten mit Waffengewalt gelöst. Das ist dann das harte, das extreme Graffiti. Das hat für Ganter mit Kunst nichts mehr zu tun. Im Gegensatz dazu beschreibt Jeroo die Stuttgarter Szene als „nett“. Die Künstler kennen sich untereinander und stehen mehr oder weniger im Dialog miteinander. Es herrscht eine Atmosphäre des Respekts und der Gewaltfreiheit.

Mehr als nur ein Name

Für Jeroo ist Graffiti eine Buchstaben-Kunst, die die Künstler mit Sprühdosen in den öffentlichen Raum bringen. Daneben hat die Street-Art viel mehr Formen für sich entdeckt als bloße Buchstaben. Über Aufkleber, Schablonen-Kunst bis hin zu Fliesen ist alles dabei. Diese Form ist gegenständlicher und ohne viele Buchstaben. Deswegen ist Street-Art seiner Meinung nach auch erfolgreicher, weil sie eben ohne das graffiti-nahe Styleverständnis von Schrift auskommt und sich deshalb für die Öffentlichkeit viel leichter erschließt.

Christoph Ganter sind seine Werke als Gesamtkunstwerk wichtig, also seine gesprayten Bilder und die Umgebung, in die sie eingebettet sind. Ziel ist es nicht, ein Bild irgendwo hinzuklatschen, nur, damit sein Name an einer Wand steht. Er sucht gezielt nach geeigneten Orten, in die er seine gesprühte Kunst integrieren kann. „Ich versuche mein Bild mit der Umgebung zu verbinden, beispielsweise die vorherrschenden Farben mit in mein Bild aufzunehmen.“ Alles soll stimmen: Die Umgebung, die Platzierung des Bildes und der urbane oder naturbelassene Hintergrund, der seine Werke einrahmt.

Die Jagd nach Bekanntheit und Anerkennung hat sein Handeln vor allem in seinen Anfangszeiten stark beeinflusst. „Heute zieht es mich nachts nicht mehr raus. Ich habe mehr Erfolg, wenn ich legal male und mir Zeit lassen kann für meine Bilder.“ Die nächtliche Aktion und der Nervenkitzel fehlen ihm dabei nicht. Das hat er alles als Jugendlicher erlebt, jetzt ist dieses Kapitel abgeschlossen. Der Druck durch die Gesetzesvertreter ist groß, wenn man viel illegal malt. „Man fühlt sich ständig beobachtet und entwickelt ein echtes Paranoia-Gefühl“, erklärt Christoph Ganter. Allzu lange halten das nur die Wenigsten aus.

Leinwandwerke gegen die Vergänglichkeit

Ganters aktuelles Publikum ist breiter geworden, als noch zu seinen Anfangszeiten. „Ich mache jetzt nicht mehr ausschließlich Graffiti, sondern auch gegenständliche Malerei, zwar immer noch mit Sprühdose, aber eben auf Leinwänden.“ Seine Ansprüche haben sich auch geändert: „Ich versuche, kunstinteressierte Leute zu erreichen, die meine Kunst kaufen.“ Das ist natürlich unmöglich bei den Graffiti, die Jeroo an Wände oder Brückenpfeiler sprüht. Graffiti sind temporär und die Dokumentation der Werke liegt beim Sprüher selbst. „Davor wird es von den Menschen wahrgenommen und macht dann einem anderen Graffito Platz.“

Auf die Frage, ob die permanenten Leinwandwerke nicht gegen den vergänglichen Grundcharakterzug von Graffiti sprechen, antwortet Jeroo: „Wenn ich mein Bild auf eine Leinwand male, kann ich es behalten, beziehungsweise auch verkaufen. Man muss eben auch an den finanziellen Aspekt denken als junger Vater.“ Ein weiterer Vorteil sind die neuen Techniken, die er dabei ausprobieren kann.

Neben Persönlichkeiten aus der Kunstwelt lässt er sich vor allem von der Natur inspirieren. Die Formen und Farben bieten unzählige Möglichkeiten und sind eine fast nie endende kreative Quelle. Er malt viele Naturmotive wie Vögel, Fische, Blumen oder Bäume und überträgt seinen persönlichen Stil auf gegenständliche Dinge.

Kunst in aller Welt

Urbane Kunst findet man fast überall auf der Welt. Dabei hat jedes Land eigene Gesetzte und geht individuell mit dieser speziellen Kunstform des öffentlichen Raumes um. Es gibt landesweite Unterschiede, wie urbane Kunst, also Street-Art oder Graffiti, von der Öffentlichkeit akzeptiert wird. „In Italien sieht man das eher ‚laissez-faire’, dort kann man relativ stressfrei malen, auch illegal. Wenn man sich aber in der Gegend um Skandinavien bewegt, bekommt man dort schon eher Schwierigkeiten mit dem Gesetz.“ Generell kann man aber sagen, dass es nirgendwo legal ist, nur der Umgang oder die Akzeptanz variiert.

Eine Ausnahme sieht Ganter aber in Brasilien, im Land des Fußballs und des Karnevals: „In Brasilien ist es wirklich eine Freunde, zu malen. Dort muss man sich keine Gedanken über Verbote machen, man malt einfach – überall. Und die Leute freuen sich auch noch darüber, es ist alles viel lockerer.“ In Brasilien poche man nicht so sehr auf Privatbesitz. Wenn Wohnhäuser bemalt werden, finden die Menschen das laut Ganter toll, da es dadurch schöner wird. Auf einer Reise in Brasilien durfte er sogar umsonst in einem Hotel wohnen, weil er den Besitzern ein Bild an ihre Wand malte und dieses Bild die Wand entsprechend veredelte.

Auf die Frage, was das Beste an seinem Künstlerleben sei, antwortet Ganter: „Ich hab meine Träume verwirklicht. Als Jugendlicher hab ich mir immer vorgestellt, wie meine Bilder in Graffiti-Zeitschriften veröffentlicht werden. Dieses Ziel habe ich sogar schon übertroffen. Auch Teil einer internationalen Künstlerszene zu sein ist super, so habe ich Freunde auf der ganzen Welt gefunden.“

Auf unserer interaktiven Karte findet man Jeroos Werke und Stuttgarter Street-Art.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: