Die beiden Künstlern Peter Kosock und Luc P. bringen Street-Art Kunst an den Stuttgarter Nordbahnhof Foto: Kosock/Luc P

Die Stuttgarter Street-Art Szene ist zwar klein, aber fein. In der Kesselstadt gibt es keine haushohen Wandbilder wie in Berlin oder London, trotzdem findet man hier öffentliche und innovative Kunst. Man muss nur genau hinsehen.

Stuttgart - Wenn man ganz achtlos durch Stuttgart schlendert und gerade womöglich mit etwas völlig anderem beschäftigt ist, fallen sie uns nur unbewusst und eher zufällig ins Auge: Bunte Bildchen, Aufkleber oder gar Kacheln mit aufgemalten Motiven. Die Rede ist von Street-Art. Oft muss man auch sehr genau hinsehen, wenn man diese kleinen Kunstwerke im öffentlichen Raum entdecken will. Manchmal sind sie sehr versteckt oder so gut in das alltägliche Straßenbild integriert, dass sie gar nicht auffallen. Trotzdem sind diese urbanen Kunstwerke, in verschiedenen Ausprägungen und an vielen Orten in Stuttgart zu finden.

In einer Beitragsreihe wollen wir uns dieser besagten urbanen Kunst, insbesondere der Stilrichtung „Street-Art“, widmen. Wir unternehmen einen Spaziergang durch die Stuttgarter Street-Art Szene, treffen aktive Künstler, stellen aktuelle Projekte vor und besuchen Kunstausstellungen.

Eine interaktive Karte zeigt die Orte in Stuttgart, an denen man sich die urbanen Kunstwerke ansehen kann.

Was ist Street-Art

Eine allumfassende Definition von Street-Art gibt es nicht. Die Meinungen, welche Art von Kunst zur Street-Art-Richtung zählt und welche nicht, gehen auseinander. Der Stuttgarter Künstler „Jeroo“ formuliert es so: „Über Aufkleber, Paper-Cuts bis hin zu Fließen ist bei der Street-Art alles dabei. Diese Form ist gegenständlicher als Graffiti und ohne viele Buchstaben.“ Für einige Künstler spielt die „urbane Intervention“ in der Street-Art eine große Rolle. Dabei beziehen Street-Art Künstler wie Peter Kosock die Umgebung und die Natur in ihre Werke mitein: „Man kann beispielsweise auch mit Moos malen. Wenn das in Form eines Schriftzuges oder eines Symbols angeordnet wird und dann die Sonne drauf scheint, wächst daraus ein Bild.“ Er selbst hat schon viele Materialien für seine Werke verwendet. Ob Pappe, Folien, Styropor, Holz oder Legosteine, fast alles ist möglich.

Street-Art ist also eine Kunstform, die in verschiedenen Formen, aber immer im öffentlichen Raum, stattfindet. Ob als gesprühtes Bild auf Häuserwänden oder unter Brücken, als Gravur in der Rinde eines Baumes oder als Skulptur im Stadtpark, all das fällt unter den Begriff Street-Art.

Den Künstlern steht eine fast unbegrenzte Zahl an stilistischen Ausdrucksformen zur Verfügung und sie präsentieren ihre Werke wiederum einer unbegrenzten Zahl an Menschen. Ihre Kunst ist nicht in Galerien oder Museen versteckt, sie ist der breiten Öffentlichkeit auf der Straße zugänglich.

Alles kann, nichts muss

Die Ausdrucksformen der Künstler sind variabel und vielfältig und die eingesetzten Techniken höchst unterschiedlich. Oft werden neue und unkonventionelle Materialien ausprobiert oder bekannte Techniken weiterentwickelt. Es gibt Bilder oder Figuren aus Styropor, Holz, Plastik, Pappe, Moos, textilen Stoffen, verschiedenen Folienarten oder Keramikkacheln. Neben gesprühten oder gemalten Motiven an Wänden werden selbstgestaltete Aufkleber, Schablonen-Kunst (Stencil-Art), bemalte Leinwände, verschiedenste Skulpturen, Licht- oder Videoinstallationen verwendet. So nehmen die künstlerischen Visionen Gestalt an. Die Form und die Durchführung sind fast unbegrenzt und die Ideen der Künstler schier unerschöpflich.

Die bekannteste Street-Art-Form sind aber weiterhin gesprühte oder gemalte Bilder, ähnlich der bekannten Graffiti-Kunst im urbanen Raum. Der Unterschied zwischen Graffiti und Street-Art liegt darin, dass die Street-Art Künstler nicht primär ihren eigenen Namen oder den ihrer Graffiti-Crew bekannt machen wollen. Viele legen den Fokus verstärkt auf den sozialkritischen Aspekt ihrer Werke. Es geht den Street-Art-Künstlern nicht um die Masse sondern um die Aussage ihrer Werke. Auch suchen sie vermehrt nach einem Austausch, sie wollen mit der Öffentlichkeit kommunizieren und die Menschen mit ihren Werken zum nachdenken anregen. Gesellschaftliche Strukturen und Normen sollen kritisch hinterfragt werden.

Weitere Unterscheidungsmerkmale der unterschiedlichen Kunstformen sind die eingesetzten Techniken, sowie das verwendete Material. Im Graffiti kommt primär die Sprühdose zum Einsatz. Mit der Dose sprühen die Graffiti-Künstler ihre Bilder an Wände, Züge oder jeden anderen Untergrund. In der Street-Art ist eine Eingrenzung der Techniken und des Materials so gut wie nicht vorhanden. Je nach Vorliebe und Vorstellungskraft des jeweiligen Künstlers kann dieser mit Pinseln, Dose, Markern, Papier, Styropor, Holz, Plastik, Moos, Legosteinen oder Keramikkacheln arbeiten. Fast alles ist möglich.

Wie ist Street-Art entstanden

Trotz dieser Unterschiede hat sich die Kunstform Street-Art aus der Graffiti-Bewegung entwickelt. Graffiti und die damit verbundene Buchstabenkunst gab es zuerst. Die heutige Urban-Art-Szene mit ihrer Schablonen-Kunst, bemalten Aufklebern, Leinwänden, Symbolen und Figuren hat ihren Ursprung in der bunten Welt des Graffiti. Dabei entfernt sich die Street-Art aber vom bloßen ausgestalten und weiter entwickeln der Buchstaben, das im Graffiti so wichtig ist und bewegt sich vermehrt in Richtung Symbolismus. Logos, Figuren und Pop-Art Symbole dienen beispielsweise als Basis und werden verfremdet oder mit zusätzlichen Botschaften oder Aussagen komplettiert.

In diesem Zuge entstehen viel beachtete Kunstwerke, wie im Falle des britischen Künstlers Banksy. Seine Motive und Bilder sind wohl die berühmtesten Street-Art Kunstwerke und auch Interessierten außerhalb der Urban-Art Szene ein Begriff. In seinem fiktionalen Dokumentarfilm „Exit Through the Gift Shop“ bekommt man Einblicke in die Street-Art Szene. Gleichzeitig betrachtet der Film aber auch die kommerzielle Vermarktung von Street-Art und Graffiti.

Im Rahmen der Kommerzialisierung entwickeln sich aus den bekannten Motiven der Künstler wiederum ganze Kampagnen, Mode-Labels oder Designagenturen. Als Beispiel kann man hier den Street-Art Künstler Shepard Fairey heranziehen. Er wurde mit seinem Aufklebermotiv „André the Giant Has a Posse“ und „Obey Giant“ bekannt. Auf der Welle der Bekanntheit dieses Motives getragen, gründete Shepard Fairey das Modelabel „Obey Clothing“, sowie eine Designagentur mit Spezialisierung auf Guerilla-Marketing.

Ein Deutscher Street-Art Künstler verbirgt sich hinter dem Synonym „Barbara“. Ähnlich wie Banksy hält Barbara ihre wahre Identität geheim, es ist auch nicht klar, ob sich hinter dem Synonym ein Mann oder eine Frau verbirgt. Durch Entfremden oder Ergänzen von Straßenschildern und Plakaten verwandelt Barbara diese in Kunstwerke. Dabei ist die Vergänglichkeit, wie bei den meisten Werken im öffentlichen Raum, sehr hoch.

Der rechtliche Aspekt

Neben dem Gesichtspunkt der Vergänglichkeit ist der rechtliche Aspekt bei Kunst im öffentlichen Raum ein Problem. Es gibt legale Flächen, die von der jeweiligen Stadt- oder Gemeindeverwaltung zur Verfügung gestellt werden. In Stuttgart sind dies beispielsweise die „Hall of Fame“ unter der König-Karls-Brücke in Bad-Cannstatt und die „Hall of Fame“ im Bohnenviertel am Züblin Parkhaus.

Das unerlaubte besprühen, bekleben oder bemalen von öffentlichen und privaten Objekten ist in Deutschland verboten. Laut des Strafgesetzbuches liegt hier der Tatbestand der Sachbeschädigung vor. Die Stuttgarter Polizei erklärt die Sachlage folgendermaßen: „Jegliche farbliche Ausgestaltung, die ohne Einwilligung des Eigentümers angebracht wird, stellt eine Sachbeschädigung dar. Der Tatbestand liegt vor, wenn für den Eigentümer das Erscheinungsbild unbefugt verändert wurde.“

Auf den Tatbestand der Sachbeschädigung gemäß § 303 StGB folgt ein polizeiliches Ermittlungsverfahren, das den Täter im besten Falle überführt. Anschließend kann der Täter dann zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt werden.

Etwas anders verhält es sich beim Ankleben von bemalten Aufklebern oder Kunstwerken aus Styropor oder anderen Materialien. Hier dreht es sich vermehrt um die Frage, welche Rückstände bei der Entfernung der Materialen zurückbleiben und wie hoch der benötigte Zeitaufwand dabei ist. Wird beispielsweise ein Verkehrsschild beklebt und bei der Entfernung des Aufklebers die reflektierende Beschichtung zerstört oder geschädigt, muss das komplette Schild ausgetauscht werden. Dadurch entsteht wiederum ein Sachschaden. Wird ein Großteil des betroffenen Schildes durch die Kunstwerke verdeckt und ist deshalb nicht mehr les- oder erkennbar, kommt dies einem Eingriff in den Straßenverkehr gleich und steht ebenfalls unter Strafe.

Das sagt die Stadt dazu

Die Stadt Stuttgart ist bemüht den Künstlern mehr legale Flächen zur Verfügung zu stellen. „Dabei müssen aber gewissen Rahmenbedingungen eingehalten werden“, erklärt ein Sprecher des Tiefbauamtes. „Die Flächen müssen für die Künstler sicher zu erreichen sein, also nicht unbedingt unter einer Brücke der B 10 liegen. Wenn sich die Fläche an einem Ort mit hohem Fußgängeraufkommen befindet, darf der Menschenstrom nicht tangiert werden. Auch muss die Zustimmung des betreffenden Stadtbezirks eingeholt werden, bevor eine Fläche freigegeben werden kann.“ Die vielen Anforderungen erschweren die Suche nach weiteren legalen Flächen.

Aktuell sind die zuständigen Mitarbeiter des Tiefbauamtes auf der Suche nach einer geeigneten Stelle in Stuttgart-Vaihingen. Immer wieder bekommen sie direkt Anfragen von Künstlern die nach Plätzen für ihre Kunst suchen. Leider kann die Stadt Stuttgart nur einen Bruchteil der Künstler mit legalen freien Flächen bedienen.

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