Teilen – ein Statement! Foto: Lichtgut//Max Kovalenko

Das Motto des Katholikentags in Stuttgart lautet „leben teilen“. Auch sonst ist gerade viel von „sharing“ die Rede. Teilen wird mehr und mehr zur Haltung, findet Jan Sellner.

Diese Spalte bietet Gelegenheit, etwas mitzuteilen. Mehr noch: Sie eröffnet die Möglichkeit, bewusst Gedanken zu teilen – und ist damit auch ein Angebot, Gedanken zu lesen. Das sei erwähnt, weil in Stuttgart gerade so viel vom Teilen die Rede ist. Der Katholikentag, der noch bis Sonntag in der Stadt gastiert, hat das Thema Teilen auf die Tagesordnung gesetzt. Sein Motto „leben teilen“ fordert dazu auf, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bedeutung Teilen im Leben hat.

 

Das ist ein guter Impuls. Denn seit sich der arbeitende Teil der Bevölkerung ins Homeoffice zurückgezogenen hat und überwiegend digital konferiert, hat man den Eindruck, Teilen bestehe maßgeblich im Teilen des Bildschirms. „Ich teile mal . . .“ bedeutet: Kolleginnen und Kollegen werden mit Präsenten in Form von Präsentationen beschenkt, ob sie wollen oder nicht. Um ehrlich zu sein: Manchmal wünschte man sich, die edlen Spender würden ihre „Präsi“ ganz egoistisch für sich behalten.

Teilen kann beglückend sein

Auch in einem tieferen Sinne reden wir immer öfter vom Teilen oder vielmehr vom „Sharing“, weil das auf Englisch anscheinend hipper klingt. Fehlt nur, dass jemand auf den Gedanken kommt, die Geschichte vom heiligen Martin entsprechend aufzuhübschen, dem Urahn des Teilens, der seinen Mantel der Legende nach mit einem Bedürftigen sharte – und sich insofern um dessen Schicksal geschert hat.

Das „Sharing“-Label klebt jedenfalls auf immer mehr Aktionen – vom Carsharing bis zum Shared Space, wie der öffentliche Raum genannt wird, den sich Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer teilen. So modisch der Ausdruck ist, so wichtig ist der dahinterliegende Gedanke des Teilens. Erfreulicherweise fließt er in immer mehr Überlegungen, Vorhaben und Projekte mit ein. Die Bereitschaft, Ressourcen und vieles mehr mit anderen zu teilen, entwickelt sich zum Ausweis einer aufgeklärten, klima- und umweltbewussten Gesellschaft. Teilen, „sharen“ – in welcher Sprache auch immer –, ist schon lange kein Almosen-Ding mehr, sondern eine Haltung.

Noch dazu ist Teilen schön. Die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, hat das jüngst treffend ausgedrückt: „Man muss keine Angst haben, mit leeren Händen dazustehen, wenn man gibt. Wenn man Leben miteinander teilt, bleibt nicht die Hälfte übrig, sondern kann das Doppelte herauskommen.“ Nur Raffkes werden dies als frommen Spruch abtun. Dass Teilen beglückend sein kann, entspricht vielmehr der Lebens- und Teilenserfahrung vieler Menschen. Überall finden sich auch in Stuttgart Beispiele, wo Menschen anderen in weitestem Sinne etwas (ab-)geben. Und als Stadt des Ehrenamts ist Stuttgart sowieso auch eine Stadt des Teilens.

„Die Schallmauer der Verzweiflung durchbrechen“

Letzteres macht deutlich, dass es beim Teilen nicht nur um materielle Dinge geht. Oft geht es schlicht um Zeit, die mindestens ebenso kostbar ist. Freud und Leid zum Beispiel kann man nur teilen, wenn damit ein Zeitgeschenk verbunden ist. Auch die Familie und Freunde profitieren von dieser Art Geschenk am meisten.

Gleichzeitig stellt man fest, dass der Alltag so durchgetaktet ist, dass man keine Zeit hat, die man teilen könnte. Oder man bildet sich ein, dass es so ist. Sich für den Nachbarn interessieren, sich zu ihm setzen statt weiterhetzen, ihm zuhören statt ihn überhören – das bleibt oft ein guter Vorsatz. Bedingt auch durch die Fliehkräfte der Leistungsgesellschaft. Ihnen sollte man entgegenwirken. Die Caritas-Präsidentin hat auch dazu einen guten Gedanken formuliert: „Es ist wichtig, das Miteinander zum Thema zu machen, weil das Auseinander so wirkmächtig ist.“ Wie das geht? „Einfach die Türen öffnen und ein Stück Leben teilen.“ Einen Versuch ist es wert. Vielleicht ja schon an diesem Wochenende.