Staatsgalerie Stuttgart feiert Wilhelm Lehmbruck Das Beben der Schönheit

Von Nikolai B. Forstbauer 

Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) ist einer der wichtigsten deutschen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Jetzt feiert die Staatsgalerie Stuttgart den Bildhauer mit einer Doppelausstellung.

Stuttgart - Sie ist wieder da. Nachdenklich wie je, aber in seltsamem Widerspruch zugleich ebenso anmutiger wie distanzierter. „Die Große Sinnende“ empfängt die Gäste in der Staatsgalerie-Sonderschau „Wilhelm Lehmbruck – Variation und Vollendung“ als kühle ­Schöne in hellem Grau.

Feierlicher Auftakt

Vor einer Spiegel­folie platziert, bekommt sie etwas Feier­liches. Dies nimmt ihr das doch für Wilhlm Lehmbrucks Werk so zentral wichtige ­Unaufdringliche. Der Anlass aber mag den Rollenwechsel rechtfertigen. Wie auch „Der Gestürzte“, eine weitere Skulptur und 69 Zeichnungen und Druckgrafiken ist die 1913 entstandene „Große Sinnende“ nicht mehr als Leihgabe in der Staatsgalerie Stuttgart, sondern fester Bestandteil der Sammlung.

Ankauf als Kraftakt auch des Landes

Ein Kraftakt des Landes Baden-Württemberg (über die Museumsstiftung des Landes), der Kulturstiftung der Länder und der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung ­hat den Ankauf möglich ­gemacht.

Die Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck – Variation und Vollendung“, zu sehen von diesem Freitag, 28. September, an, präsentiert den nun für den öffentlichen Kunstbesitz gesicherten Lehmbruck-Schatz. Und sie versteht sich zugleich als Spiegel der Museums-Aufgaben „Bewahren – Forschen – Sammeln“.

Konzentriert auf Güsse von Lehmbruck selbst

Gänzlich konzentriert auf „Lebendgüsse“, Werke also, die Wilhelm Lehmbruck bis 1919 selbst in verschiedensten Materialien realisiert hat, spürt die von Staatsgalerie-Direktorin Christiane ­Lange, dem Lehmbruck-Experten Mario-Andreas von Lüttichau und Nathalie Frensch­ ­erarbeitete Schau im ehrwürdigen Altbau-Erdgeschoss (Barth-Flügel) zuvorderst dem „direkten Vergleich der im ­Material variierenden Ausformungen der wichtigsten Plastiken des Künstlers“ nach.

Wie wirkt sich der Wechsel von Marmor auf Bronze, Terrakotta, Stein- oder Zementguss aus? Wie verändert das Material die Wirkung vor allem der wie von unsichtbarer Hand verlängten und damit der Realität ­enthobenen Köpfe? Die Präsentation drängt die Fragen ins leicht Dramatische, entzieht die Skulpturen aller Ablenkung.

Lehmbruck pur bei „Variation und Vollendung“

„Variation und Vollendung“ bringt Lehmbruck pur, zeigt das Schicksal der stillen Kunst von Wilhelm Lehmbruck im von den Nationalsozialisten bereits in den späten 1920er Jahren losgetretenen Sturm der „entarteten Kunst“ ebenso wie – etwa mit dem Torso des „Emporsteigenden Jünglings“ – als weitgehend schutzloses Opfer im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs. Skulpturen, die den Schergen Hitler-Deutschlands schlicht zu schwer für einen Abtransport (und den anschließenden Verkauf) waren, konnten von den Museen zwischen 1943 und 1945 auch nicht bombensicher ­gelagert werden.

Eigentlicher Auftakt im Graphik-Kabinett

Im Grunde aber beginnt die ­Lehmbruck-Hommage der Staatsgalerie an anderer Stelle. „Die ­Bedeutung der Linie“ ist die Präsentation der Zeichnungen und Druckgrafiken im Graphik-Kabinett im ­Steib-Bau der Staats­galerie überschrieben.

Kleiner Raum als große Bühne

Der eigentlich kleine Raum wird zur ganz großen Bühne. In der Mitte platziert: Lehmbrucks Jahrhundertwerk – die 1915 entstandene Skulptur „Der Gestürzte“. Verstanden als Sinnbild eines durch den Wahnsinn des Weltenbrandes des Ersten Weltkriegs sich selbst in Frage stellenden Menschen. In den Ring der „Lebendgüsse“ sollte dieses Lehmbruck-Hauptwerk aus Sicht der Ausstellungsverantwortlichen als Nachguss nicht mit hineinsteigen. Hier aber, im Solo mit den Zeichnungen und Druckgrafiken, wird „Der Gestürzte“ gleichermaßen zum Ausgangspunkt wie zum Magneten der gezeichneten und radierten Lehmbruck-Linie.

Und dann dies: Eine Figur, seitlich gesehen, wendet uns ihren Kopf frontal zu. Ungläubig der Blick, fragend, so erschüttert wie erschütternd. Fein sind die Lippen gezeichnet, alles an und in dieser doch mit wenigen Strichen entwickelten Figur ist in höchster Spannung.

Innere Unruhe spürbar

Von hier aus erschließt sich das ­Besondere der Kunst Wilhelm Lehmbrucks noch einmal neu. Und es wird ­zugleich völlig einsichtig, was diesen so offenkundig europäisch und zeitübergreifend denkenden Künstler für die Nationalsozialisten so verdächtig machte: Schönheit und Innerlichkeit im Werk Lehmbrucks erreichen ihre Intensität durch einen nur scheinbaren Widerspruch: die innere Unruhe.

Lehmbruck erforscht das fragende Ich

Lehmbruck macht das fragende Ich deutlich. Ja, er legt mit plastischen Mitteln offen, was der Surrealisten-Vordenker ­André Breton so formulieren wird: „Die Schönheit wird konvulsiv sein oder sie wird nicht sein“ – die Schönheit wird ein Beben sein oder sie wird nicht sein.

Dialoglinien zwischen Staatsgalerie und Kunstmuseum

Spannend:­ Brétons Satz begegnet man von diesem Samstag, 29. September, an im Kunstmuseum Stuttgart und der dortigen Sonderausstellung „Ekstase“ wieder. Verbinden sich hier also das für die Ekstase so gerne beschworene Dionysische und das für die Innerlichkeit stehende Apollinische? Auf jeden Fall ergeben sich im besten Fall spannende Dialoge zwischen beiden Ausstellungsprojekten.

Katalog als dritter Ausstellungsteil

Lehmbruck-Besucher sollten aber ihre Reise zum Kern des plastischen Werkes nicht nur im Graphik-Kabinett beginnen. Sie sollten zudem mit (leichtem) Gepäck aufbrechen. Die Ausstellungen im Steib-Bau und im Altbau der Staatsgalerie finden im Katalog (Sandstein Verlag, 24,90 Euro) ihre zwingende Fortführung. Das Begleitbuch ist mit der Diskussion des Forschungsstandes und einer eindrücklichen Dokumentation der Restaurierung der „Großen ­Sinnenden“ unverzichtbarer dritter Ausstellungsteil.

Triumph der Forschung

Über Jahrzehnte wusste die Familie Lehmbruck ihre Leihgaben in der Staatsgalerie gut aufgehoben. Wenn es noch eines ­Beweises bedurft hätte, weshalb der umfassende Werkblock nicht in den Handel, ­sondern in öffentlichen Besitz gelangen sollte: Die Lehmbruck-Ausstellung(en) der Staatsgalerie Stuttgart liefert ihn.

Erst Leihgabe, jetzt Besitz: Lehmbruck in der Staatsgalerie

Im Februar 2017 fragt unsere Zeitung ­Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart: „Hat eine Museumsdirektorin Wünsche?“ Die Antwort: „Viele. Aktuell ringen wir darum, die umfassende Dauerleihgabe zum Werk von Wilhelm Lehmbruck zu sichern.“ Ein Satz mit Sprengkraft. Niemand hätte gezweifelt, dass der Lehmbruck-Block mit den international ­geschätzten Hauptwerken „Der Gestürzte“ und „Die große Sinnende“ fester Teil der Sammlung von Baden-Württembergs Museumsflaggschiff ist. Weit gefehlt. Stuttgarts Lehmbruck-Schatz – eine Leihgabe.

Erste Gerüchte über einen Abzug der Werke waren 2016 aufgetaucht, nun aber sind die Verhandlungen mit den Leihgebern und mit möglichen Geldgebern offiziell. Es geht um Millionenwerte.

Der Kraftakt gelingt. Am 22. September 2017 meldet unsere Zeitung exklusiv: „Der Werkblock mit drei Skulpturen und 70 Zeichnungen von Wilhelm Lehmbruck bleibt in der Staatsgalerie Stuttgart. Möglich macht dies ein Schulterschluss der Museumsstiftung Baden-Württemberg, der Kulturstiftung der Länder und der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung.“ Damit verbunden: ein umfangreiches Forschungsprojekt zu den Werkstoffen und eine Ausstellung zu Lehmbruck. Diese ist nun von diesem Freitag, 28. September, an in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.

Wilhelm Lehmbruck – zur Person

Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) gilt heute neben Ernst Barlach (1870–1938) als wichtigster deutscher Bildhauer der klassischen Moderne. In nur zwei Jahrzehnten schafft der am 4. Januar 1881 als viertes Kind einer Bergmannsfamilie in Meiderich bei Duisburg geborene Künstler ein ­ungewöhnlich ausdrucksstarkes Werk.

Lehmbruck studiert an der Düsseldorfer Akademie, die frühen Arbeiten der Jahre 1898 bis 1906 spiegeln den Stilpluralismus der Gründerzeit wider. Vor allem angeregt durch die Werke von Auguste Rodin und Aristide Maillol findet Lehmbruck zu seinem eigenen plastischen Stil: zu in sich gekehrten, vergeistigten Figuren mit überraschend anmutiger Wirkung.

In Paris (1910–1914) steigert Lehmbruck den Ausdruck seiner idealtypischen Figuren durch ­Längung und Verräumlichung der Körper. Mit Figuren, die in Gips, Steinguss und Terrakotta – seltener in den teureren Materialien Bronze und Marmor – gearbeitet sind, gelingt Lehmbruck der internationale Durchbruch zur Moderne: 1911 präsentiert er seine „Kniende“ im Salon d’Automne in Paris, zwei Jahre später ist er 1913 als einziger deutscher Bildhauer mit dieser Skulptur in der durch Amerika tourenden Armory Show (New York, Boston, Chicago) vertreten.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrt Lehmbruck 1914 nach Berlin zurück. Sein Stil wandelt sich. Es entstehen die existenziellen Antikriegsplastiken des „Gestürzten“ und des „Sitzenden Jünglings“.

Am 25. März 1919 nimmt sich Wilhelm Lehmbruck aus Verzweiflung über seine anhaltenden Depressionen in seinem Berliner Atelier das Leben.

Öffnungszeiten und Preise

Die Lehmbruck-Doppelausstellung „Variation und Vollendung“/„Die Bedeutung der Linie“ in der Staatsgalerie Stuttgart ist bis zum 24. Februar 2019 zu sehen: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr, Eintritt 8 Euro (ermäßigt 6 Euro).

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