Marc del Arco Jassans (links) und Juan Manuel Canadas Torres sehen ihre nähere Zukunft in Deutschland. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Nicht nur Firmen, auch Kommunen haben sich vor einigen Jahren mit großem Optimismus an die Anwerbung von Auszubildenden aus Südeuropa gemacht. In vielen Fällen wurden die Erwartungen enttäuscht. Ein Ausbildungsprojekt für junge Spanier bei Bosch war dagegen erfolgreich.

Stuttgart - Es ist eine aufregende Zeit für Marc del Arco Jassans. Erst am Tag zuvor hat der 24-jährige Spanier erfahren, dass er seine Abschlussprüfung zum Mechatroniker bei Bosch in Abstatt (Landkreis Heilbronn) bestanden hat. Nun hat er schon seinen ersten Arbeitstag am neuen Einsatzort in Stuttgart-Feuerbach. Dort arbeitet der junge Facharbeiter und stolze Boschler künftig als Monteur von Diesel-Einspritzpumpen für Lkw im Schichtbetrieb. Für ein paar Minuten ist er noch einmal gemeinsam mit seinen Freund und Kollegen Juan Manuel Canadas Torres (25) in die Lehrwerkstatt zurückgekehrt. Die beiden freuen sich, bekannte Gesichter wiederzusehen, und scherzen mit früheren Ausbildern und Lehrlingskollegen.

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Jassans und Torres sind zwei von einst 45 jungen Spaniern, die 2014 eine Ausbildung an verschiedenen Bosch-Standorten in Deutschland begonnen haben, auch zu Industrie- und Gießereimechanikern. Bis zur Zwischenprüfung 2016 hatte sich ihre Zahl auf 38 dezimiert. Genauso viele haben in den ersten Wochen dieses Jahres auch ihre Lehre abgeschlossen. „Wir sind echt froh, weil wir auch wissen, dass die Bilanz bei anderen Unternehmen nicht so positiv aussieht“, sagt Siegfried Czock, Leiter der Aus- und Weiterbildung beim Konzern. Nicht nur Firmen, auch Kommunen haben sich vor einigen Jahren mit großem Optimismus an die Anwerbung von Auszubildenden aus Südeuropa gemacht.

„Eine gute Betreuung ist sehr wichtig, um dem Heimweh etwas entgegenzusetzen.“

Obwohl es positive Beispiele wie Bosch, aber auch kleinere Handwerksbetriebe gibt, sind doch in vielen Fällen die Erwartungen enttäuscht worden. „Oftmals gingen die Vorstellungen und die Realität weit auseinander. Das galt für beide Seiten“, sagt Gabriela Martinez vom Center for European Trainees (CET) in Esslingen. Bei der Servicestelle des Bildungswerks der Baden-Württembergischen Wirtschaft werden junge Menschen aus Spanien sowie Italien und ihre neuen Arbeitgeber beraten und betreut. Die größte Barriere sei die Sprache, sagt Martinez. Mit Blick auf das oftmals geringe Lebensalter weist sie aber auch auf eine andere große Hürde hin: „Eine gute Betreuung ist sehr wichtig, um dem Heimweh etwas entgegenzusetzen.“ Siegfried Czock hat vor allem einen Grund für den Erfolg des Programmes bei Bosch ausgemacht, das seit vergangenem September bereits mit 45 neuen spanischen Azubis fortgesetzt wurde: das hohe persönliche Engagement. Egal ob Ausbilder, ältere Kollegen, Sozialpädagogen, Gasteltern oder andere Azubis – selbst die Sekretärin habe sich mit darum gekümmert, dass sich die weit gereisten jungen Schützlinge gut aufgenommen fühlten. „Wenn ich mich emotional verbunden fühle, ist es leichter zu bleiben“, sagt Czock. Im zweiten Jahrgang mit spanischen Auszubildenden, aber auch bei der Integration von Geflüchteten kämen dem Arbeitgeber die Erfahrungen zugute.

Oft gingen die Vorstellungen und die Realität weit auseinander

Doch selbst die fürsorglichste Unterstützung kann ihre Grenzen haben. Marc del Arco Jassans beschreibt Momente während seiner ersten Wochen in Deutschland, an denen auch er in Versuchung geraten sei hinzuwerfen und in seine Heimat Katalonien zurückzukehren: „Du kennst fast niemanden, sprichst die Sprache nicht gut, verstehst kaum, was der Meister dir erzählt – und dann auch noch dieses Wetter“, sagt er und blickt kurz aus dem Fenster. Zum Glück habe er mit einem anderen Spanier zusammen in einer WG gewohnt: „Wir haben uns gegenseitig motiviert, und auch meine Familie hat gesagt, mach weiter.“

Jobperspektiven und Verdienstmöglichkeiten in der Heimat gering

Die Perspektiven in seiner Heimat, wo er nach dem Abitur schon eine weitgehend schulische Ausbildung zum Elektriker gemacht hatte, waren schlecht. Das bestätigt auch sein Kollege Torres: „Ich habe in meiner Ausbildung zum Kfz-Mechaniker in Spanien gar nichts verdient, und danach als Facharbeiter hätte ich so viel wie hier in Deutschland während der Ausbildung.“ Neben der Ausbildung jobbte der heute 25-Jährige damals schon in einer Autowerkstatt. Für den dreimonatigen Sprachkurs, der dem Bosch-Programm vorausgegangen war, blieb daneben kaum Zeit. In Deutschland angekommen, zeigte sich noch eine weitere, vorher unterschätzte Sprachbarriere: „Ich musste viele neue Kollegen bitten: Sprechen Sie langsam und Hochdeutsch“, sagt der Mechatroniker, der seit ein paar Wochen im Qualitätsmanagement beschäftigt ist und dort elektronische Messmittel überprüft und kalibriert.

Die beiden Spanier bleiben vorerst – wie die meisten ihrer früheren Azubi-Kollegen – in Deutschland und bei Bosch. Marc del Arco Jassans will „ein paar Jahre Erfahrung sammeln“, kann sich aber auch neben dem Job ein Fernstudium zum Elektroingenieur in Barcelona vorstellen. An eine Rückkehr denkt auch Juan Manuel Canadas Torres momentan nicht. „Auch wenn meine Familie, meine Eltern und viele Freunde in Spanien sind, muss ich für meine Zukunft entscheiden, nicht für die anderen“, sagt der junge Mann aus Granada. Er denkt gerade drüber nach, eine Weiterbildung zum Techniker oder seinen Meister zu machen. Neben der beruflichen Perspektive gibt es aber auch noch einen Grund für ihn, in Deutschland zu bleiben: seine Freundin, Berlinerin und seit fast zehn Jahren im „fernen“ Stuttgart heimisch.

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