Wie traurig: Diese Bank hat keine Freunde. Foto: factum/Granville

Ein Unternehmen aus Markgröningen bietet Sitzbänke mit eigener Facebook-Seite an. Eine Bank in Bietigheim-Bissingen ist da bislang recht einsam unterwegs.

Bietigheim-Bissingen - Jeder braucht Freunde im Leben. Bei Kummer haben sie ein offenes Ohr, beim Umzug eine, besser zwei helfende Hände und bei kollektiver Langeweile eine mit zu befeuchtende Kehle. Was der Welt bislang aber noch gefehlt hat, ist ein Freund, der ein Körperteil wertschätzt, das in den meisten Freundschaften eher peripher behandelt wird: Den Allerwertesten. Diesen Freund liefert nun die neueste Innovation in der Welt des Digitalen – eine Sitzbank mit Facebook-Account!

Das klingt zunächst wie ein Witz. Ist es aber nicht. Die Markgröninger Firma Kälte und Eckert GmbH bietet zum Preis von 1290 Euro ergonomisch geschwungene Sitzbänke aus feuerverzinktem Stahl. „Diebstahlsicher, unkaputtbar, vandalensicher“, wie es in der Werbebroschüre heißt. 74 solcher Bänke gibt es bereits, darunter eine in den Niederlanden, eine in Tschechien und eine in Spanien. Eines der neuesten Exemplare steht in Bietigheim-Bissingen vor der Egetrans-Arena.

Eine Win-Win-Win-Situation für alle

Die Markgröninger Firma reagiert damit clever auf zwei gesellschaftliche Transformationsprozesse: Zum einen das offenbar gestiegene Bedürfnis am Vandalismus, zum anderen das mangels Geld gesunkene Interesse der Kommunen, Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum aufzustellen. Und um die Angelegenheit vollends zur Win-Win-Win-Situation zu machen, werden 100 Euro vom Kaufpreis für wohltätige Zwecke in der Region Stuttgart gespendet.

Käuferzielgruppe sind Unternehmen, die sich für einen kleinen Aufpreis mit ihrem Logo auf einem Schildchen an der Bank verewigen dürfen. Ein Schildchen mit einem QR-Code, der dann auf die Facebook-Seite der Bank führt, kostet 180 Euro. Deswegen haben wohl auch nicht alle Sitzbänke einen eigenen Account.

Selbst Merkel will weg von Facebook

Bevor wir uns die Accounts näher ansehen, wollen wir uns vor Augen führen, dass die Tatsache, dass nun auch Dinge die sozialen Medien erobern, die Rettung für Facebook sein könnte. Denn die Jugend meldet sich gar nicht mehr dort an, weil das durch alle möglichen Fotofilter gejagte Mittagessen auf Instagram viel schöner aussieht. Und die Erwachsenen melden sich wegen Datenskandalen ab. Es bleiben grob gesagt übrig: Hass-Trolle, russische Agitprop-Agenten und Verschwörungstheoretiker. Und wer will schon mit denen diskutieren? Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, ihren Account bei Facebook zu löschen.

So eine Sitzbank könnte also wieder mehr Gemütlichkeit in die häufig aus dem Ruder laufenden Diskussionen auf der Online-Plattform bringen. Sie könnte eine Oase der Ruhe und des Innehaltens sein in diesen hektischen Zeiten. Und sie könnte zusammenbringen, wo andernorts nur Spaltung, Dissens und Unverständnis herrschen. Man setzt sich auf sie drauf, scannt den QR-Code, postet ein Selfie von sich auf der Facebook-Seite der Sitzbank und erzählt, warum man grade hier sitzt. Denn jeder Ort hat seine Geschichte, und jede Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Ein mögliches Beispiel: „Voll doof, in die Stahlrillen kann man gar kein ‚Ich war hier’ reinritzen. Nur zwei von fünf Punkten.“ Mögliche Reaktion: „Ordnungsamt Bietigheim-Bissingen gefällt das.“

Sitzbank Nr.72 sucht Freunde

Doch leider bleiben uns solche Preziosen der Alltagsgeschichte bislang verborgen. Denn den Facebook-Bänken fehlt es schlicht an Freunden. Gut, die Sitzbank-Accounts sind keine Personen, sondern Geschäftsseiten, demnach haben sie bei Facebook rein formal keine Freunde, sondern Follower. Aber tief in ihrem Herzen aus Stahl sehnen sich die filigranen, 270 Kilogramm schweren Bänke nach etwas, was alle sozialen Wesen im Web wollen: Anerkennung, Freunde – oder schlicht und einfach Klicks. Die Sitzbank Nr. 72 an der Egetrans-Arena hat noch gar keine Freunde. Ihre etwas ältere Kollegin Nr. 40 hingegen schon 111. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass die Aussicht nahe der Enz am Schellenhof schöner ist als jenes Parkplatzpanorama vor der Eishockey-Arena.

Davon sollte sich Sitzbank Nr. 72 aber nicht entmutigen lassen. Wir werden sie am Dienstag tatkräftig unterstützen, indem wir sie auf unserer Facebook-Seite unseren Followern vorstellen.

Und übrigens: Unsere Seite hat fast 7000 Follower, wir würden uns ebenso über ein paar neue Freunde freuen. Likes von Sitzbänken sind auch willkommen!

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