Extremkletterer: Ueli Steck (1976-2017, Bild oben), Andy Holzer, Reinhold Messner (rechts). Foto: dpa (2)/Daniel Kopp

Andy Holzer ist der einzige blinde Profi-Bergsteiger Europas. Im Mai will er auf dem Gipfel des Mount Everest stehen. Wir begleiten ihn mit einer Serie bei seiner Vorbereitung und beim Weg hinauf in eisige Höhen.

Mount Everest - 1. Mai 2017 – 29. Tag der Expedition des „Blind Climber“ Andy Holzer und seines Teams auf den Mount Everest.

Bestürzende Nachricht

Die Nachricht vom Tod Ueli Stecks hat bei den Bergsteigern am Mount Everest für große Bestürzung gesorgt. Viele kannten den Schweizer Extremkletterer persönlich. Am 30. April war er am knapp 7900 Meter hohen Nuptse unweit des Lagers 2 auf rund 7500 Meter abgestürzt. Er soll in Nepal begraben werden. Während seiner letzten Tour auf das Dach der Welt hatte Ueli Steck noch Fotos auf seine Facebook-Seite gestellt.

„Ich habe nicht gedacht, dass Ueli Steck noch in den Bergen tödlich verunfallen könnte“, sagt Reinhold Messner. Vielmehr würden jüngere und unerfahrenere Alpinisten verunglücken „und ihr Leben nicht ins Tal retten. Alle, die den Alpinismus so bestimmt haben wie Ueli Steck in seiner Zeit, brauchen auch Glück. Auch ich hatte Glück.“

Unberechenbare Berge

Der Solokletterer war zehn Jahre jünger als Andy Holzer und galt als einer der besten alpinen Solokletterer weltweit. Wie der Österreicher war auch Steck Anfang April ins Himalaya gereist, um sich vor Ort zu akklimatisieren. Wie stets habe er seinen Rekordversuch akribisch vorbereitet, sagt sein Sprecher Andreas Bantel. Ende Mai wollte er alleine innerhalb von 48 Stunden den Mount Everest erklimmen und den benachbarten Lhotse überqueren.

„Andy ist fassungslos“, sagt sein Frau Sabine Holzer am Telefon. Dass ein Top-Sportler wie Ueli Steck bei einer Erkundungstour ausrutscht und abstürzt, zeige wieder einmal, wie lebensgefährlich Bergsteigen sei. Es könne jeden treffen. Umso wichtiger sei es, die Risiken so gering wie möglich zu halten und am Berg immer auf Nummer sicher zu gehen.

Camp I auf 7076 Meter

Während Stecks Leiche geborgen wird, machen sich Andy Holzer und seine Begleiter Wolfgang Klocker und Klemens Bichler auf den Weg zum Camp 1 auf 7076 Meter. Die 700 Höhenmeter, die sie vom vorgeschobenen Basislager aufsteigen, bereiten ihnen keine Probleme. „Uns geht es allen überraschend sehr gut – keine Kopfschmerzen“, schreibt Holzer in seinem täglichen Blog.

Droben auf dem Nordsattel herrsche ein heftiger Sturm, schreibt er weiter. „Heute wollten wir noch einmal 200 – 300 Höhenmeter aufsteigen, aber der Sturm hat es uns nicht möglich gemacht und so liegen wir jetzt sicher in unseren Zelten. Wir werden jetzt noch eine Nacht auf dieser Höhe verbringen und morgen zusammen ins ABC absteigen. Tashi Delek – Glück und Segen!“

Am Donnerstag (4. Mai) wollen sie ins Basislager absteigen, um neue Kräfte für den Aufstieg auf den Gipfel zwischen der zweiten und dritten Mai-Woche zu sammeln.

Geschichte der Besteigung des Mount Everest

1924: Mallory und Irvine

Nepalesen und Tibeter wären nie auf die Idee gekommen, den Mount Everest zu erklimmen und dabei ihr Leben zu riskieren. Das taten erst die Europäer – herausragende Bergsteiger wie der Brite George Mallory. Von 1922 bis 1924 erkundete er mit im Rahmen von drei britischen Expeditionen die Khumbu-Region um den Everest.

Am 8. Juni 1924 wurde er und sein Weggefährte Andrew Irvine auf einer Höhe von 8500 Meter zum letzten Mal am Nordostgrat gesehen. 75 Jahre später, am 1. Mai 1999, wurde Mallorys konservierte Leiche in 8150 Meter Höhe entdeckt. Bis heute ist umstritten, ob sie nicht schon 1924 als erste über die Nordroute den Gipfel erreichten.

1953: Hillary und Tenzing

Erst die neunte britische Everest-Expedition hatte Erfolg. Am 29. Mai 1953 brachen der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay um 6.30 Uhr vom letzten Lager auf 8510 Meter auf. 88 Meter unterhalb des Gipfels tat sich vor ihnen auf dem südöstlichen Grat eine zwölf Meter und über 70 Grad steile Felsstufe auf. Der „Hillary Step“, das letzte Hindernis auf dem Weg zum Gipfel. Um 11.30 Uhr hissten sie die britische Flagge auf dem Dritten Pol.

1960/1975: Die Chinesen kommen

1960 und 1975 wurde der Everest erstmals von chinesischer Seite über den Nord- und Nordostgrat von einer Seilmannschaft aus dem Reich der Mitte bestiegen. Die Nord- und Südroute werden heute von den meisten Expeditionen begangen.

1976: Die erste Frau auf dem Everest

Am 16. Mai 1976 stand mit der Japanerin Junko Tabei die erste Frau auf dem Everest.

1978: Messner und Habeler

Am 8. Mai 1978 erreichten Reinhold Messner und Peter Habeler den Gipfel erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff.

1980: Cichy und Wielicki

Zwei Jahre später, am 17. Februar 1980 bestiegen die beiden Polen Lezek Cichy und Krzysztof Wielicki das Massiv erstmals im Winter. Temperaturen von minus 45 Grad Celsius und Windgeschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern kosteten sie fast das Leben.

1980: Messner-Solo

Als größte bergsteigerische Leistung am Everest gilt die Alleinbegehung des Berges durch Messner im Alpinstil. Ohne Fremdhilfe, ohne vorher präparierte Route und in einem Zug vom Basislager zum Gipfel stieg der damals 36-Jährige die 3500 Höhenmeter. Für seine Solobesteigung wählte er die Nordroute, querte oberhalb des Nordsattels in die Norton Couloir, eine Steilschlucht in der Nordwand, die bis 150 Meter unter den Gipfel führt.

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