Konnte beim 3:1 gegen Germania Friedrichstal seinen ersten Saisontreffer in einem Pflichtspiel für die Kickers bejubeln: Sebastian Schaller. Foto: Baumann

Sebastian Schaller kommt bei Fußball-Oberligist Stuttgarter Kickers immer besser in Fahrt. Im Interview spricht der Offensivmann über die wichtigsten Trainer seiner Karriere, er verrät wie die VfB-Philosophie zu seinem Ex-Club nach Augsburg kam, und warum er die Kickers mit 1860 München vergleicht.

Stuttgart - Die Stuttgarter Kickers sind für den bayrischen Schwaben Sebastian Schaller die erste Fußballstation in Württemberg: Vor dem Auswärtsspiel beim 1. CfR Pforzheim (Freitag, 17 Uhr) gibt der 28-Jährige Einblicke in seine bisherige Karriere, seine Ziele und er erklärt, was ihn mit seinem Mannschaftskollegen Lukas Kling verbindet.

Herr Schaller, beim 3:1 gegen den FC Germania Friedrichstal machten Sie Ihr bestes Saisonspiel und erzielten Ihr erstes Pflichtspieltor im Dress der Blauen. Sie kommen langsam, aber sicher ins Rollen.

(lacht) Das ist ja auch langsam Zeit geworden. Ich hatte in der Hinrunde eine langwierige Verletzung und konnte mich in der Winter-Vorbereitung mit harter Arbeit wieder herankämpfen. Jetzt bin ich endlich zu 100 Prozent fit.

Ihre Verletzungsmisere begann im August 2017.

Genau, mit einem Kreuzbandriss, den ich mir im Bayern-Regionalligaspiel mit dem FV Illertissen gegen den TSV Buchbach zuzog. Danach war ich erst einmal sieben Monate außer Gefecht und habe dann im April 2018 wieder meine ersten Spiele gemacht.

Und im ersten Oberliga-Saisonspiel nach Ihrem Wechsel zu den Kickers verletzten Sie sich beim 0:0 gegen den FC Nöttingen wieder.

Das war natürlich alles andere als ein Einstand nach Maß. Nach einer halben Stunde verletzte ich mich am hinteren rechten Oberschenkel, und ich musste raus. Durch den Muskelfaserriss lag ich erst einmal wochenlang auf Eis. Aber Trainer Tobias Flitsch sprach mir während meiner Zwangspause das Vertrauen aus. Er glaubte immer an mich, sagte, ich sollte geduldig bleiben, meine Chance wird wieder kommen.

Wie kam denn der Wechsel zu den Kickers zustande?

Trainer Tobias Flitsch kannte mich aus seiner Zeit beim SSV Ulm 1846. Die Spatzen wollten mich schon nach der Saison 2016/17 aus Illertissen holen. Damals hatte ich noch einen ein Jahr laufenden Vertrag, und der SSV konnte sich mit Illertissen nicht auf eine Ablösesumme einigen. Nach der Saison 2017/18 hatten die Ulmer dann kein Interesse mehr, da sie wegen der U-23-Regelung jüngere Spieler verpflichten mussten. Meine Verhandlungen mit Bayern-Regionalligist FC Schweinfurt 05 und seinem Trainer Timo Wenzel (Anm.d.Red.: früher Profi beim VfB Stuttgart) waren schon sehr weit, aber als dann die Kickers auf mich und meinen Berater zukamen, musste ich nicht lange überlegen.

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Warum?

Ich hatte super Gespräche mit dem Trainer und dem Sportlichen Leiter Martin Braun. Die Kickers waren mir schon in meiner Kindheit als sympathischer Traditionsverein mit tollen Fans ein Begriff. Hier, unter professionellen Bedingungen, am großen Ziel Aufstieg mitwirken zu können, hat mich ungemein gereizt.

Die Kickers sind Ihre erste Station in Württemberg. Schildern Sie doch bitte kurz in Ihren Karriereverlauf.

Ich bin groß geworden in Burgau bei Günzburg. Mit 15 Jahren bin ich vom FC Gundelfingen zum FC Augsburg ins Nachwuchsleistungszentrum. Ich hatte dort sechs super Jahre in der Jugend und in der zweiten Mannschaft. Dann ging es über den TSV Gersthofen zum FV Illertissen.

In Augsburg spielten Sie auch unter dem Trainer Thomas Tuchel, dem heutigen Starcoach von Paris Saint-Germain.

Ja, er war in der B-Junioren-Bundesliga mein Coach und später hatte ich als A-Jugendlicher unter ihm auch in der U 23 des FCA Einsätze.

Wie haben Sie ihn erlebt?

Als unglaublich guten Trainer. Er war einmalig. Ein Mann mit klarem Plan, ein Disziplinfanatiker. Thomas Tuchel hat mich geprägt. Er war ja auch Jugendkoordinator im Verein und brachte die VfB-Philosophie mit nach Augsburg.

Samt Verhaltenskodex?

Natürlich. Jegliche Form von Alkohol oder Fast Food standen auf dem Index. Zwei Tage vor den Spielen musste man um 23 Uhr im Bett sein, einen Tag vor dem Spiel um 22 Uhr. Auch Ilija Aracic (Anm. d. Red.: unter anderem als U-19-Trainer und später als Assistent von Tayfun Korkut beim VfB Stuttgart tätig) hat mich als Trainer in Augsburg und Illertissen weitergebracht, genauso Holger Bachthaler, der derzeit den SSV Ulm 1846 trainiert.

Mit ihrem aktuellen Mitspieler Lukas Kling verbindet Sie einiges?

Er ist mein langjähriger Weggefährte, zudem haben wir den gleichen Berater. Lukas ist ein Jahr älter als ich und spielte in Augsburg in der Jugend immer einen Jahrgang über mir. Eine Saison haben wir gemeinsam den Dress des TSV Gersthofen in der Bayernliga getragen. Dann sind wir gemeinsam nach Illertissen gewechselt. Später, als er in Schweinfurt spielte, wollte er mich zu seinem Verein nach Schweinfurt holen. Dann kam es anders: ich holte ihn von Schweinfurt zu den Kickers (lacht).

Warum empfahlen Sie seine Verpflichtung?

Weil er ein stabiler, zweikampfstarker Sechser im Mittelfeld ist, mit viel Übersicht und Passqualität, der die Stürmer gut in Szene setzt.

Sie selbst kommen am liebsten über die linke Außenbahn?

Ja, ich habe zwar auch schon hängende Spitze gespielt, doch ich komme gerne mit viel Tempo und Dynamik über links, ziehe in die Mitte und versuche eine brauchbare Vorlage zu geben oder mit meinem starken rechten Fuß abzuziehen. Im modernen Fußball ist das durchaus üblich, zuletzt hat das, auf einem anderen Niveau, Serge Gnabry mit seinem genialen Tor in der Nationalmannschaft gegen die Niederlande gezeigt.

Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach 23 Spieltagen für die Kickers aus?

Wir haben uns eine wirklich gute Ausgangsposition erarbeitet, dürfen aber keinen Deut nachlassen. Denn alle Teams, die gegen uns spielen, wollen uns mit aller Macht ein Bein stellen. Ich vergleiche unsere Spiele mit den Stuttgarter Kickers mit den früheren Auftritten des TSV 1860 München in der Regionalliga Bayern. Ich habe es damals als Spieler des FV Illertissen miterlebt. Für alle Gegner war der Auftritt der Löwen das Spiel des Jahres. Das hatte Volksfestcharakter.

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Wie lässt sich das Niveau der viertklassigen Regionalliga Bayern mit dem der fünftklassigen Oberliga Baden-Württemberg vergleichen?

Die Qualität ist annähernd gleich. Hier in der Oberliga geht es körperlicher, robuster zur Sache. In der Regionalliga Bayern steht das Spielerische mehr im Vordergrund, was hauptsächlich an den Reserveteams der Proficlubs FC Bayern München, FC Augsburg, 1. FC Nürnberg, SpVgg Greuther Fürth und FC Ingolstadt liegt.

Sie haben es mit dem Fußball nicht ganz nach oben geschafft, haben Sie noch ein zweites Standbein?

Ja, ich studiere Internationales Management an der Hochschule in Augsburg. Zwei Prüfungen stehen noch an sowie die Bachelor-Arbeit. Außerdem habe ich ein Praxissemester bei Sport 1 in Ismaning absolviert, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Ich habe noch einige Kontakte in die Redaktion. Vielleicht kann ich ein gutes Wort einlegen für das eine oder andere Live-Spiel mit den Stuttgarter Kickers, sollten wir den Aufstieg in die Regionalliga schaffen (lacht).

Werden Sie unabhängig davon über die Saison hinaus bei den Kickers bleiben?

Wir sind in guten Gesprächen.

Was erwarten Sie vom Spiel beim 1. CfR Pforzheim an diesem Freitag um 17 Uhr?

Wie immer ein ganz hartes Stück Arbeit. Wir sind die Gejagten, aber wir werden selbstbewusst auftreten und die Vorverlegung des Spielbeginns auf 17 Uhr ist für uns eine Extra-Motivation. Für unsere Fans, die trotz des früheren Anpfiffs da sein werden und uns nach vorne peitschen, werden wir uns zerreißen.

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