Schwäbische Spitznamen im Kreis Böblingen Beerlesklopfer, Bachscheißer und Muckeschnapper

Von Günter Scheinpflug 

Jede Kommune im Kreis Böblingen hat einen eigenen Spitzenamen, natürlich auf Schwäbisch. Die Anekdoten dahinter sind teilweise ziemlich kurios.

Herrenberg - Er ist durch und durch ein „Knöpfleswäscher“ und bekennt sich auch dazu. Wolfgang Wulz ist gebürtiger Heidenheimer, die dortigen Einwohner leben mit dieser volkstümlichen Bezeichnung. Der Mundartspezialist, seit vielen Jahren in Herrenberg-Gültstein zu Hause, hat nicht nur die Spitznamen der Gemeinden im Kreis Heidenheim recherchiert, er veröffentlichte jetzt auch ein neues Werk über die Neckereien im Kreis Böblingen. „Bäre, Beerlesklopfer ond Bachscheißer“ lautet der Titel des amüsanten Buches, in dem er keine der 26 Gemeinden auslässt.

Ansprechpartner in Heimatvereinen

Von A wie Aidlingen bis W wie Weissach reicht die Palette. Während die Aidlinger das Etikett „Stoabäuch“ und „Bachscheißer“ tragen“, sind die Dachteler die „Füchs“, im Deufringer Teilort leben die „Schnecken“ und in Lehenweiler „Katzen“. Wolfgang Wulz hat Archive durchstöbert und sich in den Gemeinden Ansprechpartner etwa von Heimatvereinen geben lassen. „Goldquellen“ nennt er die Zeitgenossen, die sich um die Historie ihres Fleckens kümmern und ihm Anekdoten zutrugen, mit denen er seinen Sammelband speiste.

„Stoabäuch“ werden die Aidlinger in den Überlieferungen genannt, weil sie auf besonders steinigen Feldern arbeiteten und die Steine in ihren Schürzen wegschleppten. „Kender kriaget se koine et, aber reachte Stoabäuch treget sie oineweg vor sich her“, soll ein Lehenweiler Mädchen einmal abschätzig gesagt haben. Und daneben steht „Bachscheißer“ in den Nachbarorten hoch im Kurs: Der bezieht sich auf die hygienischen Zustände des Gewässers, das durch den Ort fließt. Die Anlieger der Aid bauten ihr Aborthäuschen einst direkt an den Bach - und hatten ein kostenloses Wasserklosett, bei dem sie sich nicht um die Leerung kümmern mussten.

Der Vater berichtet über alte Sagen

Wolfgang Wulz Foto: privat

In früheren Jahren hat Wulz für die Lokalpresse eine geschichtliche Serie über derlei Begebenheiten geschrieben und 1989 und 1990 die ersten beiden Bücher darüber verfasst, die längst vergriffen sind. Nun machte er sich mit einem neuen Illustrator – Karlheinz Haaf – an eine Neuauflage. Er beschäftigte sich auch mit den Steinenbronner „Beerlesklopfern“, die ihre Beeren zu Gesälz verarbeitet oder für die Schnapsbrennerei verwendet haben. Oder mit den Böblinger „Bäre“. Im Zwinger des Schlosses soll einst ein solches Tier gehalten worden sein, das ausbüxte und eine Abendgesellschaft bei einem Fest in Angst und Schrecken versetzt haben soll.

Ein Faible für Geschichte entwickelte Wolfgang Wulz schon in jungen Jahren. „Wir wurden als Kinder von unserem Vater auf Spaziergänge mitgenommen, er hat dabei über landschaftliche Besonderheiten oder historische Bauten doziert. Er war Volksschullehrer. Am spannendsten fanden wir die alten Sagen“, erinnert er sich. Als Historiker trat er in die Fußstapfen des Vaters und sammelte selbst Anekdoten.

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Neckereien rund um Backnang

In einem weiteren Band stellt er schwäbische Neckereien rund um Backnang vor. Seine Ehefrau Maya Wulz, grüne Herrenberger Stadträtin, würdigte seine Fleißarbeit mit einem Geschenk. Er bekam zum Geburtstag eine Skulptur: Mit dem Froschabschlecker aus Breitenholz (ein Teilort von Ammerbuch im Kreis Tübingen), dem Herrenberger Pflastersteinscheißer und der Heidenheimer Knöpfleswäscherin. Apropos: Laut einer Legende wollte eine Frau ihrem Mann sein Mittagessen zur Arbeitsstelle bringen – Hefeknöpfle. Auf dem Weg stolperte sie und die Knöpfle fielen in den Dreck. Weil eine schwäbische Hausfrau aber nichts verkommen lässt, wusch sie sie ab und erzählte ihrem Gemahl nichts von ihrem Missgeschick. Heute ist sie ein Wahrzeichen der Stadt – und die Heidenheimer haben ihren Spitznamen.

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