Russlanddeutsche in Stuttgart Der russische Teil der Seele schmerzt

Von Cedric Rehman 

Im Jahr 2016 gingen viele Russlanddeutsche auf die Straße nach der angeblichen Vergewaltigung des Mädchens Lisa durch  Flüchtlinge. Die Meldung stellte sich als falsch heraus. Foto: dpa
Im Jahr 2016 gingen viele Russlanddeutsche auf die Straße nach der angeblichen Vergewaltigung des Mädchens Lisa durch Flüchtlinge. Die Meldung stellte sich als falsch heraus. Foto: dpa

Die Russischsprachigen in Stuttgart sind gespalten über den Kurs Russlands. In den sozialen Netzwerken gibt es Streit zwischen Anhängern und Gegnern Wladimir Putins.

Stuttgart - Im Lebensmittel-Discounter Centa an der Normannstraße stehen orthodoxe Heiligen zwischen Birkensaft und russischer Schokolade Seite an Seite auf einem Regal. Es scheint, als müssten sie die Kräfte bündeln, um Trost zu spenden. Eine Verkäuferin in dem Bad Cannstatter Geschäft für russische Spezialitäten, meint, dass die Ikonen in den vergangenen Wochen großen Absatz gefunden hätten. „Es war Ostern, aber ich weiß nicht, ob das auch mit den schlimmen Nachrichten zusammenhängt“, meint die Frau, die ein Kreuz trägt.

Sie will ihren Namen nicht nennen, wenn es um so heikle Dinge wie Krieg und Frieden geht. Ihre Kunden redeten derzeit viel über die Gefahr eines militärischen Zusammenstoßes zwischen Russland und den USA, meint sie. „Alle machen sich große Sorgen“, sagt sie. Im folgenden Satz wiederholt sie ein Wort gleich dreimal: „Ich hoffe,hoffe, hoffe, dass unsere Staatsmänner zur Vernunft kommen“, sagt sie. Welche Staatsmänner sie damit meint? „Ich bin Deutsche“, sagt sie. Aber ein Teil ihrer Seele sei eben auch russisch und schmerze.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Ernst Strohmaier, aus dem Stuttgarter Osten gilt als wichtige Stimme der russischsprechenden Gemeinschaft in Baden-Württemberg. Er empfindet ähnlich wie die Verkäuferin in dem Bad-Cannstatter Supermarkt. Auch er fühle eine Empathie für Russland, sagt er. „Das hat nichts damit zu tun, was ich von Wladimir Putin halte“, sagt Stromaier. Wie vielen der laut Strohmaier rund 70 000 Russlanddeutschen in der Region Stuttgart es ähnlich geht, will Strohmaier nicht schätzen.

Er wünscht sich, dass die Medien mehr auf die Vielfalt der Migranten aus der ehemaligen UdSSR eingehen. „Die Journalisten müssen anerkennen, dass wir unterschiedliche Weltanschauungen haben“, sagt Strohmaier.

Der Vertreter der Russlanddeutschen meint, dass die Krise zwischen Russland und dem Westen das Leben der Russlanddeutschen auf der Oberfläche wenig tangiert. Er weiß nichts zu berichten von Anfeindungen oder einem Rechtfertigungsdruck russischsprachiger Menschen gegenüber anderen. Aus seiner Sicht wäre das auch absurd. „Wir sind ja keine Russen“, sagt er. Strohmaier warnt allerdings vor der Einflussnahme Russlands auf Deutsche, die aus der ehemaligen UdSSR stammen. „Die Russen nennen das ,Volksdiplomatie`. Aber es geht ihnen um eine fünfte Kolonne“, sagt Strohmaier. Er selbst streite sich immer wieder mit dem putinfreundlichen „Internationalen Konvent der Russlanddeutschen“ von Heinrich Groth. Der Verein rief 2016 zu Demonstrationen auf nach der angeblichen Vergewaltigung des russlanddeutschen Mädchens Lisa durch Flüchtlinge in Berlin. Strohmaier will sich nicht festlegen, wie viele Anhänger Groth in Stuttgart hat. Er verweist erneut auf die Vielfältigkeit der russlanddeutschen Gemeinschaft. Sicher, viele würden russische Sender anschauen, meint er. „Aber sie vergleichen das mit dem, was sie in deutschen Nachrichten sehen“, sagt Strohmaier.

Streit gibt es im Internet

In den sozialen Netzwerken würden sich Gegner und Anhänger von Wladimir Putin beharken. Aber der Zwist etwa zwischen Ukrainern und Putin unterstützenden Russlanddeutschen verbleibe im virtuellen Raum, versichert er.

Die Ukrainerinnen Kseniya Anufriyeva und Ilona Ushenina vom Ukrainischen Atelier für Kultur und Sport am Hagelsbrunnen erzählen, dass sie jedes Mal tief durchatmen, wenn bei ihren Veranstaltungen jemand Russisch spricht. „Dann ist es aber immer jemand, der unsere Aktionen ganz toll findet und uns unterstützt“, sagt sie.

Im Moment bereiten die beiden die ersten Ukrainischen Filmtage in Stuttgart vor. Unter anderem wird Ende April im Bischof-Moser-Haus ein Film über den in der Ukraine geborenen und in Russland inhaftierten Filmregisseur Oleg Sentsow gezeigt. Die Ukrainerinnen rechnen nicht mit Störaktionen. Sie berichten aber von Schmähungen auf sozialen Netzwerken. Doch im Vergleich zu anderen Regionen sei das Klima zwischen Russlanddeutschen und den laut Ushenina rund 2000 ukrainischen Migranten in Stuttgart gut. „Für mich ist das auch keine Frage der Herkunft oder Sprache. Es gibt genug Deutsche, die Putin unterstützen“, sagt sie.

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