Wie viel Fiktion verträgt die Wirklichkeit? Robert Menasse Foto: AFP

Der Schriftsteller Robert Menasse ist wegen falscher Zitaten und Umstände in seinem Essays und in seinem Roman „Die Hauptstadt“ in der Kritik. Um was geht es dabei?

Stuttgart - Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse ist in die Kritik geraten, weil er dem ersten Präsidenten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), Walter Hallstein (1901-1982), in mehreren Essays und Reden historisch nicht verbürgte Zitate in den Mund gelegt hat. Die rheinland-pfälzische Staatskanzlei Die rheinland-pfälzische Staatskanzlei hat sich deshalb erst nach längeren Diskussionen am Montag entschieden, Menasse die bereits zugesprochene Carl-Zuckmayer-Medaille tatsächlich zu verleihen.

Um welche Zitate und Sachverhalte geht es?

Menasse hatte 2013 in einem Essay für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) Hallstein mit den Worten zitiert: „Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.“ Zwei von dem Autor verwendete inhaltlich ähnliche Zitate lassen sich ebenfalls nicht nachweisen. Darauf hatte der Historiker Heinrich August Winkler bereits im Oktober vergangenen Jahres im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hingewiesen.

Winkler nutzte seinen Artikel zudem zu einer scharfen Kritik an Menasses (nicht Hallsteins!) europapolitischen Vorstellungen einer Überwindung des Nationalstaates. Der Schriftsteller behauptete in einem Vortrag außerdem, Hallstein habe seine Antrittsrede als Kommissionspräsident der EWG 1958 im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz gehalten. Dies ist falsch.

Was hat das mit dem Roman „Die Hauptstadt“ zu tun?

Der 64-jährige Menasse erhielt für „Die Hauptstadt“ 2017 den Deutschen Buchpreis. Der Roman stand wochenlang auf der Beststellerliste. Er spielt in Brüssel, dem Sitz der Europäischen Kommission und anderer europäischer Institutionen. Dort erhält der österreichische EU-Beamte Martin Susman den Auftrag, einen Plan für Feiern zum sechzigsten Gründungsjubiläum der Kommission zu erarbeiten. Susmans Idee: Die Gründung der EWG als Antwort auf das Grauen von Auschwitz durch eine große Feierlichkeit mit Auschwitz-Überlebenden begreifbar zu machen. Schon bald wird der Plan von den einzelnen Akteuren der EU-Bürokratie, angefangen von Susmans direkter Vorgesetzter bis hin zum Kabinettschef des Kommissionspräsidenten, aus nationalistischen und egoistischen Gründen sabotiert – bis er zum Schluss scheitert.

Zu den weiteren Figuren des Romans gehören ein Überlebender von Auschwitz, der gerade in ein Brüsseler Altenheim zieht, ein belgischer Kommissar, dessen Großvater zum Widerstand gehörte, ein österreichischer Ökonomieprofessor, der an der europäischen Gremienarbeit verzweifelt, und ein polnischer Auftragsmörder, der eng mit der katholischen Kirche verbandelt ist.

Menasse verknüpft das langsame Verblassen der Erinnerung an Auschwitz mit einem neuen Nationalismus, der sich tief in die europäischen Institutionen gefressen hat. Die einzelnen, zum Teil absurd überdrehten Szenen verknüpfen sich zu einem desillusionierenden Bild des gegenwärtigen Zustandes der EU. In diesem Zusammenhang tauchen in dem Roman die inkriminierten angeblichen Zitate auf sowie die Behauptung auf, Hallstein habe seine Antrittsrede in Auschwitz gehalten.

Wogegen richtet sich die Kritik?

Menasse wird von verschiedenen Seiten kritisiert. Der schwerwiegendste Vorwurf besteht darin, dass der Schriftsteller in nichtfiktionale Formate wie einen Essay fiktionale Zitate und Sachverhalte einbringt. Dafür hat sich Menasse zum Teil entschuldigt, aber hinzugefügt: „Die Quelle ist korrekt. Der Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.“ Allerdings bestreiten Historiker wie Winkler, dass Hallstein die Überwindung der Nationalstaaten im Sinn gehabt habe.

Andere Kritiker bemängeln, dass Menasses Roman historisch unkorrekt ist. Es gehört allerdings zur Tradition des Romans, Fakten der Dramaturgie und dem literarischen Leitmotiv unterzuordnen.

Einer dritten Gruppe von Kritikern, darunter vielen aus dem rechtspopulistischen Lager, passen die Thesen Menasses zum Nationalismus in Europa grundsätzlich nicht. So schreibt Roland Freudenstein, Direktor der Denkfabrik der Europäischen Volkspartei, der neben der CDU auch Viktor Orbans Fidesz angehört, im Berliner „Tagesspiegel“: „Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um ein politisches Manifest.“ Darin mischten sich „antiamerikanische Ressentiments mit einer Dämonisierung von Teilen Mitteleuropas und politisch korrektem Appeasement gegenüber dem Islamismus“ zu einem „fest geschlossenen, links-westeuropäischen Weltbild“.

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