Berge von Literatur: die Frankfurder Buchmesse öffnet am Mittwoch die Türern. Foto: dpa

Europa ist in Gefahr – und die Literatur weiß das. Auf der diesjährigen Frankfurter Bücherschau befassen sich viele Autoren mit der Dystopie des Kontinents und ihren Folgen. Das ist lesenswert, kommentiert Stefan Kister.

Stuttgart/Frankfurt - Man könne die Geschichte der EU wie die „Buddenbrooks“ erzählen, hat der österreichische Schriftsteller Robert Menasse gesagt: Eine Generation gründet etwas, eine baut es aus, die dritte hält es aufrecht und die vierte fährt es an die Wand. Nicht nur um solche Parallelen ins Licht zu rücken, leisten literarische Texte gute Dienste, sie haben auch das Zeug, zu verhindern, dass die Wirklichkeit einem Roman über Aufstieg und Niedergang allzu ähnlich wird.

Robert Menasse ist ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis, der an diesem Montag in Frankfurt verliehen wird, zum Auftakt einer Woche, in der sich die Welt wie jedes Jahr zur Messezeit auch über streng literarische Grenzen hinaus um das Buch dreht. Menasses Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ lässt Europa mit seinen Fliehkräften, Krisen und Erschütterungen anschaulich werden und macht die Zusammenhänge sichtbar, die sich hinter den Zerrbildern der vermeintlichen Brüsseler Gurkenkrümmungs-Bürokratie verbergen.

Macron ist ein Mann der Literatur

Wenn es sich am Dienstag ein anderer Europa-Visionär, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, nicht nehmen lässt, als Vertreter des diesjährigen Gastlandes Frankreich zusammen mit Bundeskanzlerin Merkel die Frankfurter Buchmesse zu eröffnen, dann sicher nicht nur deshalb, um auf die wirtschaftliche Bedeutung des Buchmarktes hinzuweisen oder eine repräsentative Plattform zu nutzen. Macron war Assistent des französischen Philosophen Paul Ricoeur, der von sich sagte, seine wahren Eltern seien die Bücher, und der Zeit seines Lebens an einer menschenfreundlichen Philosophie des Verstehens gearbeitet hat. So ist es sehr wahrscheinlich, dass Macron weiß, was Literatur zur Welterklärung leisten kann und wie unverzichtbar ihre Ressourcen gerade in Zeiten welt- und europapolitischer Umbrüche und Belastungsproben sind.

Wie in allen Erzählungen, literarischen und politischen, gilt es in Erinnerung zu halten, worum es eigentlich geht. Mit Blick auf die Europäische Union: wozu sie einmal gegründet worden ist. Für Menasse ist dieses transnationale Einigungswerk ein Bollwerk, um die Wiederholung jener fürchterlichen Dinge zu verhindern, die rechte Populisten gerade wieder dabei sind, schönzureden, wenn sie Glanz und Gloria der deutschen Wehrmacht feiern.

Literatur kann populistisch sein – im guten Sinn

Finsteren Vereinfachungen setzt eine Literatur, die diesen Namen verdient, ihre eigene Form der Popularisierung entgegen, wenn man darunter die Kunst versteht, Schwieriges, Fernes nahe zu bringen: Wo es Populisten darum geht, die Empfindungsfähigkeit auf niedere Reflexe herabzustimmen, die wie Neid, Wut, Stolz, dem christlichen Abendland einmal als Todsünden galten, stimuliert Lesen die Kraft der Identifikation, das Spiel mit Perspektiven, die glückhafte Erfahrung, sich im Anderen wiedererkennen zu können.

Doch das Herz der literarischen Republik schlägt in diesen Tagen nicht nur in Frankfurt. Gleich zwei Literaturfestivals nehmen in Stuttgart den Ball auf, den ihnen die Gegenwart zuspielt: Im Literaturhaus gehen Autoren und Autorinnen drei Tage der Frage nach, wie sehr unsere Herkunft über das entscheidet, was wir sind, auch darüber, ob wir uns überhaupt noch der Aufgabe stellen, ein Buch zu lesen oder mit dem Vorlieb nehmen, was durch den digitalen Äther pfeift. Im Anschluss widmet sich die Veranstaltungsreihe „Stuttgart liest ein Buch“ dem Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar. Nicht auszudenken, eine ganze Stadt würde tatsächlich der Aufforderung nachkommen und sich in die Bewusstseinswelten zwischen Iran und Deutschland begeben, die die junge Autorin auf den Spuren ihrer Familie zugänglich gemacht hat. Solche Empfänglichkeit wäre das beste Mittel, zu verhüten, dass der Roman, den wir alle leben, doch noch an die Wand gefahren wird.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: