Robert Menasse erzählt eine Geschichte voller Intrigen und Schweinereien. Foto: dpa

Robert Menasses Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ ist mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.

Frankfurt - Ein Gebilde, zusammengesetzt aus unendlich vielen Einzelheiten, vollgepumpt mit Geschichte, auseinanderstrebenden Interessen, Intrigen, Schweinereien – und doch eine einzige große Hoffnung. Man stelle sich dieses vor, dann hat man ungefähr einen Begriff, nicht nur von dem soeben in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis geehrten Roman, sondern auch von dessen Gegenstand. „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse ist mindestens so komplex wie die Brüsseler Bürokratie, wenngleich bedeutend unterhaltsamer und von unüberbietbarer erzählerischer Effizienz.

Lustvoll treibt der österreichische Autor gleich ein ganze Herde aktueller Schweine durch die Straßen der europäischen Kapitale: nationale Egoismen, Karrierismus, Terrorismus, von den Ausgeburten des Beamtenwesens ganz zu schweigen. Und natürlich dürfen die Zurüstungen zum Brexit nicht fehlen: „Die Briten akzeptieren nur eine einzige verbindliche Regel: dass sie grundsätzlich eine Ausnahme sind.“

Polnische Geheimdienstkiller und deutsche EU-Apparatschiks

Zumindest ein Schwein ist nicht nur im übertragenen Sinn unterwegs, sondern galoppiert sehr leibhaftig zu Beginn als Maskottchen durch den Roman. Alle haben es gesehen: ein polnischer Geheimdienstkiller, der, um ein Attentat zu verhüten, jemanden vorsorglich um die Ecke bringt - dummerweise den falschen, was sich am Ende rächen wird; ein belgischer Holocaustüberlebender, der seine Erinnerung gegen die drohende Demenz verteidigt; ein österreichischer Wissenschaftler, der sich im Thinktank von der Schuld der Väter reinigt; ein deutscher EU-Apparatschik, seine zypriotische Arbeitsbeziehung und einer ihrer Mitarbeiter. Letzterer hat von einer Dienstreise nach Auschwitz einen Ehren-Gast-Ausweis („Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager“) mitgebracht – und die Idee, den 50. Geburtstag der EU-Kommission zusammen mit Überlebenden des Tötungslagers zu begehen.

Das fliehende Schwein ist zunächst das einzige, was sie alle verbindet. Aber je mehr sich die einzelnen Fäden ihrer Geschichten im Weiteren verflechten, desto deutlicher wird, dass dieser Roman auch davon handelt, welche Seiten des Schweines die Zukunft bestimmen soll: die rosafarbenen oder die bräunlich mistverspritzten.

Es rumpelt in der Bürokratenmetropole

Wie man in der Ökonomie den Schweinezyklus als Modell für die konfliktreiche Dynamik zwischen Angebot und Nachfrage heranzieht, könnte man nun versucht sein, in dieser „Hauptstadt“ eine Versammlung europapolitischer Lehrgebäude zu sehen. Doch ein Roman plädiert nicht, er evoziert. Seine Perspektive ist personal und er spricht mit vielen Stimmen. Auf seinem Gebiet gleicht er damit aus, was der EU auf dem Felde des Politischen immer wieder zum Vorwurf gemacht wird: ein Demokratiedefizit.So kristallisiert sich in der dezentralen Anlage dieses kapitalen Werks das Bild eines Europa heraus, das umwillen kurzfristiger ökonomischer Erfolge, seine langfristigen politischen Zwecke aus den Augen verliert, ein Europa, das dabei ist, zu vergessen, weshalb es einmal gegründet wurde: nämlich um zu verhüten, dass sich der Zivilisationsbruch wiederholt.

Unter dem Tagesgeräusch der Büro­kratenmetropole, dem Rumpeln über das Pflaster gezogener Trolleys, macht Menasse das lastende Schweigen der Toten vernehmbar. Und so fügt sich das aus vielen kleinen Einzelteilen gefertigte Werk nicht nur in das Tableau einer sich gefährlich im Umbruch befindenden Gegenwart. Es vervollständigt das große Geschichtsgemälde, das Menasse in dem Roman die „Vertreibung aus der ­Hölle“ mit seiner in die Tiefen der Zeit getriebenen jüdischen Familiengeschichte grundiert hat.

Robert Menasse: Die Hauptstadt.
Roman. Suhrkamp-Verlag. 459 Seiten, 254 Euro.
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