Im Mai 2017 besuchten 2700 chinesische Touristen erst das Mercedes-Museum, danach ging’s zum Einkaufen nach Metzingen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Coronavirus widersteht erfolgreich allen Eindämmversuchen. In der Folge versiegen vor allem die Touristenströme aus China immer mehr. Für Händler, Museen und Hotels könnte sich das zum echten Problem auswachsen. Denn die asiatische Kundschaft bringt viel Geld.

Stuttgart - Diesen Tag im Mai 2017 wird wohl keiner vergessen, der Augenzeuge geworden ist. Eine Reisegruppe aus sage und schreibe 2700 Chinesen rollte in 70 Bussen durch die Region Stuttgart. Ein amerikanischer Kosmetikkonzern hatte Teile seiner Belegschaft im Reich der Mitte zu einem Kurztrip nach Süddeutschland eingeladen – aus Motivationsgründen. Erst ging es ins an jenem Montag extra geöffnete Mercedes-Benz-Museum, danach zur großen Einkaufstour nach Metzingen (Kreis Reutlingen). Schätzungen zufolge ließen Gäste und Veranstalter an diesem einen Tag mehrere Millionen Euro liegen.

China ist in Stuttgart und im ganzen Land eine der wichtigsten Herkunftsnationen im Tourismus. Das liegt nicht nur daran, dass der Markt riesig ist, sondern auch daran, dass chinesische Besucher extrem viel Geld ausgeben. In Stuttgart haben sie im vergangenen Jahr mit 69 000 Übernachtungen Platz vier unter den internationalen Gästen belegt. 3,4 Prozent der ausländischen Besucher Baden-Württembergs sind 2019 aus China gekommen.

Doch das Coronavirus bremst die Branche aus. „Derzeit sagen vor allem Reisegruppen ab, weil sie nicht ausreisen dürfen“, sagt Andrea Gehrlach. Auch Einzelreisende seien zurückhaltend, weiß die Prokuristin von Stuttgart-Marketing. Je nachdem, wie lange die Krise daure, rechne man in diesem Jahr bei den Chinesen mit einem Rückgang um bis zu 25 Prozent. Richtungweisend wird die Jahresmitte sein: „Die meisten kommen im Sommer und Frühherbst. Dann entscheidet es sich.“ Dieser Meinung ist auch Daniel Ohl vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband im Land: „Wir beobachten die Situation mit Sorge, aber ohne Panik. Wir hoffen, dass sich das Virus bis zur Hauptreisezeit im Sommer eindämmen lässt.“

In manchen Regionen ein Drittel der Kunden aus Asien

Die Folgen sind aber jetzt schon deutlich zu spüren. „Chinesen sind sehr genussvoll. Sie interessieren sich für Traditionelles, Shopping und gutes Essen“, weiß Gehrlach. Die Einkaufsstadt Metzingen sei in China überaus bekannt, das Stuttgarter Mercedes-Museum das Zugpferd Nummer eins. Knapp elf Prozent der 850 000 Besucher dort kamen im vergangenen Jahr aus China. Die Krise ist dementsprechend bereits spürbar. Zahlreiche Gruppen haben storniert.

Besonders große Sorgen macht man sich im Einzelhandel. „Der Rückgang der Gäste aus Asien macht sich gerade in touristisch stärker frequentierten Gegenden deutlich bemerkbar“, sagt Philipp Morio vom Handelsverband Baden-Württemberg. In einigen Regionen des Landes liege ihr Anteil normalerweise bei bis zu einem Drittel. Die Chinesen seien eine kaufstarke Gruppe, deshalb rechne man mit „empfindlichen Einbußen“. In den Outlet-Geschäften in Metzingen etwa kämen rund 35 Prozent der internationalen Kunden aus China.

Das bestätigt Isidora Muthmann von der Holy AG, die die Werksverkäufe in Metzingen betreibt. „Etwa ein Viertel unserer 4,2 Millionen Besucher jährlich kommt von außerhalb der EU“, sagt sie. Die Chinesen machten darunter den größten Anteil aus. Derzeit seien viele Gruppenreisen abgesagt. Chinesische Individualreisende und asiatische Kunden, die in Deutschland leben, kommen aber trotzdem.

Hoffnung auf späteres Nachholen der Reisen

In Metzingen hofft man darauf, die Ausfälle durch andere Nationen auffangen zu können. „In den nächsten Wochen erwarten wir viele Gruppenreisende aus Thailand. Auch viele Gäste aus der Schweiz und den arabischen Golfstaaten sind da“, sagt die Sprecherin. Ob die tatsächlich weiterhin kommen, hängt stark von der Entwicklung beim Coronavirus ab. Die Outlet-Läden stellen jedenfalls für Mitarbeiter zusätzliche Desinfektionsspender und Mundschutzmasken zur Verfügung.

Eine Hoffnung gibt es aber für die Gewerbetreibenden im Land. Bei vergangenen Krisen, die zu einem Rückgang der Reisenden aus Asien geführt haben, hat sich gezeigt: Solche Trips werden in der Regel nicht komplett gestrichen, sondern später nachgeholt. Darauf setzt man auch beim Kaufhaus Breuninger in Stuttgart. Man sei im Gespräch mit Reiseleitern und hoffe, dass sich abgesagte Reisen nur verschieben.

Wie es sich allerdings verhält, wenn sich das Coronavirus noch weiter ausbreitet, steht derzeit in den Sternen. Genauso wie die Frage, was wohl passiert, falls es zusätzliche Reisebeschränkungen geben sollte und auch aus anderen Ländern die Reisetätigkeit abreißt. Wie realistisch diese Gefahr ist, zeigt sich seit einigen Tagen in Italien, wo in manchen Gegenden praktisch der Ausnahmezustand herrscht. Im vergangenen Jahr waren italienische Besucher für gut eine halbe Million Übernachtungen in Baden-Württemberg verantwortlich – deutlich mehr als Reisende aus China.

Eines zumindest steht fest: Bilder wie die aus dem Mai 2017 werden sich im Südwesten wohl nicht so schnell wiederholen.

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