Ein Rebhuhnpärchen stolpert über die Großbaustelle in Rommelshausen. Foto: Michael Eick

Ein beauftragter Gutachter hatte im Baugebiet „Lange Äcker II“ in Kernen keine Rebhühner entdecken können. Der Fellbacher Stadtrat Michael Eick hat aber ein Vogelpärchen auf der Großbaustelle gesehen und fotografiert.

Bei Kernen - Bei der Umweltprüfung für das neue Baugebiet „Lange Äcker II“ in der Fellbacher Nachbargemeinde Kernen sind offenbar drastische Fehler gemacht worden. Ein mit einer Expertise beauftragter Gutachter hatte den Naturschutzbehörden bescheinigt, dass es sich bei dem geplanten Gewerbeareal allenfalls um ein Saisonquartier für Rebhühner geht. handelt. Fotografien des Fellbacher Stadtrats Michael Eick legen nun freilich nahe, dass es sich bei der fraglichen Fläche sehr wohl um einen Brutplatz handelt – und der so genannte Sachverständige seine Aufgabe allenfalls halbherzig erledigt hat.

Michael Eick Foto: privat
Denn die Bilder, die der für die FW/FD-Fraktion im Gremium sitzende Biologe in fotografisch bestechender Qualität gemacht hat, dokumentieren nicht nur eine Tiertragödie. Sie entlarven die Ausweisung der „Langen Äcker II“ auch als kommunalpolitischen Fehlgriff. Just auf dem Areal, auf dem die Werbefirma Kolibri einen architektonisch zweifelsohne sehenswerten Neubau in die Höhe ziehen lässt, irren zwei kleine Vögel umher. Das Rebhuhn-Paar sieht sich bei den Baggerschaufeln nach einer Nistgelegenheit um, stakst über die geschotterte Baustraße und inspiziert selbst den mit Folie abgedeckten Aushub.

Ein geeigneter Platz für den Nachwuchs ist mitten in der Baustelle freilich nicht zu finden. Verloren wirkt das Vogelpaar, bei dem es sich aus Sicht des Tierfotografen Eick um das vermutlich um die beiden letzten verbliebenen Rebhühner auf der Gemarkung von Rommelshausen handelt. „Die Beobachtung untermauern die These, dass dieses Brutpaar genau dort, wo es sich jetzt nach einem geeigneten Platz umgesehen hat, auch schon früher ansässig war. Die beiden Vögel haben gezielt die Fläche aufgesucht, was bei einem so guten Ortsgedächtnis auch kein Wunder ist“, betont er.

Der Stadtrat ist kein neutraler Beobachter

Der Fellbacher Stadtrat ist allerdings kein neutraler Beobachter. Der 41-Jährige ist vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Kernen beauftragt worden, sich mit der Kamera gezielt auf die Lauer zu legen. Erklärtes Ziel der Aktion war, die Mär vom angeblich nicht auf den Langen Äckern brütenden Rebhuhn zu widerlegen.

Die hierzulande vom Aussterben bedrohten Vögel machen in der Luft eine vergleichsweise schlechte Figur. Sie leben lieber am Boden und benötigen als Brutplatz ein Gebiet, in dem sie nicht nur Nahrung finden, sondern auch ein Dickicht, in dem sich der Nachwuchs vor dem Fuchs verstecken kann. Auch deshalb sind Rebhühner als standorttreu bekannt – in einer durch die moderne Landwirtschaft zunehmend ausgeräumten Feldflur fehlt meist ohnehin die Alternative.

Was es in der Praxis heißt, wenn die Rebhühner lieber eingehen als ihr Revier zu verlassen, zeigt die von dem selbst ehrenamtlich im Naturschutzbund (Nabu) aktiven Michael Eick geführte Statistik: Westlich von Rommelshausen bekam der passionierte Tierfotograf vor 2014 noch sieben Rebhühner vor die Kamera. Nach dem Baustart in den Langen Äckern II ist er nach sorgfältiger Beobachtung sicher, dass die Brut des vergangenen Jahres keinen Nachwuchs mehr erbrachte und das abgebildete Rebhuhn-Paar als einziges übrig blieb.

Erneute Proteste sind geplant

Die Schutzgemeinschaft Schmidener Feld, die ohnehin schon wegen des Landverbrauchs gegen die Bebauung der Ackerflächen kämpft, hat angekündigt, erneut Protest gegen die Baupläne zu erheben. Denn die Fotos von den Rebhühnern auf der Baustelle erwischen die zuständigen Ämter kalt. Noch kürzlich hatte das Landratsamt eine Umweltbeschwerde des BUND mit der Auskunft beschieden, dass zum rechtskräftigen Bebauungsplan eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung durchgeführt worden sei. „Diese hatte zum Ergebnis, dass es sich nur um einen Winterruheplatz für Rebhühner handelt.“

Durch das neue Foto ist diese Aussage stark in Frage gestellt. Das Rebhuhnpaar betrachtet das Gewerbeareal offenbar trotz der massiven Veränderungen als Brut-gebiet. Auch mit anderen Einschätzungen täuscht sich das Landratsamt: „Ein Ersatz für diesen Winterruheplatz wurde von der Gemeinde in Form einer Brachfläche und einer Grünbrache (ehemaligen Niederstammobstplantage) vor Beginn der Bauarbeiten geschaffen. Diesem Ersatzlebensraum hat das Landratsamt, Fachbereich Naturschutz und Landschaftspflege, eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Funktionsfähigkeit attestiert.“ Diplom-Biologe Eick kommt zu einem anderen Ergebnis: „Die erfolglose Suche nach einem Brutplatz zeigt auch, dass die bisherigen Maßnahmen in Kernen absolut nichts gebracht haben.“

Das Rebhuhnpaar denkt offenbar nicht daran, in Richtung der beiden Refugien umzuziehen. Die „Langen Äcker III“ zu bebauen, wie es Verwaltung und Gemeinderat in Kernen nach wie vor planen, wird nun immer schwieriger. Denn die Naturschutzbehörde sagt: „Hier hat das Landratsamt geraten, auf eine zukünftige Bebauung zu verzichten. Will die Gemeinde Kernen die Bebauung dennoch realisieren, muss über vorgezogene Artenschutzmaßnahmen und ein anschließendes Monitoring vor der Bebauung nachgewiesen werden, dass das Brutpaar mithilfe der Ersatzflächen neuen Brutraum erschlossen hat.“

Mit dem Finger auf Kernen zu zeigen, greift freilich zu kurz: Auch auf Fellbacher Gemarkung ist es nicht mehr weit her mit der Rebhuhn-Population. Laut Eick sind von über 130 Brutpaaren, die vor zwei Jahrzehnten noch auf dem Schmidener Feld lebten, nur noch etwa 20 übrig. Selbst diese Zahl war für Rems-Murr-Landrat Richard Sigel überraschend: „Als ich hörte, dass es noch Rebhühner unterm Kappelberg gibt, bin ich fast vom Glauben abgefallen“, bekannte er jüngst bei einer Veranstaltung.

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