Reallabor der Universität Stuttgart Visionen für den Wandel der Autostadt

Von Thomas Durchdenwald 

Gut besucht: ein Parklet in der Tübinger Straße Foto: Kathrin Wesely
Gut besucht: ein Parklet in der Tübinger Straße Foto: Kathrin Wesely

Mit einer Abschlussveranstaltung im September geht das Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur der Universität Stuttgart zu Ende. Nun werden Menschen gesucht, die Teil einer „lebendigen Statistik“ werden.

Stuttgart - Wissenschaft macht Spaß. Wer auf die bereits bekannten und erlebbaren Ergebnisse des seit dem Jahr 2015 arbeitenden Reallabors für nachhaltige Mobilitätskultur der Universität Stuttgart blickt, kann ein verschmitztes Grinsen kaum unterdrücken. Die Stäffele-Galerie etwa, die die für Stuttgart so typischen Freilufttreppen neu nutzte. Oder die Parklets, die in der Innenstadt für Autos reservierte Plätze anderen Zwecken zuführten und damit einen Kontrapunkt setzten zum erbittert-langweiligen Streit zwischen Handel und Stadtverwaltung.

In einigen Wochen ziehen die Wissenschaftler, Forscher und beteiligten Bürger Bilanz, und – wie es sich gehört – wollen sie die dreitägige Abschlussveranstaltung vom 21. bis 23. September im Hospitalhof mit etwas ganz Besonderem bereichern. „Wir suchen Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine lebendige Statistik“, sagt Elke Uhl, Geschäftsführerin des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung an der Universität Stuttgart.

Lebendige Statistik – was ist das?

Lebendige Statistik – hinter diesem Namenspaar, das nicht so recht zusammenpassen will, verbirgt sich die Idee, dass 50 Personen aus Stuttgart das Verkehrsgeschehen in der Stadt repräsentieren. Sie vertreten, statistisch korrekt, die Anteile der Auto- und Radfahrer, der Bewohner in Innenstadt und Außenbezirken, Männer und Frauen, Kinder und Senioren. „Diese große repräsentative Runde wird dem Durchschnitt der aktuellen Verkehrsmittelwahl ein Gesicht geben“, sagt Organisator Johannes Heynold. Jeder Teilnehmer verkörpere dann rund 12 000 Stuttgarter. In Kooperation mit dem Theater Rampe sollen die Beteiligten der lebendigen Statistik sich dann zu Fragen der Mobilität positionieren und sich an der Debatte über deren Zukunft beteiligen (siehe auch „Freiwillige gesucht“ auf dieser Seite).

Ausgehend von den sattsam bekannten Verkehrsproblemen in Großstädten von Luftbelastung über Stau und Lärm bis zum Platzverbrauch und der besonderen Situation der Autostadt Stuttgart, die vom Fahrzeugbau wirtschaftlich geprägt ist und in der das Automobil einen wichtigen Identifikationsfaktor darstellt, hat sich das Reallabor mit dem Wandel zu einer nachhaltigen Mobilität befasst. „Wir möchten Denkanstöße, Visionen und konkrete Projekte eines guten und nachhaltig mobilen Lebens auf den Weg bringen“, sagt Heynold.

Raus aus dem Elfenbeinturm

Neu ist dabei der Ansatz, dass „nicht von außen über Menschen und ihr Verhalten geforscht wird“, wie Uhl sagt, „sondern Wissenschaft und Stadtgesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten“. Deshalb sind an dem Reallabor nicht nur Wissenschaftler verschiedener Institute der Universität Stuttgart beteiligt – vom Städtebau über Sport bis zur Soziologie. Mitgemacht hat auch eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Kooperations- und Netzwerkpartner. Darunter sind Stadt und Verband Region Stuttgart, Verbände und Vereine aus dem Verkehrsbereich, aber auch verkehrliche und kulturelle Initiativen sowie private Mobilitätsanbieter.

„Wir wollen raus aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft“, sagt Uhl, „die Reallabore sind die Plattform für einen Wissenstransfer von beiden Seiten – von Wissenschaft und von Bürgern.“ Deshalb wird das Reallabor auch vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium und vom Umweltbundesamt gefördert.

In diesem Prozess wurden die Ideen für Realexperimente geboren, aus denen schließlich im Jahr 2016 sechs Projekte ausgewählt wurden. Neben den viel beachteten Projekten wie Stäffele-Galerie und Parklets gehören dazu auch Überlegungen zur Mobilität rund um das Marienhospital, die Bürger-Rikscha, mit der Senioren ohne Auto mobil sein können, eine online gestützte Lastenrad-Ausleihe und eine Plusrad-App, die Anreize setzt für das Radfahren in der Stadt und dies belohnt.

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