Beim Fastenbrechen des Vereins Vision für ein besseres Miteinander kamen Menschen verschiedener Religionen zusammen. Foto: Andreas Senn

Im Kreis Böblingen laden immer mehr Vereine auch Nicht-Muslime zum Fastenbrechen ein. Die Tradition öffnet Türen zwischen Kulturen und Religionen. Doch es ist nicht alles rosig. Was steckt dahinter?

Wenn die Sonne untergeht, beginnt für Muslime das Fastenbrechen, im Arabischen auch Iftar genannt. Zumindest ist das derzeit so, denn gerade ist Ramadan. Seit dem 10. März und noch bis zum 9. April geht der Fastenmonat in diesem Jahr. Und wenn den ganzen Tag nichts gegessen und getrunken wurde, ist die Freude abends umso größer, wenn man wieder richtig reinhauen darf.

 

Im Kreis Böblingen laden Vereine aus verschiedenen Städten und Kommunen zurzeit zum gemeinsamen Iftar-Abenden ein. Ob man selbst fastet oder nicht, ist dabei oft egal. Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen kommen zusammen und feiern und essen gemeinsam. Der Verein Vision für ein besseres Miteinander aus Böblingen hat zum Beispiel schon mehrfach zum interreligiösen Fastenbrechen eingeladen.

Fastenbrechen mit Florian Wahl und Christine Kraayvanger

Dahinter steckt unter anderem Muhammed Keskin. Der 36-jährige Lehrer engagiert sich ehrenamtlich für den Verein und organisiert die interreligiösen Iftar-Abende. Einer davon war am 15. März im Gemeindehaus St. Bonifatius in Böblingen. Daran nahm mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Florian Wahl und der Böblinger Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger auch Lokalprominenz teil.

Es geht darum, Ängste und Vorurteile abzubauen und sich zu öffnen, sagt Mohammed Keskin, der selbst Muslim ist und beim Ramadan mitmacht. „Das ist ja so ähnlich, wie wenn ich wissen möchte, wie Weihnachten abläuft.“ Dabei arbeitet der Verein mit der katholischen und der evangelischen Kirche zusammen und lädt die Iftar-Gäste in deren Gemeindehäuser ein. Aber auch am Treff am See hat die Veranstaltung schon stattgefunden. Im Jahr 2019 war das. An neutralen und kirchlichen Orten ist die Hemmschwelle niedriger, sagt Keskin. „Da trauen sich die Leute eher hin.“

Ist es ein neues Phänomen, die traditionelle Feier zu öffnen? „Ganz neu ist es nicht, aber es steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Keskin. Sein Verein habe schon vor der Pandemie Iftar-Abende veranstaltet. Sein Fazit: „Ich glaube, das tut echt gut.“ Ein ähnliches Bild ergibt sich in Herrenberg.

Dort hat die Bildungsinitiative Förderung des deutschsprachigen Muslimseins (Födem) im Rahmen der Wochen gegen Rassismus zum interkulturellen Fastenbrechen für Jugendliche eingeladen. Zakaria Oulabi hat den Abend organisiert. Auch er sieht im gemeinsamen Fastenbrechen eine Art Türöffner. Viele muslimische Jugendliche seien zu der Veranstaltung gekommen und haben ihre nichtmuslimischen Kumpels mitgebracht.

Gastfreundschaft wird im Islam groß geschrieben

„Tatsächlich ist die Tendenz für interkulturelle Abende steigend“, sagt er. Er sieht zwei Gründe dafür: Einerseits seien Muslime immer gastfreundlich und diese Tugend werde während des Ramadans noch betont. Da biete es sich einfach an, nichtmuslimische Gäste auch zum Iftar einzuladen.

Andererseits nehme die Gesellschaft in Deutschland den Fastenmonat immer mehr wahr. Ministerien und Kommunen gehen zunehmend darauf ein. Viele Firmen haben ihn auf dem Schirm. In größeren Städten wie Frankfurt werden „Happy Ramadan“-Schilder und Beleuchtung aufgehängt. „Der Ramadan wird wahrgenommen als Gelegenheit für Begegnung“, schließt Oulabi. Und dann sei das mit dem Fastenbrechen auch einfach eine angenehme Sache, findet Zakaria Oulabi: „Man trifft sich und isst zusammen.“ Ein bisschen Programm gestaltet der ein oder andere Verein noch drum herum. Gebet, ein Impuls zu bestimmten Themen, Musik, all das kann dazugehören.

Und noch ein ganz praktischer Grund spiele in diesem Jahr eine Rolle: Da der Ramadan auf März und April fällt – der islamische Kalender richtet sich nach dem Mond, deshalb variiert der Zeitpunkt – beginne das Fastenbrechen früher als zum Beispiel im Sommer. Wenn er den ganzen Tag der Hitze ausgesetzt war und erst um 22 Uhr die Sonne untergehe, habe er keine Energie, ein großes Iftar-Fest zu organisieren und dann womöglich noch eine schwungvolle Willkommensrede zu halten. Das sei beim derzeitigen Sonnenuntergang gegen 18.45 Uhr schon etwas anderes.

„Es ist selten, dass wir positiv öffentlich wahrgenommen werden“

Denn das Fest zu organisieren, ist viel Arbeit, sagt Zakaria Oulabi. Er macht sie sich trotzdem. Vielleicht auch, so könnte man meinen, weil Muslime die positive Aufmerksamkeit brauchen. „Es ist selten, dass wir positiv öffentlich wahrgenommen werden“, sagt Zakaria Oulabi. „Daher machen wir uns den Aufwand.“ Ähnliches sagt auch Muhammed Keskin: „Wenn jemand rausläuft und sagt, Muslime sind gar nicht so übel, dann ist es schon gut.“