Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, fordert die Unternehmen in der Transformation zur frühzeitigen Information über Jobabbau auf. Mit rechtzeitigen Qualifizierungsmaßnahmen soll mehr Beschäftigten die Arbeitslosigkeit erspart werden.
Der Druck, den die Transformation sowie die Alterung der Belegschaften auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt ausüben, wird immer größer. Daher will die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Gewerkschaften und Arbeitgebern eine neue betriebliche Weiterbildungsoffensive starten. Was in den vergangenen 20 Jahren bei der Qualifizierung passiert sei, reiche für die künftigen Erfordernisse nicht aus, sagte BA-Chefin Andrea Nahles bei einer Konferenz in Stuttgart. „Wir müssen zumindest zwei Schippen oben drauf packen.“
Es gebe einen „dringenden Qualifizierungsbedarf in der erwerbstätigen Bevölkerung“. Die Arbeitsmarktchancen der Menschen – ob sie noch in Arbeit seien oder schon arbeitssuchend – werde durch Weiterbildung deutlich verbessert. Die Arbeitslosenquote von Menschen in Helfertätigkeiten ohne Schul- und Berufsabschluss liege bei 19,8 Prozent – mit Abschluss betrage die Quote lediglich 2,8 Prozent. „Das ist so krass – das spricht für sich selbst.“ Lobend hob Nahles eine Kooperationsvereinbarung der BA in Baden-Württemberg mit der IG Metall vom März dieses Jahres hervor, die die Qualifizierung in den Mittelpunkt rückt und nun praxisnah weiterentwickelt werden soll.
Die Bundesagentur für Arbeit berät auch Erwerbstätige
Seit Januar 2021 darf die Bundesagentur für Arbeit auch Menschen im Erwerbsleben und nicht nur Arbeitsuchende oder Arbeitslose beraten. „Bekannt ist das Instrument noch nicht so richtig“, sagte Nahles. Dieser Weg solle nun verstärkt werden, um Beschäftigte vor dem geplanten Jobabbau für eine neue Tätigkeit zu qualifizieren. Dies setzt jedoch eine bessere Kenntnislage der BA voraus – „sonst können wir es nicht organisieren“. Auch in Baden-Württemberg erlebe die Bundesagentur oft, „dass Arbeitgeber entweder überhaupt nicht oder nicht rechtzeitig informieren – oder dass ihnen letztendlich die Qualifizierungsbelange der eigenen Beschäftigten nicht wichtig genug sind“. Wenn die BA aus der Presse erfahre, welche Standorte geschlossen werden sollen, sei das Ergebnis, „dass wir wieder eine Transfergesellschaft aufbauen müssen“, so Nahles. „Dies ist nicht meine Idee von einer Transformationsbegleitung der Unternehmen durch die BA.“
Es gebe genügend Arbeitgeber, die aufgrund einer mittelfristigen Planung vorab wüssten, „wann welcher technische Veränderungsprozess zur Freisetzung von Beschäftigten führt“. Darüber rechtzeitig zu informieren, sei gerade bei mittelständischen Unternehmen noch nicht geübte Praxis, obwohl sie bei einer frühzeitige Einbindung der BA auch Beiträge für die sonst nötige Transfergesellschaft einsparen könnten.
Verärgerung über Galeria-Chef René Benko
Als Negativbeispiel erwähnte die BA-Chefin Galeria Karstadt-Kaufhof, mit dessen Eigentümer René Benko keine rechtzeitige Verständigung möglich gewesen sei. Positiv ragt aus ihrer Sicht die in Schwäbisch-Gmünd entwickelte „Arbeitsmarktdrehscheibe“ heraus – ein Modell zur Vermittlung von Kräften an andere Arbeitgeber der Region. Es habe eine bundesweite Vorbildwirkung und werde nun beispielsweise auch bei Ford in Köln aufgebaut.
DGB-Landeschef Kai Burmeister erhofft sich bei der Weiterbildung eine „breite Bewegung in der Masse der Betriebe, weil wir da gewaltigen Nachholbedarf haben“. Qualifizierung müsse so in die Arbeitswoche integriert werden, „dass sie permanent mitgedacht wird und zum neuen Normal gehört“.
Zitzelsbergers Appell „an die eigene Klientel“
Der IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger erwartet vor allem einen „zusätzlichen Schub für das Machen“. Es sei genügend analysiert worden, sodass es keine Erkenntnisdefizite gebe. „Tun, tun, tun ist das alles Entscheidende.“ Jede freie Minute in den Unternehmen sollte zum Qualifizieren genutzt werden – der Bedarf sei „gigantisch“. Daher appellierte er auch „an die eigene Klientel, die Betriebsräte und Vertrauensleute: Helft da mit, es darf keine Chance ungenutzt bleiben!‘“ Für die Beschäftigten sei eine ausreichende Qualifizierung die „größte Sicherheit vor individuellen Arbeitsmarktrisiken“.
In der Coronakrise hatte die BA in der Spitze für sechs Millionen Menschen Kurzarbeitergeld ausgezahlt – in der Erwartung, dass die Zeit des Stillstands in den Betrieben mit Weiterbildungsmaßnahmen ausgefüllt werde. „Wir waren extrem enttäuscht, dass die Zeit der Kurzarbeit nicht für Qualifizierung genutzt wurde“, sagte Nahles. Dies dürfte sich angesichts wieder verstärkter Kurzarbeitanzeigen in einzelnen Branchen nicht wiederholen. Zitzelsberger ergänzte, er habe in einer Geschäftsführer-Klausur vor der Sommerpause die Parole ausgegeben, dass es keine Kurzarbeit mehr geben dürfe, die nicht für Weiterbildung genutzt werde.
40 Milliarden Euro jährlich für die berufliche Weiterbildung
Angesichts der Wirtschaftsinvestitionen in Höhe von 40 Milliarden Euro jährlich wies Stefan Küpper, Geschäftsführer des Verbandes Südwestmetall, darauf hin, dass die Unternehmen der „größte Träger betrieblicher beruflicher Qualifizierung“ seien – darauf lasse sich in der Transformation aufbauen. Früher sei Weiterbildung oft mit Anreizaspekten verwoben worden. „Heute ist es ein Muss.“ Die Belegschaften sollten es tun, und die Betriebe müssten sicherstellen, „dass diese Angebote ständig verfügbar sind“.