Postcard-Walk durch Stuttgart-West Per Postkarte in die Vergangenheit

Von Timo Lackner 

Einen Rundgang durch Stuttgart der anderen Art verspricht ein Postcard-Walk. Anhand alter Postkarten geht es auf Spurensuche - dabei kann man die tollsten Geschichten ausgraben oder von einer Sackgasse in die nächste tappen. Ein Selbstversuch.

Stuttgart - Stadtführungen werden mittlerweile in sämtlichen Variationen angeboten. Da gibt es das typische Touristenprogramm mit den wichtigsten Eckdaten. Dieses findet entweder klassisch zu Fuß statt oder innovativ auf dem Segway. Auch inhaltlich ist für jeden Geschmack etwas zu finden: Ob unter dem Motto Kunst, Architektur oder Geistergeschichten - von kulturell bis hin zu skurril lassen sich die Tourismusverbände einiges einfallen.

In Stuttgart bieten Art-Tours einen besonders außergewöhnlichen Stadtrundgang an. Beim Postcard-Walk wird ein Stadtteil anhand alter Postkarten unter die Lupe genommen. Die Teilnehmer sollen so etwas über einen Stadtteil und seine Bewohner in Erfahrung bringen. Wir haben uns auf das Abenteuer Postcard-Walk eingelassen und waren im Stuttgarter Westen auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs.

Ausgangspunkt für die Tour ist das Café Blüte in der Schlossstraße. Hier treffe ich auch auf die Truppe, die sich auf die Stadtführung der anderen Art einlassen möchte. Jutta Kraak, Rainer Hanko und Ursula Knopf kommen aus Reutlingen und finden es spannend, eine Stadt mal nicht auf die klassische Art und Weise zu erkunden. Deshalb waren sie auch sofort Feuer und Flamme, als sie vom Postcard-Walk in Stuttgart gehört haben.

Nicht geführt sondern selbstgeführt

Fehlt nur noch der Stadtführer und es kann losgehen - doch dieser lässt auf sich warten. Nach einem Anruf steht fest - diese Tour ist nicht geführt, sondern selbstgeführt. Hinter der Bar ist ein Paket für uns hinterlegt, in dem wir alle nötigen Informationen finden.

Die junge Dame hinter der Theke reicht uns dann auch ein dickes braunes Paket. Darin finden wir eine Anleitung, einen Stadtplan und mehrere nummerierte Umschläge, die die Postkarten enthalten. Beim Postcard-Walk geht es darum, anhand der alten Karten durch einen Stadtteil zu gehen und Menschen, Gebäude und Geschichten ganz individuell kennen zu lernen. Die Postkarten sollen zur Interaktion ermutigen und uns an besondere Orte führen.

Gespannt wird der erste Umschlag geöffnet. Zum Vorschein kommen zwei verblasste Postkarten mit schwarz-weißen Motiven. Eine Karte wurde aus Kisslegg im Allgäu gesendet, die Andere kommt aus Eichstätt. Beide sind an ein Fräulein Julie Stumpp adressiert. Das Datum auf dem Poststempel lässt sich nicht mehr genau entziffern. Aber die Karten müssen wohl kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verschickt worden sein.

Urlaubsgrüße von Claire

Mit etwas Mühe schaffen wir es schließlich auch, die Grüße auf einer der Karten zu lesen. "Liebes Julchen, bin gut hier angekommen und sende dir recht herzliche Grüße. Brief folgt demnächst. Bis dahin Claire." Wir beschließen uns auf den Weg zu machen und hoffen, in der Breitscheidstraße mehr über "Julchen" herauszufinden.

Die angegebene Adresse existiert noch - eine Frau Stumpp wohnt dort allerdings nicht mehr. Bei wildfremden Menschen zu klingeln, trauen wir uns dann doch nicht - und so bleibt uns nur ein Besuch im Geschäft eines Schmuckdesigners im selben Haus. Dieser ist schnell angesteckt von unserer Spurensuche und gibt uns die Telefonnummer des Hausverwalters. Der ist zunächst überrascht von dem ungewöhnlichen Anruf, ist dann aber bereit uns weiterzuhelfen. Er selbst erinnere sich nicht mehr, aber seine Mutter hat ihm von einer Frau Stumpp erzählt, die hier früher gewohnt hat. Laut ihrer Aussage war diese aber schon damals eine ältere Dame.

Somit sind wir in punkto Julchen Stumpp in einer Sackgasse gelandet. Alles, was wir herausbekommen haben ist, dass die ältere Dame mit Urlaubsgrüßen von Freunden und Verwandten bedacht wurde. Es bleibt viel Platz für Spekulationen, wer diese Frau war, an die sich heute fast keiner mehr erinnert.

Auch die anderen Postkarten führen uns nicht allzu weit. Wir finden heraus, dass die Bebelstraße früher Moltkestraße hieß und scheitern immer wieder an der altdeutschen Schrift. In der Klopstockstraße treffen wir auf eine rüstige Dame, die bereit ist, ihre Erinnerungen über die früheren Nachbarn mit uns zu teilen. Wirklich nahe kommen wir den Namen auf den alten Grußkarten und den Geschichten, die dahinter stehen, aber nicht.

Eine Reise in Gedanken

Die Reise in die Vergangenheit funktioniert eher im Kopf - in Gedanken ist man bei den ehemaligen Bewohnern. In der Phantasie entstehen Geschichten zu ihnen, in denen die spärlichen Informationen die Eckpunkte bilden.

Aber auch in der Gegenwart ergibt sich ein besonderer Blick auf ein Stadtviertel. Man entdeckt liebevoll bepflanzte Gärten, architektonisch interessante Fassaden und kommt mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Die alte Postkarte funktioniert dabei als Schlüssel. Es liegt deshalb an den Teilnehmern selbst, wieviel sie aus einer solchen Stadttour mitnehmen.

Rainer Hanko war überrascht vom Postcard-Walk. Ihm hat es gut gefallen, selbst loszuziehen und Gegenden zu entdecken, die man bei einer normalen Stadtführung nicht sieht. "Man kann sich so viel Zeit nehmen, wie man möchte und sich den Tag selbst gestalten."

Ursula Knopf dagegen empfand diese Art der Stadtführung doch als etwas befremdlich. Sie war froh in der Gruppe unterwegs zu sein, alleine hätte sie Hemmungen gehabt, fremde Leute anzusprechen, sagt sie.

Der Postcard-Walk ist eine Wundertüte - man kann die tollsten Geschichten ausgraben oder von einer Sackgasse in die nächste tappen.

In unserer Bildergalerie nehmen wir Sie mit auf Spurensuche im Stuttgarter Westen. Viel Spaß beim Durchklicken!

Weitere Informationen zum Postcard-Walk finden Sie hier.

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