Fünf Jahre lang war Reiner Möller Chef der Kriminalpolizei – jetzt untersteht ihm das ganze Polizeipräsidium Aalen. Foto: Gottfried Stoppel

Was macht der Polizei derzeit besonders zu schaffen? Was das Leben früher sicherer? Und kann ein gestandener Kriminaler noch Krimis im Fernsehen sehen? Der neue Aalener Polizeipräsident Reiner Möller steht Rede und Antwort.

Rems-Murr-Kreis - Nach spektakulären Fällen wie dem Mord an der Backnangerin Katharina K. war er noch als Kripo-Chef ins Scheinwerferlicht getreten. Am Samstag ist es genau 100 Tage her, dass Reiner Möller das Amt des Polizeipräsidenten in Aalen angetreten hat.

Herr Möller, was machen Sie als Polizeipräsident anders als ihre Vorgänger?

Natürlich waren wir schon in den letzten fünf Jahren sehr gut aufgestellt und auf einem guten Weg. Ich selbst habe mir einige Nuancen überlegt, an denen ich etwas ändern möchte. Zum Beispiel stelle ich jeden Morgen ein Posting in unser Intranet, damit meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, was ich als Präsident für Aufgaben wahrnehme. Das schafft Transparenz und macht das Amt „greifbar“. Auch ist mir besonders wichtig, in Besprechungen nicht nur die obere Führungsebene der Direktionsleiter einzubeziehen, sondern auch weitere Führungsebenen.

Sind Sie schon ganz in Ihrem neuen Beruf angekommen ?

Die ersten 100 Tage muss man gesondert betrachten. Ich bin gerade sehr viel unterwegs, in meinem Büro in Aalen war ich, glaube ich, vor anderthalb Wochen zum letzten Mal. Mit meinem Laptop bin ich stets mobil. Derzeit mache ich natürlich auch viele Antrittsbesuche bei den unterschiedlichsten Partnern wie den Kommunen, den Landratsämtern sowie bei unseren Polizeirevieren et cetera. Einen Vorteil aber habe ich dadurch, dass ich schon fünf Jahre lang beim Präsidium Aalen tätig war und daher das Gebiet und viele Kolleginnen und Kollegen und Behördenansprechpartner kenne.

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Wie unterscheidet sich das Präsidium Aalen von anderen im Land?

Wir haben sehr große ländliche Bereiche, die Reviere Schwäbisch-Hall und Crailsheim gehören flächenmäßig zu den größten im Land. Wir sind im Bereich der Rauschgiftbekämpfung speziell aufgestellt und haben schon früh die Cybercrime-Ermittlungen zentralisiert. Außerdem bauen wir gerade eines der modernsten Kriminaltechnischen Labore im Land.

Gibt es im Bereich Ihres Präsidiums besondere Verbrechensschwerpunkte?

Es gibt keinen Ort, an dem man sich nicht aufhalten könnte. Baden-Württemberg ist eines der sichersten Bundesländer – und das Präsidium Aalen ist wiederum eines der sichersten im Land. In den vergangenen fünf Jahren sind die Fallzahlen nach unten gegangen. Rund die Hälfte der Delikte spielt sich im Rems-Murr-Kreis ab, etwa 30 Prozent im Ostalbkreis und knapp 20 im Schwäbisch-Haller Raum.

Gibt es schon etwas, das Sie aus Ihrer Zeit als Kripo-Chef vermissen?

Ich war gerne im operativen Bereich mit draußen – das kann ich im Moment nicht leisten. Ansonsten ist mein Tagesablauf so voll mit Terminen, dass ich gar keine Zeit habe, etwas zu vermissen.

Was macht der Polizeipräsident, wenn er nicht im Dienst ist?

In gewisser Weise ist mein Beruf mein Hobby. Aber wenn es die Zeit erlaubt, mache ich gerne Sport – Joggen, Walken und Radfahren, vor allem mit dem E-Bike. Außerdem lese ich gerne Krimis.

Kann man das denn als Polizeipräsident noch? Krimis lesen oder welche im Fernsehen schauen?

Ich sage meiner Frau immer, ich muss mich doch fortbilden (schmunzelt). Dass Krimis im Buch oder im Fernsehen meist nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, ist klar. Echte kriminalpolizeiliche Arbeit ist ja auch spannend, lässt sich aber in 90 Minuten nicht unterbringen. Das Einzige, was mich wirklich ärgert, ist, wenn die Polizisten völlig falsche Länderwappen oder falsche Dienstgradabzeichen tragen. Das ist mangelnde Vorbereitung, und in diesen Fällen wäre ich gerne als Berater tätig (lacht).

Sie sind seit 40 Jahren bei der Polizei – ist das Leben heute gefährlicher als damals?

Nein. Aber die Diskrepanz zwischen objektiver Sicherheit und dem Sicherheitsempfinden ist deutlich größer als früher.

Warum ist das so?

Ich kann nur spekulieren, dass das Empfinden sich durch das ständige Verbreiten entsprechender Umstände durch die Medien oder die sozialen Netzwerke gewandelt hat. Auch wenn sich das mit der objektiven Sicherheitslage nicht mal im Ansatz in Einklang bringen lässt. Vielleicht trägt auch die Häufung an Krimis dazu bei – man kann jeden Abend aus 24 davon wählen und glaubt am Ende, dass das dort Gezeigte der Realität entspricht.

Trotzdem ist es ja nicht so, dass das Verbrechen besiegt wäre...

Natürlich. Es hat auch gravierende inhaltliche Verlagerungen gegeben. Zum Beispiel, dass bestimmt die Hälfte aller Delikte in irgendeiner Form mit dem Internet zusammenhängt. Auch die Betrugsmasche mit den falschen Polizeibeamten gibt es erst seit zwei, drei Jahren als ein so großes Phänomen.

Hat die Brutalität zugenommen?

Die Aggressivität im öffentlichen Raum war früher nicht so hoch. Dass es so schnell zu körperlicher Auseinandersetzung kommt, dass man so schnell zum Messer greift oder dass häusliche Gewalt derart zugenommen hat – das kannte ich von früher nicht. Auch die Respektlosigkeit gegenüber Polizisten und Rettungsdiensten hat stark zugenommen.

Seit Juni hat die Polizei Aalen Bodycams im Einsatz, um des Problems Herr zu werden. Wie haben sie sich bewährt?

In vielen Fällen hat die Aggressivität des Gegenübers mit dem Einschalten der Kamera nachgelassen. Aber die Einsatzkräfte müssen sich noch daran gewöhnen – zum Beispiel, wann sie die Kameras einschalten sollten und wie sie sich mit der Kamera an der Brust bewegen müssen.

Ihr Vorgänger wünschte sich für den Einsatz der Kamera weitergehende Befugnisse.

Ja. Wichtig wäre uns, dass wir sie künftig in Situationen einsetzen können, in denen es heute rechtlich nicht zulässig wäre. Zum Beispiel bei häuslicher Gewalt – in Wohnungen dürfen wir die Kamera nicht einschalten. Oder in Gaststätten, in denen es zu Auseinandersetzungen kommt.

Aber die Unverletzlichkeit der eigenen Wohnung ist doch zu Recht vom Grundgesetz besonders geschützt.

Richtig. Aber einerseits werden wir zumindest von einem Wohnungsberechtigten gerufen, und andererseits geht es uns um Situationen, die das Auslösen der Bodycam erlauben. Nur diese Gefahrensituationen wollen wir aufnehmen – und nicht die Wohnung selbst dokumentieren.

Ein Problem für die Polizei ist der Personalmangel. Wie macht sich der bemerkbar?

Bei der Kinderpornografie etwa gab es in den letzten Jahren deutliche Fallsteigerungen, das können wir nur teilweise mit technischem Equipment auffangen. Bei den Finanzermittlungen gab es wegen Gesetzesänderungen deutliche Fallsteigerungen – und das können wir nur mit mehr Personal regeln. Insgesamt schauen wir, dass zum Beispiel die Streifendienste auf einem gewissen Niveau bleiben, um mit genügend Personal rechtzeitig beim Bürger draußen sein zu können.

Das Land hat ja mit einer Einstellungsoffensive reagiert.

Ja, mit 1800 Einstellungen pro Jahr. Allerdings müssen diese jungen Polizistinnen und Polizisten erst einmal ausgebildet werden. Insofern erwarte ich eine Verbesserung in den Jahren 2022 oder 2023.

Ist die Polizei ein attraktiver Arbeitgeber?

Auf jeden Fall. Man sieht es an der guten Bewerberlage. Bei der Polizei kann man viele Hobbys sogar im Beruf ausleben – etwa bei der Hundestaffel, der Reiterstaffel, der Wasserschutzpolizei oder den Spezialkräften. Außerdem können Sie sich bei der Polizei während der Arbeitszeit fortbilden und studieren.

Sie selbst haben drei erwachsene Kinder. Sind die auch bei der Polizei?

Nein. Einer meiner Söhne wollte einmal zum Spezialeinsatzkommando. Dann hat sich aber herausgestellt, dass er eine Brille benötigt – und damit kann man dort nicht tätig sein. Jetzt hat er studiert und übt einen anderen Beruf aus.

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