Oskar Schlemmer, Wandbild Familie, ursprünglich im Hause Dieter Keller, 1940, Galerie Pels-Leusden AG, Zürich Foto: Galerie Valentien

Die Staatsgalerie Stuttgart will das letzte große Wandbild von Oskar Schlemmer für Stuttgart sichern und ruft zu einer Bürgerspende auf: 1,95 Millionen Euro werden für das Werk benötigt.

Stuttgart - In Stuttgart-Vaihingen kommt es 1939 zu einer denkwürdigen Begegnung. Der Verleger und Kunstsammler Dieter ­Keller (1909–1985) – dessen Familie hat in Stuttgart den Kosmos-Verlag mitgegründet – beauftragt den in Hitler-Deutschland als „entartet“ verhöhnten Maler und Bühnenkünstler Oskar Schlemmer (1888–1943) mit einem Wandbild. Schlemmer, der doch in den 1920er Jahren wichtigster deutscher Künstler am legendären Bauhaus war, sieht die Chance, „ein letztes Mal frei und kompromisslos“ arbeiten zu können. „Familie“ ist das vereinbarte Thema – und so nähert sich Schlemmer in mehr als 70 Zeichnungen einem gültigen Entwurf.

Dieser zeigt eine Komposition, die aus Sicht des Kunstwissenschaftlers und Schlemmer-Kenners Wulf Herzogenrath „Familien-Glück und Kriegs-Trauer zu einem überpersönlichen Symbol-Bild ­verdichtet“. Zu sehen sind zentral drei ­Figuren: eine Frau vor einem hellblauen Kreis, ein Mann vor einer hellroten Raute und – in der Mitte, auf rotem Dreieck – ein Kind. Verbunden sind die drei durch ein hellgelbes Quadrat.

Worauf ­Herzogenrath anspielt: Die männliche Figur zieht sich zurück, eine Geste des Abschieds inmitten der Vorfreude auf das Glück des ­erwarteten Kindes. Und auch die weibliche Figur, zu verstehen als Porträt der zum Zeitpunkt der Entstehung von „Familie“ schwangeren Martha Keller, überrascht. Sie zeigt sich in einer Variation von Schlemmers Bühnenfigurinen in fast abwehrendem Stolz, ja, trotzig und doch zugleich sicher, das zu Erwartende meistern zu können.

Zwei Halbfiguren begrenzen die 2,55 ­Meter hohe und 4,15 Meter breite Szene. Rechts ­zu sehen ist, wie Martha Schlemmer es formuliert, das „Schicksal, wie es uns anschaut“. Links scheint eine Figur aus dem Bild zu entschwinden. Noch einmal ein deutlicher Hinweis auf die Einberufung Dieter Kellers zum Kriegseinsatz.

Oskar Schlemmer arbeitet mit Wachs­farben, Sand und Goldbronze auf einer ­kreidegrundierten Nesselleinwand. Diese wird 1940 auf einer Gipswand aufgebracht.

55 Jahre bleibt Schlemmers „Familie“ – in durchaus wechselvoller Geschichte – im ­ehemaligen Haus Keller. Dann kommt 1995 das Aus, die seinerzeit viel diskutierte Trennung von Bild und Ort. Die Schlemmer-Erben, ­allen voran C. ­Raman Schlemmer, werten den Ausbau als „Barbarei“. Energisch dagegen vertritt der Stuttgarter Galerist Freerk Valentien, der für den fachgerechten Ausbau und die ­Restaurierung des Monumentalwerkes sorgt und das Bild auch einige Zeit in seiner Galerie präsentiert, eine Gegenposition. Valentien sieht die Chance, das Bild öffentlich zu zeigen. Die Bremer Kunsthalle ist interessiert, knapp 1,7 Millionen Mark (850 000 Euro) sind mindestens aufzubringen.

„Familie“ geht einen anderen Weg – das Bild kommt in die Schweiz. Und von dort aus wieder zurück? „Es ist das letzte große Werk eines Künstlers von Weltrang, der aus Stuttgart stammt und gerne hier heimisch war“, sagt Freerk Valentien jetzt und unterstützt die Staatsgalerie bei ihren Bemühungen, das in der Großen Landesausstellung „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ prominent präsentierte Werk in Stuttgart zu halten. 1,95 Millionen Euro sind aufgerufen – die Kulturstiftung der Länder und die Museumsstiftung Baden-Württemberg haben Unterstützung zugesagt.

Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange setzt jedoch noch auf eine andere Kraft – das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. „Bitte helfen Sie uns mit Ihrer Spende! Es ist die einmalige Gelegenheit, dieses Werk Oskar Schlemmers, das so eng mit Stuttgart verbunden ist, nach Hause zurückzuholen“, sagt Lange. Auch Jürgen Hubbert, Vorsitzender des Vorstandes der Freunde der Staatsgalerie, wirbt für den gemeinschaftlichen Einsatz. „Oskar Schlemmers Wandbild ,Familie‘, sagt Hubbert, „ist das hoffnungsvolle Vermächtnis dieses Künstlers, geschaffen in einer Lebensphase größter Verfolgung und Erniedrigung. Dieses Werk gehört nach Stuttgart. Deshalb unterstütze ich den Erwerb nach Kräften und hoffe auf viele Gleichgesinnte.“

In den nächsten Tagen soll der Schulterschluss für Schlemmer schon im Eingangsbereich der Staatsgalerie „deutlich sichtbar sein“, betont Museumschefin Lange. Nichts aber ist wirkungsvoller als die Begegnung mit dem Original – von 23. Mai an ist „Familie“ wieder im Obergeschoss der Neuen Staatsgalerie zu sehen.

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