Ohne Abschluss im Arbeitsmarkt Anerkennung für ungelernte Arbeitskräfte

Von Thomas Thieme 

Fachkräfte trotz fehlender Berufsausbildung: Der Koch Taner Yilmaz (links) und die Kellnerin Tetyana Rutkowski sind Kollegen in der Alten Kanzlei in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Fachkräfte trotz fehlender Berufsausbildung: Der Koch Taner Yilmaz (links) und die Kellnerin Tetyana Rutkowski sind Kollegen in der Alten Kanzlei in Stuttgart . Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Im Pilotprojekt Valikom können sich Menschen ohne Berufsabschluss ihre Kompetenzen bestätigen lassen. Das kann nicht nur ihre Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten verbessern, sondern mindert auch das Risiko, den Job zu verlieren.

Stuttgart - Am Anfang konnte ich nicht einmal drei Teller gleichzeitig tragen, aber wenn man möchte, lernt man alles“, sagt Tetyana Rutkowski. Die 34-Jährige arbeitet seit viereinhalb Jahren als Servicekraft im Restaurant Alte Kanzlei am Stuttgarter Schlossplatz, wo sie nicht nur Gäste bedient, sondern auch das Catering für Veranstaltungen organisiert. Einen Abschluss als Restaurantfachfrau hat die junge Frau nicht. In ihrer Heimat, der Ukraine, hat sie ein Studium zur Deutschlehrerin abgeschlossen, bevor sie 2006 nach Stuttgart kam. Doch dieses Studium hat sie sich nie anerkennen lassen, und eine Ausbildung zur Waldorflehrerin und ein Germanistikstudium brach sie ab. „Schon damals habe ich als Kellnerin in Cafés gejobbt“, sagt sie. „Das ist es, was ich machen will.“

Rutkowski ist eine von rund zwei Millionen Menschen in der Bundesrepublik zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss. Für diese formal „Ungelernten“ ist es nicht nur schwieriger, Arbeit zu finden, sie tragen auch das höhere Risiko, einen Job wieder zu verlieren. Außerdem sind ihre Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten schlechter als von Kollegen mit beruflicher oder akademischer Ausbildung.

Initiativen wie das Programm Zukunftsstarter unterstützen junge Erwachsene bis 35 Jahre, die noch eine Erstausbildung absolvieren wollen. Wer mindestens fünf Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, kommt auch über eine sogenannte Externenprüfung zum Berufsabschluss. Allerdings liegt die Hürde dafür hoch, denn der Kandidat muss alle theoretischen und praktischen Prüfungsinhalte absolvieren, wie ein „normaler“ Azubi. „Das ist sehr schwierig für jemanden, der ‚nur’ gearbeitet hat“, erklärt Nicolle Breusing von der IHK Region Stuttgart. Die Kammer ist eine von bundesweit acht IHKs und Handelskammern, die 2016 ein niederschwelligeres Angebot erarbeitet haben und seit dem Frühjahr 2017 in der Praxis erproben. Beim Valikom-Verfahren erwerben Menschen, die längere Zeit eine Tätigkeit ausüben, ein Zertifikat, das ihnen die volle oder zumindest eine teilweise Gleichwertigkeit zum entsprechenden Berufsabschluss bescheinigt.

IHK Region Stuttgart ist einer von acht Projektpartnern

Das dieses Dokument keinen formalen Ausbildungsabschluss ersetzt, räumt Breusing zwar ein. Allerdings lohne sich der Aufwand dennoch. Die Teilnehmer, die nicht selten Lücken oder Brüche im Lebenslauf hätten, bekommen ihre angelernten Fähigkeiten von einer offiziellen Stelle bestätigt. „Das ist manchmal mehr wert als ein Gefälligkeitszeugnis eines früheren Arbeitgebers“, sagt die Kammervertreterin. Das Zertifikat könne die Chancen bei der Jobsuche erhöhen – daher sei es auch nicht selbstverständlich, dass Arbeitgeber wie die Alte Kanzlei ihre ungelernten Mitarbeiter dazu ermuntern, das Angebot wahrzunehmen. Manche Teilnehmer spornt es auch an, sich weiterzubilden und eine Externenprüfung anzustreben.

Doch selbst wenn sie es, wie die meisten ihrer Schützlinge, erst einmal nur für sich selbst machen würden, so Breusing, habe es einen großen Vorteil: Vorher würden manche Kandidaten sogar zu Azubis aufschauen, obwohl sie diese nicht selten selbst anlernten. Der Status der Dauerhilfskraft nagt am Selbstwertgefühl. „Sie erfahren durch das Verfahren Wertschätzung und tanken Selbstbewusstsein“, erklärt Breusing, die in den vergangenen zwölf Monaten rund 30 Männer und Frauen in Valikom begleitet hat. Die meisten Teilnehmer kamen aus der Gastronomie und waren zwischen 35 und 45 Jahren alt, etwas mehr als die Hälfte mit Migrationshintergrund.

Im mehrstündigen Praxistest werden die Kompetenzen geprüft

Nach ein paar Vorbesprechungen mussten sie ihre Fähigkeiten in einem mehrstündigen Praxistest unter Beweis stellen. Die Aufgaben gab ihnen ein externer Berufsexperte, bei der IHK im Land war das in den meisten Fällen ein IHK-Prüfer, der ansonsten auch reguläre Auszubildende prüft. Die Teilnehmer wurden nur in Bereichen bewertet, in denen sie sich auskennen. Tetyana Rutkowski hat in einem Rollenspiel die Kundenbestellung für ein Bankett aufgenommen, einen Hochzeitstisch eingedeckt und für Gäste à la carte Essen serviert. Die junge Frau ist nicht die einzige Mitarbeiterin der Alten Kanzlei, die sich ihre im Job erworbenen Kompetenzen schriftlich bestätigen lassen hat.

Auch Taner Yilmaz hat mittlerweile sein Zertifikat. Der 42-jährige Türke arbeitet seit 17 Jahren als Koch im Restaurant. Sein Antrieb für Valikom war etwas kurios: Zwei seiner drei Kinder besuchen die Waldorfschule. Um dort bei Ausflügen und anderen Veranstaltungen kochen zu dürfen, sollte er einen schriftlichen Qualifikationsnachweis vorlegen. Da er nie eine richtige Kochlehre gemacht hatte, fehlte ihm dieser – bis jetzt. „Meine Kinder sind stolz auf mich. Das ist auch für sie ein Ansporn: Sie sehen, dass sie es schaffen können.“ Mit den Waldorfschülern will er nun zusammen Kartoffelsuppe und Gemüsegulasch im Wald kochen. „Feuer, ein großer Topf – da kannst du nichts falsch machen“, sagt er.

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