Ein Blick in die Zukunft: Der digitale Wandel kann noch ökologisch werden, aber er braucht dafür klare Rahmenbedingungen, sagen Wissenschaftler. Foto: Getty Images

Fairphone heißt das Smartphone, das bereits einige Umweltpreise eingeheimst hat. Doch der Markterfolg hält sich in Grenzen: Gerade mal 150 000 Geräte wurden verkauft.

Stuttgart - Die Chancen und Risiken des digitalen Wandels für einen Erhalt der natürlichen Ressourcen halten sich noch die Waage, wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen feststellte. Wer aber einen Blick auf die tatsächlich im Alltag „angekommenen“ nachhaltigen Ergebnisse der Digitalisierung wirft, der muss enttäuscht sein – wie an drei Beispielen deutlich wird – Handys, Musikgenuss, Suchmaschinen. Beim Thema Smartphone ist in erster Linie das Fairphone zu nennen, dass 2013 von einem holländischen Unternehmen auf den Markt gebracht worden ist, später in einer modernen Version weiterentwickelt worden ist. Derzeit ist das Fairphone beim Hersteller ausverkauft, Handelspartner verfügen noch über einige Modelle oder generalüberholte Exemplare, aber „wir bereiten uns auf die nächsten großen Schritte vor – eine Produkt-Roadmap und die Entwicklung eines neuen Produkts“, sagte Geschäftsführerin Eva Gouwens.

Langlebigkeit, das Vorhalten von Ersatzteilen und der Versuch mehr Transparenz in die kritischen Lieferländer der für Smartphones wichtigen seltenen Metalle zu bringen hat Fairphone – dessen jüngste Version bei der Markteinführung vor vier Jahren 530 Euro kostete – ausgezeichnet.

Umweltpreise für Fairphone

Und das soll so bleiben. Man arbeite mit Partnern wie der Organisation „Solution for Hope“ zusammen, die die erste „geschlossene Lieferkette für Tantal aus Katanga in der Demokratischen Republik Kongo entwickelt“ habe, und man habe gezeigt, dass Mobilfunkunternehmen Zinn aus „konfliktfreien, validierten Minen“ im Kongo beziehen könnten. Im übrigen habe Fairphone als erstes Unternehmen der Branche „Fairtrade Gold in seine Lieferkette integriert“. All das klingt überzeugend, auch hat Fairphone mehrere Umweltpreise und den Blauen Engel für das Nachfolgemodell erhalten, aber der durchschlagende Erfolg dieser Idee ist nicht erkennbar. Bisher sind die Fairphones I und II insgesamt 150 000 verkauft worden, angesichts von jährlich und weltweit insgesamt 1,4 Milliarden abgesetzten Smartphones herkömmlicher Produktion eine verschwindend geringe Menge. Warten die großen Mobilfunkhersteller noch ab, bis sie mit ethischen Standards in die Werbung gehen?

Der Klimafußabdruck der Streaming Dienste

Ein explodierendes Massengeschäft sind immerhin die Streaming-Dienste von Musik- und Videoanbietern wie Spotify, Amazon Prime, i-Tunes, Youtube oder Netflix. Ökologisch gut, denkt sich der Laie, denn bei diesen Angeboten fällt ja der Ressourcenverbrauch für die Bild- und Tonträger weg. Eine neue Studie der Musikwissenschaftler Kyle Dovine (Oslo) und Matt Brennan (Glasgow) zeichnet allerdings ein ernüchterndes Bild: Streamingdienste haben nicht unbedingt einen kleineren Klimafußabdruck als die alten CDs und Schallplatten: Die Forscher beobachteten den US-Markt und kamen zum Ergebnis, dass zwar der Plastikmüll durch CDs rückläufig gewesen sei, von 61000 Tonnen (im Jahr 2000) auf 8000 Tonnen (2016), dass aber wegen des sehr hohen Strombedarfs von Datenzentren und Servern die Online-Dienste eigentlich schädlicher seien: Auf ihr Konto gingen 2016 rund 200 000 bis 350000 Tonnen Treibhausgas-Äquivalente, im Jahr 2000 lautete die Vergleichszahl der Musikindustrie 157 000 Tonnen. Die Forscher räumen allerdings ein, die ökologischen Kosten der Auslieferung der CDs nicht mit einkalkuliert zu haben. Der WWF zitierte Studien, wonach der jährliche, weltweite Kohlendioxid-Abdruck der Informations- und Kommunikationstechnologie „auf der Ebene des Flugverkehrs liegt, der zwei Prozent der von Menschen erzeugten Energie“ verschlinge. Tendenz steigend, allein die Rechenzentren sollen eine jährliche Steigerung ihres CO2-Ausstoßes um 14 Prozent haben. Eine ein-sekündige Recherche bei Google mit einem Ergebnis von acht Millionen Nennungen koste 0,2 Gramm Kohlendioxid, sagt der WWF.

Die Öko-Suchmaschine nutzt Google-Daten

Liegt es da nicht nahe, zumindest bei der Internetrecherche auf nachhaltige Suchmaschinen zu setzen? Es gibt sie bereits, aber auch sie brauchen Strom und nutzen meist herkömmliche Suchdienste wie Google, Bing oder Yahoo als Quelle. Der Unterschied: Die Öko-Suchmaschinen stecken einen Teil ihrer Erlöse in Öko-Projekte. Angenehm surft es sich etwa mit Ecosia, da diese Suchmaschine viele lästige Werbung ausblendet und nach eigenen Angaben 80 Prozent des Gewinns in die Wiederaufforstung von Wäldern steckt. Ecosearch ist eine Non-Profitorganisation, die 100 Prozent der Gewinne an Projekte spendet, und das Markenzeichen von Umlu ist es, nachhaltige Produkte und Firmen in den Ergebnissen weit vorn zu platzieren.

Die Einschätzung des genannten Wissenschaftlichen Beirats fällt noch vernichtend aus: „Derzeit bewegt sich der digitale Wandel auf einem nicht nachhaltigen Pfad“, sagt er. Aber er nennt auch die Chancen der Digitalisierung: bei der Integration der Erneuerbaren Energien, der Präzisionslandwirtschaft sowie dem „Tracking“ nachhaltiger Lieferketten. Nur müsse ein klarer Gesetzesrahmen für grüne IT geschaffen werden.

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