Nach dem Verzicht von Amtsinhaber Fritz Kuhn tut sich bei den erfolgsverwöhnten Grünen plötzlich ein Personalvakuum auf. Die vermeintlichen Platzhirsche sollten sich vor der OB-Wahl im November nicht zu sicher fühlen, meint Lokalchef Jan Sellner.
Stuttgart - Stell dir vor, in Stuttgart ist OB-Wahl – und kein Grüner steht auf dem Wahlzettel, weil sich niemand dafür gefunden hat. Niemand, der bereit gewesen wäre, monatelang Wahlkampf zu führen mit allem was dazugehört: sich in der Stadt die Hacken ablaufen, Hausbesuche machen, sich bei jedem Heckenbeerlesfestle zeigen, Leuten zuhören, auch solchen, die anstrengend sind, unbequeme Fragen beantworten, Kritik einstecken, sein Privatleben opfern. Und das ist ja nur der Anfang. Im Fall des Wahlerfolgs fängt die Knochenmühle erst so richtig an, zu mahlen: die oder der Neue an der Rathausspitze muss eine Verwaltung mit Tausenden Mitarbeitern führen, mit dem Gemeinderat klarkommen, Versprechen einhalten, die Stadt überzeugend vertreten, Bürgernähe überzeugend leben, sich für nichts zu schade sein, für Stuttgart brennen . . .
Geht es den Stuttgarter Grünen zu gut?
Das alles muss man erstens wollen und zweitens können. Viele Grünen, so hat man in diesen Tagen den Eindruck, wollen es nicht, unabhängig davon, ob sie es könnten. Anders kann man die Absagen prominenter Grünen-Vertreter kaum interpretieren. Nach der überraschenden Verzichtserklärung von Oberbürgermeister Fritz Kuhn vom Jahresanfang, gingen in der Partei reihenweise die Hände nach oben. Die Wortmeldungen hatten im Kern den gleichen Inhalt: „OB? Nein danke!“ Dann eben nicht. Einen Oberbürgermeister kann man nicht zum Jagen tragen. In wohltuendem Kontrast dazu stehen die Bewerbungen von Marian Schreier und Martin Körner, beide von der SPD. Sie trennt vieles, eigentlich alles, eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie wollen unbedingt OB in Stuttgart werden.
Daran schließt sich die Frage an: Geht es den Stuttgarter Grünen inzwischen zu gut? Aus der Tatsache, dass die Landeshauptstadt über die Jahre immer grüner wurde, hat sich eine Form von Selbstsicherheit entwickelt, die manchmal schon an Arroganz grenzt. Nach dem Motto: Wir sind hier die Platzhirsche. Uns kann keiner. Schon gar nicht bei der OB-Wahl.
So fing’s bei der CDU im Land auch an
Nur zur Erinnerung: So fing’s bei der CDU im Land vor zehn Jahren auch an. In der trügerischen Annahme, Wahlsiege abonniert zu haben, war den Schwarzen nach und nach die Bodenhaftung abhanden gekommen. Am Ende musste sich die satte CDU erfolgshungrigen Grünen geschlagen geben. Inzwischen sind es die Grünen, die sich wohlig eingerichtet haben – nicht alle, aber viele. Grün zu sein ist manchmal nur noch schick. „Achtung Grüne!“ kann man da nur sagen. Stuttgart zu regieren und sich in den Dienst der Stadt und ihrer Bürger zu stellen ist keine Lifestyle-Frage, sondern harte Arbeit. Es erfordert großen Einsatz, um die Stadt voranzubringen: im Wohnungsbau, beim Verkehr oder bei der Stadtentwicklung.
Ein Weiteres kommt hinzu: Je länger, je mehr zeigt sich, dass Fritz Kuhn die Grünen mit seinem Alleingang in große Schwierigkeiten gebracht hat. Wenn der noch bis Jahresende regierende OB darauf vertraut haben sollte, das grüne Personal-Vakuum würde sich nach seinem Verzicht auf eine erneute Kandidatur im November umgehend schließen, hat er sich verrechnet. Die Stuttgarter Grünen waren dazu nicht imstande. Inzwischen schweigen sie. Nichts soll mehr nach draußen dringen. Das könnte bedeuten, dass sie den Ernst der Lage erkannt haben. Oder aber: dass da tatsächlich keiner ist, der leidenschaftlich gern OB sein will.
jan.sellner@stzn.de