Stopp vor dem Rathaus: OB-Kandidat Marian Schreier will das Nachtleben in Stuttgart stärken und plädiert für eine aktivere Liegenschaftspolitik der Stadt, um Leerständen von Geschäften zu begegnen. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Beim Stadtspaziergang der Stiftung Geißstraße erläuterte am Samstag Marian Schreier, OB-Einzelbewerber mit SPD-Parteibuch, seine politischen Vorstellungen. Manche Bereiche der Stadtgesellschaft seien ihm noch zu unterbelichtet: „Im Rathaus fehlt es an Bewusstsein, dass es Stuttgart auch bei Nacht gibt.“

Stuttgart - Das ein OB-Wahlkampf „keine Schönwetterveranstaltung“ ist, diese Erkenntnis offenbarte Marian Schreier gleich zu Beginn seines Rundgangs durch die Innenstadt: Bei nasskaltem Wetter führte der Einzelbewerber mit SPD-Parteibuch 20 Bürger und Bürgerinnen an jene Orte der City, mit denen ihn politisch und persönlich etwas verbindet. Die Veranstaltung war Teil der von der Stiftung Geißstraße organisierten Stadtspaziergänge mit den aussichtsreichsten Bewerbern für den Chefsessel im Rathaus. Und Schreier, der gegen den Willen der Kreis- und Landespartei seinen Hut in den Ring geworfen hat, werden durchaus Außenseiterchancen zugebilligt.

 

Erste Station des Rundgangs ist das Rathaus. Ein bisschen erinnert man sich an die Anekdote vom jungen Genossen Gerhard Schröder, der schon als Juso-Chef am Gitter des Bonner Bundeskanzleramts gerüttelt haben und „Ich will da rein“ gerufen haben soll. Der 30-jährige Schreier, gebürtiger Stuttgarter und derzeit Schultes der 4500-Einwohner-Stadt Tengen im Hegau, will im November den Amtsinhaber Fritz Kuhn (Grüne) beerben. Seine Motivation, Politik zu machen anstatt wie seine Eltern eine musikalische Karriere einzuschlagen, beschreibt er mit zwei Begriffen: Es gehe ihm um Freiheit und Solidarität. Die Freiheit, dass jeder Mensch seine eigene Lebensgeschichte schreiben könne und dass er dafür, wenn nötig, solidarische Unterstützung staatlicher und städtischer Organe in Anspruch nehmen könne.

Schreier: Haben in Stuttgart keinen Mangel an Zielen, sondern ein Umsetzungsproblem

Dass sich in Stuttgart zu wenig bewegt habe in den vergangenen Jahren, dieses Credo Schreiers zieht sich durch fast alle Stationen des Spaziergangs. „Wir haben keinen Mangel an Zielen, wir haben ein Umsetzungsproblem“, sagt der Bewerber. Beispiel Energiewende: Die geplante Fotovoltaikanlage am Rathausturm sei für ihn „Symbolpolitik“. Schreier will lieber dafür sorgen, dass möglichst rasch alle städtischen Gebäude, insbesondere die Schulen, mit Solarpaneelen ausgestattet werden. Und er wolle als OB in Stuttgart einen neuen politischen Stil prägen, mehr Offenheit und Innovation wagen. „Wir müssen die Stadt im Dialog gestalten.“

Ganz praktisch möchte Schreier, der am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium das Abitur ablegte und später in Konstanz und Oxford studierte, die Verwaltung „auf die Höhe der Zeit bringen“ und auf Effizienz trimmen: Die Arbeitsplätze müssten besser ausgestattet, die Mitarbeiter per Großstadtzulage besser bezahlt werden. Im Rathaus will er einen Service-Desk für die Bürger einrichten, der ihnen den Weg zum für ihr Problem zuständigen Amt weist.

Kandidat plädiert für mehr öffentliche Aufträge an lokale und regionale Betriebe

Beim Stopp in der Schulstraße und mit Blick auf einzelne leer stehende Geschäfte betont der Kandidat die Bedeutung lebendiger Stadt- und Stadtteilzentren als Orte der Begegnung. Er wünscht sich, dass die Stadt eine aktive Liegenschaftspolitik betreibt, etwa Gebäude aufkauft und dann weiter vermietet. Die Qualität des öffentlichen Raums will er aufwerten, zum Beispiel durch eine Art Weinrebendach über der Schulstraße. Und er würde sich als OB dafür einsetzen, dass öffentliche Aufträge häufiger in die Stadt und die Region vergeben werden als bisher. Vor der Stiftskirche nutzt Schreier die Möglichkeit, auf die Zersplitterung und Vereinsamung in der Gesellschaft hinzuweisen, der er mit der Stelle eines Einsamkeitsbeauftragten entgegenwirken will. Und er betont die Bedeutung der kulturellen Vielfalt in der Stadt – von der Oper, die er sanieren will, ohne die Debatte um Alternativen abzuwürgen, bis zur freien Kulturszene, die mit Recht ebenfalls finanzielle Unterstützung einfordere.

Das Nachtleben, meint Schreier, sei im Rathaus bisher zu wenig beachtet worden. Auch dort brauche es Konzepte und eine aktive Steuerung aus dem Rathaus, etwa durch einen Lärmschutzfonds für Clubs und Livespielstätten oder durch einen autofreien Samstag auf der Theo, den die Clubs und Gastronomen für ihre Präsentation nutzen könnten. Dass nicht alles in Stuttgart schiefgelaufen ist, stellt Schreier an der letzen Station des Rundgangs heraus, dem Hospitalviertel: „Das ist ein Paradebeispiel für Stadtentwicklung“, lobt er. Man müsse aber die Bürger stadtweit noch mehr einbeziehen, wenn es um die Entwicklung eines positiven Zukunftsbilds und einer neuen Stadtentwicklungsstrategie gehe.