Während die politischen Platzhirsche zaudern, wagt sich ein junger Kandidat hervor. Der Stuttgarter OB-Wahlkampf erhält dadurch erste Konturen. Erfreulicherweise, findet Lokalchef Jan Sellner.
Stuttgart - Kennen Sie Marian Schreier? Bis vor wenigen Tagen war er einem größeren Publikum in Stuttgart unbekannt, obwohl er von hier stammt – aber das tun viele. Was allerdings nur wenige tun, genau genommen bisher offiziell keiner, ist, sich als Kandidat für die nächste Oberbürgermeisterwahl zu bewerben. Marian Schreier ist der Erste, der sich traut, und entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit, die ihm seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur in dieser Woche zuteilwird. Dazu kommt, dass sich hier ein Vertreter der jungen Generation zu Wort meldet. Schreier ist 29 Jahre alt.
Und er ist bereits Bürgermeister. Seit dem zarten Alter von 25 steht er der Stadt Tengen im Hegau als Oberhaupt vor. Bei seiner Wahl 2015 war er der jüngste Rathauschef Deutschlands. Ein Bubi mit Amtskette – das ist nicht despektierlich gemeint. Als Jungspund, SPD-Mitglied und Protestant brachte er das Kunststück fertig, in dem katholisch geprägten Ort auf einen Stimmenanteil von 71 Prozent zu kommen. Seinen Job macht er offensichtlich gut. Der „Südkurier“ nennt Schreier ein „Sonntagskind“, dem viel Wohlwollen entgegenschlägt. Er gilt als rhetorisch versiert und bürgernah. Natürlich muss man auch die Größenverhältnisse sehen. Die Einwohnerzahl Tengens beträgt nicht einmal ein Prozent der Einwohnerzahl Stuttgarts: 4600 zu 613 000.
Die CDU sucht und sucht
Jedenfalls darf man in diesem frühen Stadium des OB-Wahlkampfs schon mal festhalten: Es ist gut, dass sich Bewerber, zumal junge Leute, selbstbewusst zur Wahl stellen und das frühzeitig kundtun, auch wenn das den politischen Platzhirschen nicht gefällt. In dem Fall SPD-Fraktionschef Martin Körner, der seine Ambitionen auf den OB-Sessel kaum verhehlen kann, sie allerdings noch nicht öffentlich gemacht hat, weil er sich nicht zu früh aus der Deckung wagen will.
Ähnlich die Lage bei der CDU. Eine Findungskommission sucht bisher glücklos nach einem geeigneten Bewerber oder einer Bewerberin. Derjenige, der in der Stuttgarter CDU am ehesten OB-Statur hätte, Kulturbürgermeister Fabian Mayer, hat abgewinkt. Bleiben die Bundestagsabgeordneten Karin Maag und Stefan Kaufmann sowie Fraktionschef Stefan Kotz, die alle mehr oder weniger wollen, aber erst mal abwarten, was die Findungskommission bis zum 5. Dezember findet oder auch nicht und ob die große Koalition in Berlin auseinanderfliegt oder weitermacht. Überall Wenns und Abers. Dazu ist festzustellen: Mit Zaudern ist noch keiner Oberbürgermeister geworden. Jede erfolgreiche Kandidatur beginnt mit einem überzeugenden: Ja, ich will! Unabhängig übrigens vom Lebensalter. Denn die Jugend ist kein Verdienst, so wenig wie das Alter ein Makel ist. Auf die Persönlichkeit kommt es an – bei der Oberbürgermeisterwahl besonders.
OB-Wahlkämpfe stecken voller Überraschungen
Und jetzt haben wir noch gar nicht über den Amtsinhaber gesprochen: Fritz Kuhn, der ein Geheimnis daraus macht, ob er 2020 nochmals antritt, und dieses Geheimnis erst am 7. Januar lüften will, obwohl es eigentlich gar kein Geheimnis mehr ist. Wie sagte Kabarettist Mathias Richling jüngst auf die Frage nach einem Tipp, wie sich der Grünen-Politiker entscheidet: „Man muss auch mal einsehen, wann es zu spät ist für einen Tipp.“ So sieht’s aus: Kuhn wird sich erneut bewerben, das ist für viele Beobachter klar wie Flädlesuppe. Stand heute ist er auch der Favorit. Gewonnen hat er aber noch lange nicht. Denn OB-Wahlkämpfe stecken voller Überraschungen. Für die erste hat der junge Kandidat aus Tengen gesorgt.
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